Startete seine internationale Karriere in Wien: Dirigent Kirill Petrenko

© APA/dpa/Victoria Bonn-Meuser

Entscheidung
06/22/2015

Kirill Petrenko wird Chef der Berliner Philharmoniker

Das deutsche Spitzenorchester hat die Rattle-Nachfolge schneller geklärt als angekündigt.

von Peter Temel

Nach der ergebnislosen Abstimmung im Mai ging es nun doch vergleichsweise schnell: Kirill Petrenko wird Chef der Berliner Philharmoniker, wie das Spitzenorchester am Montagmittag mitteilte. Petrenko folgt somit auf Simon Rattle, der die "Berliner" 2018 verlässt. Der russische Dirigent soll allerdings vorerst parallel zu seiner neuen Aufgabe Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper bleiben. Wann genau er sein Amt in Berlin antritt, konnte bei der kurzfristig anberaumten Pressekonferenz nicht beantwortet werden. Sein Vertrag in München läuft noch bis zur Saison 2017/2018, wobei Verhandlungen über eine Vertragsverlängerung geführt werden.

Petrenko sei am Sonntag im Rahmen einer Orchesterversammlung mit großer Mehrheit von den Mitgliedern gewählt worden, wie die Berliner Philharmoniker auf ihrer Website bekannt gaben. Der Dirigent sagt demnach in einer ersten Stellungnahme: "Man kann es gar nicht in Worte fassen, was in mir gefühlsmäßig vorgeht: Von Euphorie und großer Freude bis zu Ehrfurcht und Zweifel ist da alles drin." Simon Rattle sprach von einer "zukunftsweisenden Entscheidung."

Vertagte Entscheidung

Bereits am 11. Mai hatten sich die Orchestermitglieder getroffen, um einen neuen Chef zu küren. Nachdem keine Mehrheit gefunden werden konnte, musste die Sitzung in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem ergebnislos abgebrochen werden. Orchestervorstand Peter Riegelbauer gab schließlich bekannt, dass man sich innerhalb eines Jahres erneut treffen würde, um über die Kandidaten abzustimmen. Nun ist die Entscheidung doch ohne monatelange Diskussionen gefallen.

Petrenkos Wahl kam letztlich überraschend. Favorisiert wurden Christian Thielemann (Staatskapelle Dresden) und Andris Nelsons (Boston Symphony Orchestra). Auch der Generalmusikdirektor der Staatsoper Berlin, Daniel Barenboim, und Gustavo Dudamel (Los Angeles Philharmonic) wurden genannt. Riegelbauer erklärte bei der Pressekonferenz am Montag, dass es am Sonntag noch zwei Diskussionsrunden gegeben habe, bevor man Petrenko gegen Mittag angerufen habe.

Petrenko: Held von München und Bayreuth

Kirill Petrenko wurde 1972 in Sibirien geboren und übersiedelte mit seiner Familie 1990 nach Vorarlberg. Dort war sein Vater Geiger im Symphonieorchester. Nach einer Klavierausbildung am Landeskonservatorium Vorarlberg in Feldkirch studierte er an der Musikuniversität in Wien. 1997 trat er sein erstes Engagement als Kapellmeister an der Wiener Volksoper an, 1999 bis 2002 war er Generalmusikdirektor am traditionsreichen Staatstheater in Meiningen in Thüringen. Zwischen 2002 bis 2007 war Petrenko Generalmusikdirektor an der Komischen Oper Berlin.

Zuletzt trat er mit der Spielzeit 2013/14 sein neues Amt als Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper an. Unter seiner Leitung wurde das Münchener Haus 2014 zum "Opernhaus des Jahres" gekürt. 2013 leitete er den vielbeachteten Jubiläums-"Ring" in Bayreuth, wofür er exzellente Kritiken bekam. In diesem Sommer dirigiert Petrenko bei den Wagner-Festspielen Frank Castorfs "Ring"-Inszenierung zum letzten Mal.

Die Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker

Hans von Bülow, 1887-1892:
Der Dirigent, der 1865 in München die Uraufführung von Richard Wagners Oper "Tristan und Isolde" geleitet hatte, setzte die Maßstäbe für den späteren Ruhm des Orchesters. 1892 zog er sich aus gesundheitlichen Gründen zurück, zwei Jahre später starb er.

Arthur Nikisch, 1895-1922:
Nach seiner Rückkehr aus den USA übernahm er 1895 das Orchester. Mit Nikisch unternahmen die Philharmoniker ihre ersten großen Reisen, unter anderem zur Krönung des Zaren nach Moskau. Nikisch blieb 27 Jahre bis zu seinem Tod im Jahr 1922.

Wilhelm Furtwängler, 1922-1934 und 1952-1954:
Mit 36 Jahren trat er 1922 als Chef an. Nachdem das NS-Regime die Uraufführung von Paul Hindemiths Oper "Mathis der Maler" verboten hatte, legte er sein Amt nieder. Ein Jahr später kehrte er zurück, ohne Ämter. 1945 erhielt er Berufsverbot. In einem Entnazifizierungsverfahren wurde er freigesprochen. 1952 erhielt er seine Position offiziell zurück, zwei Jahre vor seinem Tod.

Herbert von Karajan, 1956-1989:
Seit 1956 entwickelten sich die Philharmoniker mit Karajan zum "Global Player" mit Tourneen in die USA, Japan und China sowie Platten- und TV-Aufnahmen. Karajan setzte sich für den Bau der Philharmonie ein, die 1963 eröffnet wurde. Als er gegen den Willen des Orchesters die Klarinettistin Sabine Meyer verpflichten wollte, kam es zum Eklat. 1989 legte Karajan sein Amt nieder. Drei Monate später starb er.

Claudio Abbado, 1990-2002:
Die Laufbahn des Italieners war früh mit dem Orchester verknüpft. Mit 33 Jahren gab er sein Debüt in Berlin. 1990 wurde er zum Chefdirigenten gewählt. Abbado widmete sich unter anderem dem Werk Gustav Mahlers, konzertanten Opernaufführungen und großen Zyklen - und wurde vom Publikum angehimmelt. Nach dem letzten Konzert als Chef 2002 regneten mehr als 4000 Blumen auf ihn herab. Bis zu seinem Tod 2014 kehrte er immer wieder als Gast nach Berlin zurück.

Simon Rattle, seit 2002:
Auch der Brite dirigierte vor seinem Start 2002 sehr oft das Orchester. Er pflegt einen transparenten Klang und setzt sich für zeitgenössische Komponisten ein. Sehr aktiv ist er am Bildungsprogramm für junge Leute beteiligt. Große Erfolge hatte Rattle mit seinen Zyklen der Symphonien von Brahms, Sibelius und Mahler. Ab 2017 wird er Chef des London Symphony Orchestra und will bis zu seinem Abschied ein Jahr zwischen London und Berlin pendeln.

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