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Analyse
06/23/2015

Kirill Petrenko: Eine Wahl, bei der die Kunst siegt

Kirill Petrenko wird Nachfolger von Simon Rattle als Chef der Berliner Philharmoniker. Was hinter den Kulissen passierte.

von Gert Korentschnig

Wie sehr wurden doch die Berliner Philharmoniker medial geprügelt, als sie es am 11. Mai nicht zustande gebracht hatten, einen neuen Chef zu wählen. Nach einer Sitzung, die länger als zwölf Stunden gedauert hatte, hat es damals keine Einigung gegeben, wer auf Sir Simon Rattle folgen sollte.

Nun, sechs Wochen später, stieg in Berlin doch weißer Rauch auf: Kirill Petrenko, 43, geboren in Omsk (Sibirien), aufgewachsen zum Teil in Vorarlberg, seit 2013 Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, wird der siebente Chefdirigent des Orchesters.

Es passt zum zurückgezogen lebenden Dirigenten, dass er bei der Bekanntgabe in Berlin nicht anwesend war. Es wird auch in Zukunft keine Interviews geben – die verweigert Petrenko seit Jahren, weil er sie für Zeitverschwendung hält. Daher wird es von ihm keine Erläuterung geben, wie es zu dieser Entscheidung kam. Auch die Orchestersprecher wollten sich auf Details nicht festlegen. Auf die Frage, warum man am 11. Mai so medienwirksam nicht gewählt hatte, während nun ganz heimlich eine Versammlung stattfand, hieß es nur: Der letzte Termin sei lange still geplant gewesen. Dann sei das Datum in Wien publik geworden (gemeint war dieser KURIER-Artikel), daher habe man am Prozedere festgehalten.

Lange Wunschkandidat

Aber was fand wirklich hinter den Kulissen statt?

Dass die Entscheidung für Petrenko erst jetzt fiel, entspricht nicht den Tatsachen. Schon bei der Abstimmung am 11. Mai war er der erklärte Favorit. Auch Mariss Jansons zählte zu den präferierten Dirigenten – dieser hatte sich jedoch wenige Tage zuvor aus dem Rennen genommen, indem er seinen Vertrag beim Bayrischen Rundfunkorchester verlängerte.

Als die Berliner am 11. Mai Petrenko telefonisch erreichten und ihn von ihrem Votum informierten, soll er zunächst abgelehnt haben. Auch das zeichnet ihn als seriösen Künstler aus: Er ist bis Ende 2017/’18 in München unter Vertrag und wollte sich weiterhin auf dieses Amt konzentrieren. Seither gab es Verhandlungen; alle Optionen, wie man zu einer Lösung kommen könnte, wurden ausgelotet. Die dürfte nun so aussehen: Petrenko tritt 2018 in Berlin an, verlängert aber auch seinen Vertrag in München. Der dortige Opernchef Nikolaus Bachler verwies auf diesbezügliche Verhandlungen. Bis 2020 soll es pro Saison zwei Opernpremieren mit Petrenko geben, danach eine pro Jahr, hört man. Dadurch bleibt ihm genügend Zeit für Berlin. Ein Erfolg für alle Seiten.

Petrenko brillierte zuletzt u. a. in Bayreuth mit dem "Ring", den er heuer letztmalig dirigiert. Dort begegnet er bei den Proben Christian Thielemann, der "Tristan" einstudiert, und dem selbst Interesse an Berlin nachgesagt wurde. Dürfte nicht sehr entspannt werden.

Petrenko ist die Antithese zu Marketingprofis wie Gustavo Dudamel und am ehesten mit dem legendären Carlos Kleiber, der sich ebenso rar machte, vergleichbar. Er probt intensiv wie kein anderer (vor seinem Bayreuth-Debüt studierte er jahrelang bei seinen Kollegen die Akustik im Theater). Bei Aufführungen schafft er regelmäßig die Balance aus Tiefgang und Leichtigkeit, aus Klangrausch und genialer Analyse.

Diese Wahl ist eine reine Qualitätsentscheidung und Rückbesinnung auf künstlerische Werte. Eines wird Petrenko bei den Berlinern, die er erst drei Mal dirigierte, aber ablegen müssen: Seine Skepsis gegenüber CD-Produktionen.

Die Chefdirigenten

Das Orchester besteht seit 1882 und zählt zu den besten der Welt. Da die Wiener Philharmoniker die Position eines Chefdirigenten nicht besetzen, zählt jene in Berlin zu den begehrtesten Jobs der Klassikszene. Kirill Petrenko ist offiziell erst der siebente Chefdirigent. Die ersten Konzerte fanden noch unter Ludwig von Brenner statt.
In der NS-Zeit gab es keinen Chef. Dirigenten wie Sergiu Celibidache waren danach nur Zwischenlösungen. Seit ihrem Rückzug von den Salzburger Osterfestspielen spielen die Berliner Oper in Baden-Baden.

Hans von Bülow, 1887-1892:
Der Dirigent, der 1865 in München die Uraufführung von Richard Wagners Oper "Tristan und Isolde" geleitet hatte, setzte die Maßstäbe für den späteren Ruhm des Orchesters. 1892 zog er sich aus gesundheitlichen Gründen zurück, zwei Jahre später starb er.

Arthur Nikisch, 1895-1922:
Nach seiner Rückkehr aus den USA übernahm er 1895 das Orchester. Mit Nikisch unternahmen die Philharmoniker ihre ersten großen Reisen, unter anderem zur Krönung des Zaren nach Moskau. Nikisch blieb 27 Jahre bis zu seinem Tod im Jahr 1922.

Wilhelm Furtwängler, 1922-1934 und 1952-1954:
Mit 36 Jahren trat er 1922 als Chef an. Nachdem das NS-Regime die Uraufführung von Paul Hindemiths Oper "Mathis der Maler" verboten hatte, legte er sein Amt nieder. Ein Jahr später kehrte er zurück, ohne Ämter. 1945 erhielt er Berufsverbot. In einem Entnazifizierungsverfahren wurde er freigesprochen. 1952 erhielt er seine Position offiziell zurück, zwei Jahre vor seinem Tod.

Herbert von Karajan, 1956-1989:
Seit 1956 entwickelten sich die Philharmoniker mit Karajan zum "Global Player" mit Tourneen in die USA, Japan und China sowie Platten- und TV-Aufnahmen. Karajan setzte sich für den Bau der Philharmonie ein, die 1963 eröffnet wurde. Als er gegen den Willen des Orchesters die Klarinettistin Sabine Meyer verpflichten wollte, kam es zum Eklat. 1989 legte Karajan sein Amt nieder. Drei Monate später starb er.

Claudio Abbado, 1990-2002:
Die Laufbahn des Italieners war früh mit dem Orchester verknüpft. Mit 33 Jahren gab er sein Debüt in Berlin. 1990 wurde er zum Chefdirigenten gewählt. Abbado widmete sich unter anderem dem Werk Gustav Mahlers, konzertanten Opernaufführungen und großen Zyklen - und wurde vom Publikum angehimmelt. Nach dem letzten Konzert als Chef 2002 regneten mehr als 4000 Blumen auf ihn herab. Bis zu seinem Tod 2014 kehrte er immer wieder als Gast nach Berlin zurück.

Simon Rattle, seit 2002:
Auch der Brite dirigierte vor seinem Start 2002 sehr oft das Orchester. Er pflegt einen transparenten Klang und setzt sich für zeitgenössische Komponisten ein. Sehr aktiv ist er am Bildungsprogramm für junge Leute beteiligt. Große Erfolge hatte Rattle mit seinen Zyklen der Symphonien von Brahms, Sibelius und Mahler. Ab 2017 wird er Chef des London Symphony Orchestra und will bis zu seinem Abschied ein Jahr zwischen London und Berlin pendeln.

Euphorie, Freude, Ehrfurcht, Zweifel

Bei der Orchesterversammlung am Sonntag soll es schnell gegangen sein. Nach etwa drei Stunden stand Kirill Petrenko als neuer Chefdirigent fest. Das gaben die Orchestervorstände bei einer auch live im Internet übertragenen Pressekonferenz in Berlin bekannt. "Mit großer Mehrheit" sei Petrenko gekürt worden. "Es erfüllt uns mit großer Freude, dass Kirill Petrenko die Wahl zum designierten Chefdirigenten unseres Orchesters angenommen hat. Wir blicken voller Zuversicht in die gemeinsame musikalische Zukunft", hieß es.

Petrenko ließ nur ein Statement verlesen: "Man kann es gar nicht in Worte fassen, was in mir gefühlsmäßig vorgeht: Von Euphorie und großer Freude bis zu Ehrfurcht und Zweifel ist da alles drin. Ich werde meine ganze Kraft mobilisieren, diesem außergewöhnlichen Orchester ein würdiger Leiter zu sein und bin mir auch der Verantwortung und der hohen Erwartungen bewusst. Vor allem erhoffe ich aber vom gemeinsamen Musizieren viele Momente des künstlerischen Glücks, die unsere harte Arbeit belohnen und unser Künstlerleben mit Sinn erfüllen sollen."

Österreich-Bezug

Der 43-jährige Petrenko studierte nach einer Klavierausbildung in Vorarlberg an der Musikuniversität Wien. Nach zwei Jahren an der Volksoper wurde er 1999 Generalmusikdirektor in Meiningen und später an der Komischen Oper Berlin. Seit September 2013 ist er GMD in München. Zuletzt hatte er die Bayreuther Festspielleitung (schriftlich) attackiert: "Ich bin zutiefst irritiert in Bezug auf den unprofessionellen und würdelosen Umgang der Bayreuther Festspiele mit der Festspielleiterin Eva Wagner-Pasquier und dem Darsteller Lance Ryan." Er habe sogar überlegt, das Handtuch zu werfen. Denn: "Wo Wagner draufsteht, muss vor allem Mensch drinnen sein."

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