Kultur
25.02.2015

"National Gallery": Totenkopf und Spionin

Frederick Wisemans aufwühlender Besuch in der National Gallery in London. Weiters: "American Sniper", neuer "Asterix" und absurde Komödie aus Island.

Von Langeweile keine Spur. Selten waren Besuche im Museum so aufregend, die alten Meister so jugendlich. Mit offenem Mund starren Menschen gebannt auf Gemälde von Rembrandt und Rubens, Tizian und Turner, Pissarro und Picasso. Befeuert von den leidenschaftlichen Vorträgen der exzellenten Kunstvermittler, grübeln die Zuhörer fasziniert über Figuren, deren Schicksal vor Hunderten von Jahren festgehalten wurde: Was hat der verzerrte Totenkopf in Holbeins Bild "Die Gesandten" zu suchen? Handelt es sich um das übliche "Memento mori" ("Gedenke des Todes"), oder verweist er auf einen Mord?

Was empfand Rubens’ rätselhafte Delilah, nachdem sie ihren Geliebten Samson verraten hatte? Triumph? Mitleid? Vielleicht sogar Reue? Spionagegeschichte, Krimihandlungen, Märtyrerschicksale: Wem bei dem Wort "Alte Meister" üblicherweise das Gesicht einschläft, sollte sich von Frederick Wiseman eines Besseren belehren lassen. Aufgewühlte drei Stunden durchmisst der amerikanische Doku-Veteran die National Gallery in London, eines der attraktivsten Museen der Welt. Dort wälzen sich bei freiem Eintritt jährlich über vier Millionen Besucher durch die Säle und stehen kilometerlang Schlange, um in eine Da-Vinci-Ausstellung zu gelangen.

Blickwechsel

Berühmt geworden für seine legendären institutionskritischen Dokus über Spitäler, Schulen oder Polizeistationen, wendet sich Wiseman nun verstärkt Orten der Bildung und der Kultur zu. Von Gesellschaftskritik ist in "National Gallery" wenig die Rede, stattdessen geht es um einen emphatischen Anspruch auf Kunstvermittlung. Stakkatoartig schneidet Wiseman im Schuss-Gegenschuss-Blickwechsel zwischen den Gesichtern auf den Gemälden und denen der Besucher hin und her. Und das ist es auch, was ihn am meisten interessiert: Der dialogische Austausch zwischen Betrachter und Bild – ein Aspekt, den beispielsweise Johannes Holzhausen in seiner Doku "Das große Museum" über das Kunsthistorische Museum in Wien ausblendete.

Wiseman blickt zwar auch hinter die Kulissen: So wehrt sich der scheidende Direktor Nicholas Penny vehement dagegen, die Museumsfassade für Werbezwecke zu verleihen ("Harry Potter war eine Katastrophe"). Auch Restaurierungsarbeiten dokumentiert Wiseman mit der Eindringlichkeit einer Operation am offenen Herzen.

Doch letztlich geht es um das Credo "Kunst für alle": Wer nicht sehen kann, fährt in einem Spezialworkshop mit den Händen die Relieflinien eines Bildes nach. Wer noch klein ist, hört sich in der Kinderführung mit heißen Ohren die Geschichte von Baby Moses an. Und selbst die Besucher, die auf den Bänken eingeschlafen sind, sehen irgendwie zufrieden aus.

INFO: "National Gallery". F/USA/GB 2014. 180 Min. Von Frederick Wiseman.

KURIER-Wertung:

Im Kino: "National Gallery"

Asterix: Römer verhauen zum Donauwalzer

Mit den Fängen des Löwen und dem Gift der Schlange will der große Julius Cäsar das widerständige Dorf in Gallien besiegen. Cäsars Schlangengift heißt Baumeister Quadratus ("Die meisten seiner Gebäude stürzen nicht ein") und soll schleichend wirken: Quadratus wird beauftragt, am Rande des gallischen Dorfes eine schicke Wohnsiedlung zu errichten und damit die Gallier zu korrumpieren.

"Asterix und die Trabantenstadt" gilt als einer der besten "Asterix"-Bände und bildet die Grundlage für eine einfallsreiche 3-D-Verfilmung, die besonders zu Beginn für hohe Witzdichte sorgt. Die römischen Sklaven – zuständig für die Rodung des Waldes – gründen eine Sklavengewerkschaft ("Krieg ja, Stress nein"); Zenturio Hasenfuß und Legionäre mit interessanten Namen wie Anus fliegen im Walzertakt durch die Luft; und herzig schnarchende Wildschweine laufen mit Asterix, und Obelix um die Wette.

Asterix, Baymax & Co: Jetzt im Kino

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Baymax - ein riesiges Robowabohu

Im Kino: "Baymax - Riesiges Robowahbohu"

Gewöhnungsbedürftig sind die rundum erneuerten, digitalen 3-D-Gallier aber doch sehr, zumal ihnen der 3-D-Effekt eine seltsam kugelige Körperform verpasst. Immerhin: Zwischen Wortwitz und Slapstick pendelt sich der Plot weitgehend intelligent, beinahe gesellschaftskritisch ein. Die Trabantenstadt und ihr Gentrifizierungseffekt führen zu einem rapiden Anstieg der Fischpreise und münden im inner-gallischen Zerwürfnis. Aber am Ende muss selbst Cäsar einsehen: "Veni, vidi, und nicht vici. Aber na gut. Immer vici ist auch langweilig."

INFO: F 2014. 85 Min. Von Louis Clichy, Alexandre Astier.

KURIER-WERTUNG:

Liebesgrüße auf dem Rücken der Pferde

Zwei Menschen und zwei Pferde, dazu ein grauslicher Unfall, bei dem ein Mann sein rechtes Auge verliert: In Sachen Bodycount ist "Von Menschen und Pferden" ein echter Western. Nur dass sich die weiten Steppen nicht im Mittleren Westen befinden, sondern im isländischen Hochland. Und die Pferde, die laufen nicht im strammen Galopp über eben jene Graslandschaft, sondern im – für den hippologisch unbeleckten Zuschauer hinreißend lustigen – Tölt.

Der isländische Regisseur Benedikt Erlingsson inszeniert das große Thema von der Einsamkeit, dem Mann und seinem Pferd, als absurde Liebeskomödie, die über weite Strecken ohne Worte auskommt. Es reicht der Blick auf Kolbeinns (Ingvar E. Sigurðsson) Gesicht, als sein preisgekröntes Islandpferd Grána von einem Hengst bestiegen wird – und das, während er noch fest im Sattel sitzt. Dass er seine Stute nach dem Akt (aus Scham oder Eifersucht) erschießt, ist absurder Höhepunkt des Films. So unterhaltsam "Von Menschen und Pferden" auch für Nicht-Wendy-Leser ist, das mit der Liebe, das ist todernst gemeint. Von Menschen und Pferden.

KURIER-Wertung:

INFOS: "Von Menschen und Pferden". ISL 2013. Von Benedikt Erlingsson. Mit Ingvar Eggert Sigurðsson, C. Bøving.

Erfolgsrezept Gott, Heimat, Familie

Wenn es allein um Zahlen ginge, hätte Clint Eastwoods "American Sniper" auf jeden Fall den Oscar gewonnen. Seine pathetische, nur zart gebrochene Heldenverehrung eines amerikanischen Scharfschützen spielte mehr Geld ein als alle Filme, die in der Kategorie Bester Film nominiert waren, zusammen. Weltweit brachte der Film mehr als 360 Millionen Dollar ein – für Eastwood der größte kommerzielle Erfolg seiner Karriere. Das gesamte amerikanische "Heartland" – sprich: das konservativ-christliche "Herz" Amerikas – eilte ins Kino. Kein Wunder bei der Botschaft: "Gott. Heimat. Familie."

Eastwood ist ein effektiver Geschichtenerzähler, der die Spannungsschraube gekonnt anzuziehen versteht. Wenn Bradley Cooper als Todesschütze ein irakisches Kind im Visier hat, das womöglich eine Bombe bei sich trägt, dann steigt die Dramatik rapide: Wird er das Kind erschießen? Ja? Nein?

Bevor sich dieses Geheimnis enthüllt, schneidet Eastwood geschickt zurück in die Kindheit des Soldaten und jene Lehre, die ihm der Vater mit auf dem Weg gab: Es gibt Wölfe und es gibt Schafe. Und es gibt Schäferhunde, die auf die Schafe aufpassen.

So einfach ist das. Und so einfach bleibt es.

Bradley Cooper spielt Chris Kyle, ein Mitglied der Navy SEALs. Chris Kyle gab es wirklich, und er war "Legende". Er galt als der treffsicherste Todesschütze in der US-Militärgeschichte und konnte während seiner vier Einsätze im Irak mindestens 160 bestätigte "Kills" verzeichnen: Die Iraker fürchteten ihn als den "Teufel von Ramadi". Zurück in der Heimat, schrieb Kyle seinen Bestseller "American Sniper", auf dem Eastwood nun seinen erschreckend unterkomplexen, stellenweise sogar drögen Kriegsfilm basierte.

Alle Gewinner der 87. Ocars finden Sie hier

In den USA löste "American Sniper" eine Debatte aus, ob Eastwood seinen Helden verherrliche oder nicht.

Mal vorsichtig ausgedrückt: Nach einer Kino-Vorstellung von "American Sniper" könnte man locker Bewerbungsbögen für das US-Militär verteilen und vertrauensvoll auf viele positive Rückmeldungen hoffen.

Eastwoods bleiche Bilder atmen harten Kriegsfilm-Realismus, seine Schnittfolgen sind dynamisch, die Action elegant-energetisch. Die Perspektive ist die eines Ego-Shooters, mit klar verteilten Fronten. Die Iraker heißen nur "die Wilden" und führen sich auch so auf: eine irakische Mutter schickt, ohne mit der Wimper zu zucken, ihren 12-Jährigen als Selbstmörder in die Schlacht, ein Kämpfer namens "Fleischhauer" tötet bevorzugt mit einem Drillbohrer (auch Kinder).

Kriegsjunkie

"Es geht nicht um die, es geht um uns", sagt Sienna Miller als einsame Ehefrau zu ihrem Mann, der als Kriegsjunkie lieber an der Front steht, anstatt zu Hause den Griller anzuwerfen.

Klar, Eastwood erzählt uns, dass Krieg die Leute wie eine Droge süchtig macht und dann für das zivile Leben ruiniert, und klar, ist das irgendwie auch kritisch. Aber das hat Kathryn Bigelow mit "The Hurt Locker" schon viel analytischer erzählt – und jenseits des melodramatischen Schematismus, der Eastwoods Film auf die Dauer so ermüdend macht: Jede Action-Szene wird mit Psycho- Bedeutung aufgeladen (erhöhter Blutdruck, Ehekrise) und was zuerst effektiv wirkt, wird klischiert. Ganz zu schweigen von dem Hauruck-Patriotismus am Ende.

Eastwood ist berühmt dafür, amerikanische Mythen auszustellen und zu befragen. Hier stellt er sie aus. Aber viele Fragen wirft er nicht auf.

Der Live-Ticker von der Oscarnacht zur Nachlese