Kassandra - von Christa Wolf

Christa Wolf (*1929): "Was jetzt, im Krieg, in unserm Rat zur Sprache kommen muss, ist keine Frauensache mehr.<br />
Freilich, sagte Anchises: Das wird nun Kindersache."
Foto: apa

Christa Wolf erzählt eine uralte Mythengeschichte neu. Sie schmiedet diese Geschichte auf die heutige Zeit um, zieht fast automatisch Parallelen zu aktuellen Kriegen.

Der Trojanische Krieg - das ist die Folie für Christa Wolfs Erzählung "Kassandra". Den mythologischen Kampf zwischen Griechen und Trojanern, in Homers "Ilias" als Heldensaga um Achill, Hektor und Odysseus erzählt, stellt Wolf aus einer ganz anderen Perspektive dar: mit den Augen der Seherin Kassandra, Tochter des trojanischen Königspaares Hekabe und Priamos. Die Ich-Erzählerin reflektiert über ihr Leben, über den Irrsinn des Krieges. Der Monolog Kassandras setzt kurz vor ihrem Tod ein. Troja ist gefallen. Wer nicht getötet wurde, der wird von den Griechen nach Mykene verschleppt. Dort wartet - Kassandra, die Augurin, weiß es - ihre Ermordung auf sie: "Mit der Erzählung gehe ich in den Tod. Hier ende ich, ohnmächtig, und nichts, nichts was ich hätte tun oder lassen, wollen oder denken können, hätte mich an ein anderes Ziel geführt."
Auf dem Schiff der Sieger erinnert Kassandra sich - nicht in geradliniger Chronologie. Sie geht zurück in ihre Kindheit und Jugend, in die Zeit ihrer Ausbildung als Dienerin Apollons. Eindrückliche Szenen beschreiben ihre Initiation als Seherin ebenso wie ihre Entjungferung durch einen Priester des Gottes. Kassandra erinnert sich an Aineias, den Mann, den sie liebte und an Achill, den sie hasste. Denn gleich der erste Tag des Trojanischen Krieges führte zum Mord an ihrem Bruder Troilos: "Dann kam Achill das Vieh. Des Mörders Eintritt in den Tempel, der, als er im Eingang stand, verdunkelt wurde. Was wollte dieser Mensch. Was suchte er bewaffnet hier im Tempel. Grässlichster Augenblick: Ich wusste es schon."
Kassandra warnt Troja, warnt ihren Vater, sie weiß um die drohende Niederlage. Aber die männlichen Helden, verbohrt und starr wie Zinnsoldaten, achten nicht auf sie: Die Kassandrarufe verhallen ungehört.

Was diese Erzählung so besonders macht: Christa Wolf gelingt eine großartige, Gänsehaut erzeugende Melange: Sie erzählt eine uralte Mythengeschichte neu. Sie schmiedet diese Geschichte auf die heutige Zeit um, zieht fast automatisch Parallelen zu aktuellen Kriegen. Und nicht zuletzt erschafft sie schließlich aus der antiken Seherin eine moderne, in eine Außenseiterrolle gedrängte Frau, die sich gegen eine von Männern beherrschte Welt durchzusetzen sucht. Die Sprache, die Christa Wolf verwendet, erscheint zuerst fremd, mitunter schwülstig: "Den Winter über wurde ich teilnahmslos und versank in Schweigen.

Christa Wolf (*1929): "Was jetzt, im Krieg, in unserm Rat zur Sprache kommen muss, ist keine Frauensache mehr.<br />
Freilich, sagte Anchises: Das wird nun Kindersache." Foto: apa Christa Wolf (*1929): &quot;Was jetzt, im Krieg, in unserm Rat zur Sprache kommen muss, ist keine Frauensache mehr.
Freilich, sagte Anchises: Das wird nun Kindersache.&quot;

Da ich das Wichtigste nicht sagen durfte, fiel mir nichts mehr ein." Aber diese Sprache passt einzigartig auf das mythologische Setting und reißt die Leserinnen und Leser, so sie sich darauf einlassen, immer tiefer in die Geschichte hinein. Noch etwas macht die Lektüre dieses Buches besonders spannend: Zeitgleich mit der Erzählung erschienen 1983 Christa Wolfs Frankfurter Poetik-Vorlesungen unter dem Titel "Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra". Hier berichtet sie nicht nur über den Zufall, der sie - als sie ein Flugzeug nach Athen verpasste - ihren Stoff finden ließ, sondern gibt auch Einblick in ihre schriftstellerische Werkstatt.

Christa Wolf wurde 1929 im damaligen deutschen (heute in Polen gelegenen) Landsberg geboren. Sie war - das wurde ihr immer wieder vorgeworfen - bis zum Zusammenbruch der DDR im Jahr 1989 Parteimitglied. Allerdings setzte sie sich durchaus kritisch mit dem System auseinander - unter anderem 1973 mit ihrem Engagement gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann, das ihr eine strenge Verwarnung der Parteiführung einbrachte. Auch nach 1989 setzte sich die bereits damals weltweit angesehene Autorin für einen reformierten Sozialismus ein.

(kurier / Johanna Rachinger) Erstellt am
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