Karmasin: "Die Vermutung, der ORF wäre ein Regierungsfunk, ist glänzend widerlegt"

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Foto: APA/HELMUT FOHRINGER

Medienwissenschaftler Matthias Karmasin über den ORF und die Tatsache, dass der österreichische Medienmarkt eine Reform benötigt.

Am Dienstag wurde Alexander Wrabetz ein drittes Mal zum ORF-Generaldirektor gewählt. Die Mehrheitsfindung im Stiftungsrat geschah einmal mehr entlang der politischen Lager. So wählten die SPÖ-nahen Stiftungsräte geschlossen Wrabetz, während sämtliche ÖVP-nahen Mitglieder für Richard Grasl stimmten. Medienwissenschaftler und ORF-Publikumsrat Matthias Karmasin über das Ergebnis und über die Notwendigkeit von Reformen im österreichischen Medienmarkt.

Kurier.at: Was schließen Sie als ORF-Publikumsrat aus dem Ergebnis der ORF-Wahl?

Matthias Karmasin: Es war sehr knapp und man kann höchstwahrscheinlich daraus schließen, dass die Vermutung, dass der ORF ein Regierungsfunk wäre, glänzend widerlegt ist. Denn die Bruchlinie verläuft, wenn man so will, mitten durch die Regierung. Ich sehe diesen Vorwurf also nicht.

Ein weiterer Vorwurf - vor allem von Seiten der Konkurrenz -  ist seine Monopolstellung.

Von einem Monopol würde ich bei 34 Prozent Marktanteil nicht sprechen. Da sträuben sich dem Medienökonom in mir alle Nackenhaare (lacht). Davon kann man schon ganz lange nicht mehr sprechen; aber der ORF ist sicherlich ein starker öffentlich-rechtlicher Marktteilnehmer. Alle öffentlich-rechtlichen Medien unterliegen in irgendeiner Form der Kontrolle ihrer Eigentümer. Dann ist es aber immer noch so, dass es dort Aufsichtsgremien gibt, die selbstverständlich durch die politischen Entscheidungsträger beschickt sind. Da ist der ORF im europäischen Vergleich weder besonders stark noch besonders schwach politisiert. Das gehört einfach zum Wesen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks dazu.

Sie haben in einem KURIER-Interview kürzlich gesagt, die ORF Redakteure wären relativ unabhängig.

Genau. Denn die entscheidende Frage, die wir uns stellen müssen, ist die nach den Einflüssen auf die redaktionelle Berichterstattung. Wie autonom sind die Redaktionen? Wie unabhängig können die Journalisten berichten? Und wie ungehindert können Sie ihrer Arbeit nachgehen? Diese Frage stellt sich bei allen Medienunternehmen. Beim ORF ist die offene Flanke die politische Intervention und bei privatwirtschaftlich geführten Medienunternehmen ist es die Anzeigenabteilung. Aus meinen Beobachtungen heraus können die Redakteure des ORF tatsächlich relativ unabhängig berichten. Und der solideste Gradmesser dafür ist, wenn es im Verlauf eines Jahres aus allen politischen Lagern Beschwerden über den ORF gibt. Nachdem es in Österreich verlässlich nicht der Fall ist, dass eine Partei höchstzufrieden über die Berichterstattung ist, brauchen wir uns da keine Sorgen machen.

Wie lange wird sich das gebührenfinanzierte Geschäftsmodell des ORF noch halten können?

Es gibt ja nur zwei Modelle, die derzeit in Europa diskutiert werden. Das eine ist die Haushaltsabgabe, man hebt also eine Steuer ein, die dann verteilt wird. Das zweite Modell ist die Gebührenfinanzierung, wie der ORF sie verfolgt. Die Frage, ob Gebühren künftig sinnvoll sind, wird sich auf jeden Fall stellen, man braucht sich ja nur das Mediennutzungsverhalten anschauen. Die Menschen konsumieren Fernsehen nicht mehr rein terrestrisch, sondern auch viel über das Internet. Wenn diese Konsumenten alle nicht mehr Gebühren zahlen, muss man sich vielleicht über die Haushaltsabgabe Gedanken machen, wo jeder Haushalt einen bestimmten Betrag zahlt – irrelevant ober er terrestrisch empfängt. Die zweite Frage ist dann, wie man diese Einnahmen zweckwidmet, um ein möglichst qualitätsvolles Funktionieren von Öffentlichkeit herzustellen. Da bin ich der Meinung, wird man in Österreich darüber nachdenken müssen, eine Gesamtreform herbeizuführen.

Wann muss diese Reform angegangen werden und wer wird das tun?

Ich glaube nicht, dass dies der ORF angehen muss, das ist Aufgabe der Medienpolitik. Aufgabe der ORF-Geschäftsführung ist es, ein finanzielles ausgeglichenes Agieren des Hauses sicherzustellen. Sie wird im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten prüfen, ob man eine Gebührenanpassung  vornimmt oder nicht. Ich glaube nicht, dass der ORF der Betreiber einer umfassenden medienpolitischen Reform in Österreich sein wird. Sie werden die Situation optimieren, so wie das jedes Management tut. Ich glaube aber, dass es medienpolitisch an der Zeit ist, das Thema Medienmarkt und Medienförderungen in Österreich ernsthaft zu diskutieren: Wie kann man den Medienmarkt so organisieren, dass eine höchstmögliche Qualität und Vielfalt dabei herauskommt – beim Zusammenspiel aller Medien.

Wie beurteilen Sie denn die derzeitige Qualität und Vielfalt des österreichischen Medienmarktes?

Dass der Medienmarkt in Österreich sehr spezifische Bedingungen aufweist, weiß man ja. Diese Spezifika lassen einiges dafür sprechen, einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu haben, der österreichische Inhalte bringt und der auch Wertschöpfung in Österreich ermöglicht, weil die Situation eben besonders ist: Wir haben einen gleichsprachigen, sehr potenten Medienmarkt. Und am Tageszeitungsmarkt haben wir im Boulevardbereich eine äußerst hohe Konzentration. Ich glaube, dass eine Gesamtkonstellation auf diesen Umstand Rücksicht nehmen muss.  

(Kurier) Erstellt am
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