Kultur
14.03.2014

Karl Bartos: "McCartney lacht sich kaputt"

Karl Bartos war Teil der Band Kraftwerk. Ein Gespräch über den Grammy, Fortschritt und Futurismus.

Es ist eine Frage, die man nicht vielen Künstlern stellen kann: Wie es ist, wenn jene Band, deren Teil man in der wichtigsten Phase der Bandgeschichte war, gleichzeitig mit den Beatles mit einem Grammy für das Lebenswerk ausgezeichnet wird.

Karl Bartos kann man das fragen, und er zeigt die vielleicht überraschendste Reaktion darauf: Er lacht, und zwar herzlich. "Paul McCartney, der lacht sich doch kaputt", sagt Bartos dann im KURIER-Gespräch, und hinterfragt damit die Wichtigkeit der Auszeichnung der amerikanischen Phonoindustrie. "Gucken Sie sich doch mal die US-Hitparade an. Die haben die Popmusik erfunden. Was machen die jetzt draus?" Auch Bartos selbst, 1975 bis 1990 Mitglied von Kraftwerk, betrachtet die Verleihung an seine Ex-Band distanziert. Der Grammy "nützt mir nichts in meinem Leben. Was soll mir das jetzt noch bringen?", sagt Bartos, der mit seinem hervorragenden Soloalbum "Off The Record" am Donnerstag in Wien gastierte.

Demütig

Auch zum Legendenstatus, der Kraftwerk gerne zugeschrieben wird, hat Bartos keine rechte Beziehung: "Ich bin da eher demütig", sagt er. "Unsere Lebenszeit ist nur eine Millisekunde in der Musikgeschichte. Postmodern in den 70ern, was ist da passiert? Alle sagen, der Computer hat die Welt verändert, aber ich glaube, Musik ist nach wie vor Musik. Und die Frage ist immer noch die gleiche: Warum wird aus Schallwellen Gefühl?"

Ein Gefühl, das das Nachkriegsdeutschland auf vielleicht grundlegendere Art als die heutige Zeit prägte: "Wir hatten den Marshallplan, dann das Wirtschaftswunder. Und dann gab es den Marschbefehl Musik", sagt Bartos. Kraftwerk hat damals Musikgeschichte geschrieben, spätere Strömungen wie Techno wären ohne die Deutschen nicht denkbar.

Die Band kam dabei aus einer Tradition, die nahtlos an die sogenannte E-Musik anknüpft: Man schrieb, durch die Schule der Popmusik gegangen, Stockhausen, auch den Futurismus des 20. Jahrhunderts, weiter. "Die elektronische Musik ist der Futurismus mit anderen Mitteln", sagt der ehemalige Orchestermusiker Bartos.

Kraftwerk werden gerne als Soundtrack des ungebrochenen Fortschrittsglaubens interpretiert, als technologieverherrlichende Kunstmusik. Bartos sieht das skeptisch: "Was kein Computer kann, und was die Religion auf andere Weise bietet, ist die Fantasie, wie das Morgen aussehen wird", sagt Bartos.

Etwa den Fortschritt im Musikmachen: "Die Jungs kommen mit ihren Laptops – und alle Klänge der Welt stehen ihnen zur Verfügung. Das ist ein Horrortraum", sagt Bartos. Auch, wie sich das Musikbusiness verändert hat, wäre kaum vorhersagbar gewesen:

"Musik ist eine Nährflüssigkeit geworden, mit der andere Menschen ihre Geschäftsmodelle betreiben. Auf Kosten der ausübenden Kreativen. Mit Musik beschäftigt sich gar keiner. Man lernt nicht, über Musik zu sprechen. Man ist gewöhnt, Musik zu haben."