Kälter als der Tod: Investmentban­ker Jedermann

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Foto: Anna Stöcher/TAG Kälter als der Tod: Jedermann als Investmentguru (Gottfried Neuner) hat es mit einem tölpelhaften Tod (Alexander Jagsch, bekannt aus der ORF-Sitcom "Schlawiner") zu tun.

"Letzter Aufruf Jedermann": Das Wiener TAG zeigt eine bitterböse und humorvolle Bearbeitung des Jedermann-Stoffes.

Jedeeermaaann!“ – die anfangs im Wiener TAG zugespielten Rufe erinnern an den Salzburger Domplatz. Ansonsten ist alles neu in Marc Pommerenings Stück "Letzter Aufruf Jedermann", das am 26. Jänner im Haus an der Gumpendorferstraße uraufgeführt wurde.

Der reiche Mann lässt hier in der keimfreien, weißen Chefetage der Everyman Incorporation das Geld für sich arbeiten. Nur die Rufe der „Empörten“ dringen durch die Jalousien.

Nun soll der schmierige Investmentbanker (Gottfried Neuner) von der Notwendigkeit der eigenen Abschaffung überzeugt werden. Der leitende Engel dieser Operation (Julia Schranz) betreibt dies mehr als kühles Business denn als religiöses Läuterungsspiel. Jedermanns guter Gesell und Partner in (Finance-)Crime (Clemens Berndorff) entpuppt sich als gefallener Engel - vulgo Teufel.

Rasant treibt der „Restzeitoptimator“ (Petra Strasser im TV-Screen) die Zeit bis zur angedrohten Apokalypse und damit auch den Abend voran. Die im Blankvers gesetzte Sprache dient als antiquiert-komischer Kontrapunkt zu Christian Himmelbauers knallig-bitterböser Inszenierung, in der lustvoll zitiert wird: Jedermanns Fest wird zum Depri-"Dinner for One", der Tod atmet schwer wie Darth Vader. Letzterer ist hier bloß eine "Chargenrolle" für einen tölpelhaften Engel (herrlich komödiantisch: Alexander Jagsch).
Intelligentes und doch unverkopftes Theater mit viel Witz.

KURIER-Wertung: **** von *****

TAG - Theater an der Gumpendorferstraße

"Letzter Aufruf Jedermann" in Bildern:

Nach Homers Odyssee hat sich der deutsche Dramatiker Marc Pommerening nun den ebenfalls altbewährten Jedermann-Stoff vorgeknöpft. "Letzter Aufruf Jedermann" spielt im Investment-Banker-Milieu des 21. Jahrhunderts.
Überzeugendes Ensemble im TAG (v.li.): Alexander Jagsch, Gottfried Neuner, Julia Schranz, Clemens Berndorff Jedermann (Gottfried Neuner) ist im TAG an der Wiener Gumpendorferstraße der slicke Chef der "Everyman Incorporation". Zwei Engel (Alexander Jagsch und Julia Schranz) dringen - zunächst unsichtbar - in das Hochsicherheits-Büro der Investmentbank ein. Durch einen Stich wird Herrn Everyman tödliches Gift verabreicht, wodurch ihm nur noch eine Frist von zwölf Stunden bleibt. Liebevoll sind die Details der Ausstattung (Kostüme: Frank Lichtenberg). So darf Alexander Jagsch in Schlumpfhaube und Moonboots auftreten. Die Bühne (Alexandra Burgstaller) ist nüchtern, aber funktionell gestaltet. Der Assistent (Clemens Berndorff) übernimmt den Hofmannsthalschen Part des Guten Gesellen und bringt ein Insekt zur Strecke, das in den keimfreien Reinraum eingedrungen ist. Auch eine (Engels-)Feder am Boden vermittelt den Bankern: Hier stimmt etwas nicht. Alexander Jagsch, bekannt aus der ORF-Sitcom "Schlawiner", spielt einen räudig gekleideten Engel, der schon einmal bessere Tage gesehen hat.  In "Letzter Aufruf Jedermann" arbeitet jeder für sich. Ein höherer Plan scheint hier nicht mehr ins Werk gesetzt zu werden. Der leitende Engel der Operation (Julia Schranz) agiert beinahe noch kälter als Everyman. Die Rolle des Todes ist hier wirklich nur eine Rolle. Der tölpelhafte Engel streift sich einfach eine Totenkopfhaube über. Everyman glaubt zunächst, dass sich bloß ein Occcupy-"Empörter" in Guy Fawkes-Maske eingeschlichen hat. Doch bald wird dem uneinsichtigen Banker die Brisanz der Situation bewusst: Schwört er binnen zwölf Stunden nicht seinem Berufsstand ab, soll mit ihm die ganze Welt untergehen.
  Der patscherte Engel soll Jedermann allerdings von der "Notwendigkeit seiner eigenen Abschaffung" überzeugen. Wenn er versagt, droht ihm die Versetzung zum "Streifendienst". Viel wichtiger ist dem Engel aber vorerst, sich einmal neu einzukleiden - und nebenbei sein Konto etwas aufzubessern. Als Kapitalismuskritikerin verkleidet, stellt der weibliche Engel (Julia Schranz) hierauf den todgeweihten Everyman ein weiteres Mal auf die Probe. Nach einem Dialog, in dem gegenseitig Vorwürfe und Garstigkeiten ausgetauscht werden ... ... geht es dann am Boden weiter. Doch der Geprüfte widersteht den sexuellen Avancen und ist nicht gewillt, sich so einfach zu ergeben. Aber wie gegen das unausweichlich scheinende Schicksal ankämpfen? Zuerst soll einmal ein letztes Fest ausgerichtet werden: Ein Fest der Depression, schwarze Deko, die Musik ausschließlich Adagio, alle Gäste schlecht gelaunt. Der Assistent (Clemens Berndorff) drapiert Grablichter, während des Umbaus erklingt Adeles Bond-Song "Skyfall". Da der Freunde Schar "zum Punkt geschrumpft" ist, sitzt der Everyman allein bei Tisch. Eine Buhlschaft sucht man hier vergeblich. Die Feier wird zum "Dinner for one" - der Assistent (Clemens Berndorff) muss in der Manier eines Freddie Frinton die Gläser der nicht erschienenen Gäste leeren. Einer der vielen intelligenten Kunstgriffe, die mühelos vergessen machen, dass an diesem Abend lediglich vier Schauspieler auf der Bühne agieren.  Everyman hat nur noch sein Geld - während der "Restzeitoptimator", verkörpert von einer Ansagerin im TV-Screen (Petra Strasser), alle paar Minuten die rasend sich verkürzende Restlebenszeit aktualisiert. Der Tod wider Willen hat erneut seinen Auftritt, macht sich aber um seine Garderobe längst keine Gedanken mehr. Everyman fasst schließlich den wahnwitzigen Plan, den Tod selbst zu eliminieren. Diesen zu übertölpeln, ist keine Schwierigkeit. Womit der gerissene Geschäftsmann nicht gerechnet hat: Wenn der Tod selbst tot ist, feiern auch die Untoten urplötzlich fröhliche Urständ'. Dass die Frau Mama (Julia Schranz in einer weiteren Rolle) und andere untote Vorfahren sich in seiner Investmentburg breit machen wollen, erscheint Everyman auch nicht gerade als die beste Zukunftsaussicht. So wird der Tod wieder freigelassen - und Everyman (Gottfried Neuner) greift im Tarantinoesken Ende zum Großkaliber. Wie lässt sich die Apokalypse jetzt noch abwenden..?

TAG - Theater an der Gumpendorferstraße

(kurier) Erstellt am
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