Tonio Arango und Sandra Cervik als Potiphar und seine Frau

© Moritz Schell

Oversexed and Underfucked in der Josefstadt
12/05/2013

Oversexed and Underfucked in der Josefstadt

Premiere von "Joseph und seine Brüder - Die Berührte": Alle reden von Sex, aber keiner hat ihn

von Barbara Mader

Ein sehr zeitgemäßes Stück: hier sind sämtliche Protagonisten oversexed and underfucked. Alle reden von Sex, aber keiner hat ihn.

Da ist jener Mann, Potiphar, der von seinen Eltern als Kind kastriert wurde, um seine Karrierechancen zu erhöhen. Ja, so machte man das damals im alten Ägypten, berichtet Thomas Mann in seiner ausführlichen Bibel-Nacherzählung „Joseph und seine Brüder“. Einen Teil davon, das Kapitel „Die Berührte“ , hat sich das Theater in der Josefstadt nun vorgenommen. Die Hürde war eine Spur zu hoch.

Im Zentrum steht die Frau des geschlechtslosen Potiphar. Mut-em-Enet , genannt Mut, sexuell vernachlässigt zu nennen, wäre ein Euphemismus. In Zeiten, wo europaweit über Prostitutionsverbote diskutiert wird, insinuieren nicht wenige Kommentator(inn)en, Männer seien unschuldige Opfer ihrer Triebe (arme Viecherln!).

So gesehen, ist es ein geradezu feministischer Akt, ausgerechnet jetzt ein Stück auf die Bühne zu bringen, das weibliche Lust und Triebhaftigkeit zum Thema hat. Der Josefstadt sei Dank dafür.

Szenenfotos aus "Die Berührte"

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Freilich, der Vergleich hatscht in mehrfacher Hinsicht. Erstens steht der Spielplan schon viel länger als die aktuelle Debatte und zweitens hatte auch Thomas Mann wohl nicht im Sinn, die von der Bibel als Verführerin dargestellte Mut zu rehabilitieren, sondern beschrieb durch sie sein eigenes Verlangen nach den schönen jungen Knaben.

Vor allem aber, und das ist das große Problem dieser Aufführung, wird Muts schmerzensreicher Weg bis zur seelischen wie körperlichen Entblößung nicht glaubwürdig gezeigt. Denn bevor der junge Sklave Joseph ihr verzweifeltes Verlangen erweckt, ist sie eine lässige, elegante Dame, eine Hausherrin, die sich ihrer Stellung bewusst ist.

Stolz ist sie, auch wenn ausgerechnet die Schwiegermutter, die Schuld an der erotischen Ebbe ist, sie boshaft eine „Aufgesparte“ nennt. Drei Jahre dauert es, schreibt Mann, bis Mut ihrem „späten Schrei aus letzter Seelen- und Fleischesnot“ nachgibt, bis sie sich also dem schönen jungen Mann offenbart. Bei Günter Krämer dauert es nicht einmal eine Stunde. Er inszeniert Herbert Schäfers Theaterfassung von „Die Berührte“ als komisches Porträt einer verkorksten Familie. Seine Mut ist von Anfang an Verführerin und viel zu schnell Leidende (das macht sie allerdings gut – Sandra Cervik).

Das führt dazu, dass man den zweiten Teil des zwei Stunden und zwanzig Minuten dauernden Stücks gar nicht mehr braucht, weil sich nichts Wesentliches mehr tut. Die sexuell frustrierte, letztlich vom obskuren Objekt ihrer Begierde Zurückgestoßene, leidet auch im zweiten Teil. Um beim Körperlichen zu bleiben: der Höhepunkt wird zu forsch angegangen, was danach kommt, schmeckt fahl.

Die Collage besteht nur aus Originaltexten aus Thomas Manns Roman. Keine leichte Kost. Das weiß die Regie auch und setzt, gleichsam um den Text leichter verdaulich zu machen, auf allerlei Kalauer. Als Joseph seiner Herrin ein Grasbüschel entgegen hält, darf sie keck drüberstreichen und von der Härte seines Büschels raunen. Wie öd.

Ein bisschen wirkt das wie aus einer fünfziger Jahre-Komödie, wo ewig Bäumchen-wechsel-dich gespielt wird. Der Ehemann ist natürlich der Doofe. Tonio Arango legt seinen Potiphar als tuntigen Jeremy Irons an. Etwas mehr Irons hätte gutgetan.

Florian Teichtmeister darf als Joseph rollenkonform süß und brav sein und sich verschreckt die Hand in den Schritt stecken, wenn dieser sich unanständig benimmt. Unbekümmert unanständig hingegen Erni Mangold, die einem Deus Ex Machina gleich, als widerliche Schwiegermutter auftaucht und in ihrer Boshaftigkeit brilliert. Das weiß sie bestimmt auch.

Eine gute Lösung gelingt mit dem Bühnenbild (Herbert Schäfer). Eine golden schimmernde Wand, in der sich der Fluss auf der Bühne spiegelt und ablenkt, wenn sich das Stück zieht.

KURIER-Wertung:

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