Josef Hader: "Printjournalisten sind die Bergarbeiter des Mittelstands".

© KURIER/Jeff Mangione

Interview

Josef Hader: "Ich bin ein sehr trotziger Mensch"

Josef Hader, Kabarettist, Schauspieler und neuerdings auch Regisseur, über "Wilde Maus".

von Alexandra Seibel, Marco Weise

01/16/2017, 08:00 AM

Josef Hader hat sich für sein Regiedebüt "Wilde Maus" (Kinostart: 17. Februar) nur wenig Verantwortung abnehmen lassen: Er schrieb das Drehbuch, führte Regie und spielte die Hauptrolle. Warum? Weil er wissen wollte, was passieren würde, wenn er alle Entscheidungen bis zuletzt selbst trifft. Und es ist tatsächlich etwas passiert: Josef Hader schaffte es in den Hauptwettbewerb der 67. Berlinale. Seine sehr wienerische Tragikomödie um einen plötzlich arbeitslosen, rachsüchtigen Musikkritiker feiert Premiere bei den Filmfestspielen in Berlin (9. bis zum 19. Februar) und geht damit auch um einen Goldenen Bären ins Rennen.

KURIER: Herr Hader, Ihr Regiedebüt "Wilde Maus" wird im Hauptwettbewerb der Berlinale gezeigt. Gratulation!
Josef Hader: Vielen Dank! Das bedeutet auf alle Fälle eine gesteigerte Aufmerksamkeit, was sich gut oder schlecht auswirken kann. Da muss man sich überraschen lassen.

Fürchtet man da im Vorfeld schlechte Kritiken?
Bei einem Wettbewerbsfilm schauen die Kritiker schon sehr genau hin. Da fängt man sich leichter einen Verriss ein, als wenn man an einem Nebenschauplatz startet. Aber ich kann mit Kritiken normalerweise sehr gut umgehen, gerade die schlechten bringen mich meistens weiter, weil ich ein sehr trotziger Mensch bin. Ich will dann immer beweisen, dass der Kritiker nicht recht hat.

Apropos Kritiker: Sie spielen im Film einen Musikkritiker, der gefeuert wird und an seinem Boss Rache nimmt. Kennen Sie so jemanden?
Nein, ich denke, dass ich einfach schonungslos den eigenen Narzissmus auf ein großes Berufsfeld projiziere. Die erste Idee zu dem Film war, eine Satire auf den gesettelten Mittelstand zu machen, in dem wir uns alle bewegen. Was passiert, wenn Arbeitslosigkeit auf schweren Narzissmus trifft und dadurch eine kleine und lächerliche Art von Terrorismus auslöst? Diese Sehnsucht, würde ich mal behaupten, hat jeder von uns: Wenn ich eine Kränkung erfahre, schlage ich sofort zurück. Die Figur des Georg ist ja kein größerer Verbrecher als man selbst. Er ist auch wirklich kein mutiger Mensch, aber schwer gekränkt. Es hat mich gereizt, jemanden armselig und zaghaft die Grenze überschreiten zu lassen. Und sich zu überlegen: Was würde ich mich an seiner Stelle trauen?

Dass ausgerechnet ein Printjournalist arbeitslos wird, ist wahrscheinlich auch kein Zufall.
Ich habe über Jahre beobachtet und auch von Journalisten erzählt bekommen, dass bei den Zeitungen nie jemand nachbesetzt wird und immer weniger Leute immer mehr Arbeit machen müssen. Wenn man sagt, man möchte einen Film über Arbeitslosigkeit im Mittelstand drehen, ist man schnell beim Printjournalismus. Die Printjournalisten sind die Bergarbeiter des Mittelstands, wo die Gruben alle geschlossen werden.

Was genau interessiert Sie am Mittelstand?
Es ist das beste Milieu für eine Komödie, weil eine Komödie immer eine gewisse Fallhöhe braucht. Das heißt: Es ist immer komischer, Menschen, die glauben, alles richtig zu machen, beim Scheitern zuzusehen. In diesem Milieu gibt es halt sehr viele Menschen, die glauben, alles richtig zu machen. Das ist unbestreitbar.

Aber Sie sind ja auch selbst Teil davon.
Ich habe alle Krankheiten, die dieses Milieu kennt. Aber diese rasende Selbstsicherheit, am richtigen Weg zu sein, habe ich nicht. Sich anzumaßen, das Richtige zu machen, nur indem man bestimmte Dinge kauft, ist einfach lächerlich. Es geht dabei nie darum, ein besserer Mensch zu werden, sondern sich besser zu fühlen als andere.

Sie spielen die Hauptrolle. War das von Anfang an geplant?
Das war mir nicht so wichtig wie die Regie. Aber die Produktionsfirma meinte, dieser Georg sei ein passiver Typ, der eigentlich ziemlich blöde Sachen macht. Und ich eine gute Besetzung dafür, damit man ihn trotzdem mag.

Dafür, dass Sie von sich behaupten, kein Schauspieler zu sein, spielen Sie ziemlich viele Rollen.
Ich meine mit „kein Schauspieler sein“, dass ich nicht beliebig einsetzbar bin. Ich werde nicht in irgendwelchen Rollen in Großproduktionen spielen, die ein Schauspieler besser könnte. Aber in bestimmten Projekten springen mich Figuren an.

Bekommen Sie viele Angebote?
Nicht so viele, weil ich den Ruf habe, ohnehin alles abzulehnen. Aber manchmal bringt ein Drehbuch etwas in mir zum Klingen – zum Beispiel „Vor der Morgenröte“ über Stefan Zweig. Zweig war darin so eine rührende und in gewisserweise tragisch-komische Figur, dass ich mir gedacht habe: Das liegt mir. Obwohl ich natürlich den größten Respekt hatte, weil ich noch nie etwas gespielt habe, das nicht in der Gegenwart stattfindet und weil ich noch nie einen Großbürger oder einen feineren Herren gespielt habe. Trotzdem hatte ich im Wesentlichen das Gefühl, dass ich richtig am Platz war.

Neben dem Prater als Schauplatz Ihrer Geschichte ist Georg Friedrich ein starkes Wiener „Wahrzeichen“ in Ihrem Film. Was verbindet Sie mit ihm?
Georg Friedrich und ich kennen uns schon lange. Für mich ist er erstens der beste Schauspieler, den ich kenne. Und zweitens der einzig richtige Filmschauspieler in Österreich, weil er es konsequent ablehnt, in Fernsehfilmen mitzuspielen. Er sucht sich seine Filme sehr genau aus – da ist er sehr genau. Als junger Schauspieler, als die guten Angebote Mangelware waren, ist er lieber Taxi gefahren, als in irgendeinem Film mitzuspielen. Er hat am Set eine enorme Intensität: Jede Aufnahme sitzt. Das ist für Kollegen oftmals sehr deprimierend.

Nutzen sich österreichische Schauspieler mit Rollen in Fernsehfilmen zu sehr ab?
Das weiß ich nicht. Es ist nur zu beobachten, dass wir wenige Filmschauspieler haben, weil wir eben ein kleines Land sind. Durch diesen Mangel fehlt vielen Menschen der Anreiz, ins Kino zu gehen. Denn so gut wie alle guten Schauspieler sind eh dauernd im Fernsehen zu sehen. Das ist meiner Meinung nach auch ein Grund dafür, warum der österreichische Film beim Publikum ein Problem hat. Warum sollte sich jemand aufraffen, einen Mantel anziehen, raus in die Kälte gehen, um ein Gesicht auf der Leinwand zu sehen, das man gefühlte vier Mal die Woche im Fernseher zu sehen bekommt?

Uns ist aufgefallen, dass in Filmen, in denen Sie mitwirken, immer wieder Japaner und Chinesen eine Rolle spielen – so auch in „Wilde Maus“. Warum?
Ich bin ein großer Fan von asiatischen Filmen, von Takeshi Kitano, Wong Kar-Wai und von Filmen aus Korea wie zum Beispiel „Oldboy“ von Park Chan-wook. Ich mag diesen Humor. Dazu kommt, dass die „Wilde Maus“ unter anderem ein Rachefilm ist und Rache ein typisch asiatisches Filmmotiv ist. Und dann spielt auch die klassische Musik eine Rolle. Daher war es klar, dass ich etwas Asiatisches einbauen muss.

Das Regiedebüt von Josef Hader„Wilde Maus“

Als der 50-jährige Georg (Josef Hader) seinen Job als Kritiker für klassische Musik verliert, verheimlicht er dies seiner Frau Johanna (Pia Hierzegger). Er startet nächtliche Rachefeldzüge gegen seinen Ex-Chef (Jörg Hartmann). Tagsüber verbringt er seine Zeit im Prater und trifft dort den ebenfalls arbeitslosen Erich (Georg Friedrich). Gemeinsam mit ihm und seiner rumänischen Freundin Nicoletta beginnt er, eine alte Achterbahn zu renovieren. Innerhalb weniger Tage gerät sein Leben aus allen Fugen. Ab 17. Februar im Kino.

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