Kultur 18.03.2016

"Otello braucht nicht nur die Hautfarbe"

José Cura (Otello) und Carlos Álvarez (Iago) während einer Probe der Oper "Otello" im Rahmen der Salzburger Osterfestspiele © Bild: APA/FORSTER

José Cura, einst als "Sexsymbol der Oper" vermarktet, singt in Salzburg Verdis Otello. Nicht nur zum Thema Blackfacing hat er eine explizite Meinung.

Im kommenden Jahr werden die 1967 von Herbert von Karajan gegründeten Osterfestspiele Salzburg ihr 50-jähriges Bestehen feiern. Auch im 49. Bestandsjahr gibt es eine mit Spannung erwartete Großpremiere: Christian Thielemann dirigiert morgen, Samstag, Giuseppe Verdis "Otello", es spielt die Sächsische Staatskapelle Dresden. Die Inszenierung stammt von Vincent Boussard, für die Kostüme zeichnet Christian Lacroix verantwortlich. Bei der Besetzung gab es im Vorfeld krankheitsbedingt Änderungen. Carlos Álvarez singt anstelle von Dmitri Hvorostovsky den Jago, José Cura statt Johan Botha die Titelpartie. Dorothea Röschmann ist die Desdemona. Der argentinische Startenor Cura im KURIER-Interview.

KURIER: Sie haben den Otello schon mehrfach gesungen. Hat sich im Laufe der Jahre Ihr Zugang zu dieser Oper geändert?

José Cura:Als ich Otello das erste Mal gesungen habe, war mein Haar ganz schwarz, jetzt ist es graumeliert. Schon diese Veränderung erklärt den Unterschied in der Interpretation. Dazu kommt, dass ich die Oper inzwischen auch inszeniert habe und sie im April, zum heurigen Shakespeare-Jahrestag (er starb vor 400 Jahren, Anm.), zum ersten Mal auch dirigieren werde. Ich kann also ganz bescheiden sagen, dass ich heute ein wirklicher Spezialist für Otello bin. Das ist nicht arrogant, nur Ergebnis harter Arbeit.

Um die Figur des Otello gab es zuletzt heftige Debatten, als an der New Yorker MET der Protagonist erstmals nicht mit sogenanntem Blackfacing auftrat. Wie sehen Sie die Debatte?

Otello braucht nicht nur die Hautfarbe, sondern auch die passende Stimme. Daher ist es für diese Oper schwierig ohne weiße Sänger. Ich verstehe die gute Absicht, sehe darin aber auch eine versteckte Falle: Wenn nur schwarze Menschen schwarze Rollen singen können, heißt es, dass weiße Rollen auch nur von weißen Sängern gespielt werden können. Dann könnte ein Schwarzer niemals Hamlet oder Richard III. darstellen? Diese neue Mode der politischen Korrektheit bietet die beste Entschuldigung, keine Schwarzen zu engagieren. Wenn Sie mich fragen, riecht das mehr nach Rassismus, als sich sein Gesicht schwarz anzumalen. Einige meiner schwarzen Freunde sind darüber wirklich besorgt.

Die Osterfestspiele feiern im kommenden Jahr ihr 50-Jahr-Jubiläum. Sie waren stets ein Festival der Luxusklasse, mit den größten Künstlern und auch mit hohen Kartenpreisen. Wie sehr passt Luxus noch in die heutige Gesellschaft?

Genau so, wie ein Rolls-Royce in eine Garage passt... Es gibt viele verschiedene Automarken, jeder Mensch kann das kaufen, das zu seiner finanziellen Situation passt. Bei den Osterfestspielen treffen einander jene Geldgeber bei einem luxuriöses Rendezvous, die sonst Opernhäuser mit "normalen" Kartenpreisen als Sponsoren unterstützen. So weit, so gut.

Das Operngenre scheint generell im Umbruch zu sein. Manche Häuser werden musealer, andere riskieren neue Zugänge. An einigen großen Theatern wie etwa der Metropolitan Opera New York gibt es aber Auslastungsprobleme. Ist das Fach generell in der Krise?

Die Welt ist in der Krise. Es gibt kein Entrinnen aus diesem gewaltigen Moment des Umbruchs und der Auflösung. Ich habe Vertrauen in die Vernunft der Gesellschaft, aber es könnte lange dauern.

Ein ehemaliger Tenor-Kollege, Plácido Domingo, ist im Alter wieder zurück ins Baritonfach gewechselt. Wie stehen Sie zu solchen Entscheidungen?

Jeder Künstler hat das Recht, sein Schaffen so zu präsentieren, wie er das will. Andererseits hat auch das Publikum das Recht, diesem Vorschlag zu folgen – oder nicht.

Sie sind, wie Domingo, immer wieder als Dirigent zu hören. Wie wichtig ist Ihnen das in Zukunft?

Ich komme eigentlich vom Komponieren und Dirigieren. Meine Sängerkarriere hat meinen Zugang dazu bereichert. Es gäbe daher nichts Selbstverständlicheres für mich, als irgendwann am Ende meiner Karriere Vollzeit-Dirigent zu sein, wovon ich vor Jahrzehnten geträumt habe. Aber das liegt nicht in meiner Macht. Ich kann mich dennoch nicht beschweren: Ich dirigiere nicht so viel, wie ich gerne würde, aber ich halte mich als Dirigent in Form. Auch meine Kompositionen kommen nun zur Premiere: "Magnificat" im vergangenen Februar, und "Ecce Homo" im März 2017.

Manche Ihrer Kollegen träumen von einer Intendanz. Wäre das für Sie auch vorstellbar?

Ja, aber wahrscheinlich aus anderen Gründen... Nach mehr als 30 Jahren auf der Bühne kann ich stolz sagen, dass ich einen Stil habe, der mein künstlerisches Credo definiert. Dauerhaft an einem Theater zu arbeiten, wäre eine gute Möglichkeit, dieses Credo in eine Kompagnie einzubringen, die sich damit identifizieren will. Einige werden diese Zeilen lesen und sich denken, ich bin naiv, aber was soll’s ...

Sie gelten seit jeher als intensiver Sängerdarsteller, auch mit großer Ausstrahlung. Wie wichtig ist heute die optische Komponente in der Oper?

Das Aussehen kann sehr wichtig sein, wenn es nicht selbst zum Ziel wird, sondern ein Vehikel bleibt. Ich wurde vor langer Zeit als "Sexsymbol der Oper" vermarktet, also kann ich darüber kompetent sprechen: Wenn man nur eine lukrative Karriere anstrebt, von der Art, wie wir sie heute immer öfter sehen, kann das gute Aussehen entscheidend sein. Aber wenn man eine Karriere auf Talent und harter Arbeit aufbaut und, nach vielen Jahren, als wirklicher Künstler bezeichnet werden will, dann ist das eine andere Geschichte. Natürlich will das Publikum träumen, und wenn das Aussehen des Sängers der Rolle entspricht, umso besser. Aber es gibt viele Wege, damit umzugehen.

Hörprobe


Cura als Otello - zuletzt in Barcelona:

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( kurier.at ) Erstellt am 18.03.2016