Jens Friebe wurde am 25. 12. 1975 in Lüdenscheid geboren, 2004 veröffentlichte er sein erstes Album

© /Christian Werner

Neue CD
09/24/2014

Jens Friebe: Einer, der mit seinen Ängsten gern mal an die Bar geht

Jens Friebe thematisiert die Orientierungslosigkeit der Linken und stellt sich der Angst.

von Brigitte Schokarth

Ein Nazi hat mein Bett aufgebaut. Ich hab geschwiegen und weggeschaut!"

Es ist eine wahre Begebenheit, die der deutsche Journalist und Liedermacher Jens Friebe gleich im ersten Song seines eben erschienenen Albums "Nackte Angst Zieh Dich An Wir Gehen Aus" besingt. Aber mit dem Song "Hölle Oder Hölle" will er bei Weitem nicht nur Selbstkritik üben.

"Der Bett-Monteur war sehr freundlich " erzählt Friebe im KURIER-Interview. "Aber dann hat er mit Freunden telefoniert und ihnen von einer Wehrmachtsausstellung vorgeschwärmt, die er als Sammlung der Devotionalien seiner Helden gesehen hat. Ich konnte ihn aber aufgrund dieser Hierarchie, dass ich ihn bezahle, darauf nicht ansprechen. Denn das wäre nie ein Gespräch auf Augenhöhe geworden."

Das Versäumnis beschämt den 38-Jährigen noch heute. Aber es hat ihm zumindest einen Song darüber eingebracht, "dass die derzeitigen Arbeitsverhältnisse einen menschlichen Umgang verhindern."

Deprimierend

Weil er auf "Totalität" steht, bewegt er sich musikalisch versiert zwischen Rock und Folk, Elektro-Pop und Chanson und setzt in seinen pointierten Texten auf Vielfalt. Doch auch wenn es Friebe wichtig war, dass auf dem Album "Kryptisches und Einfaches, Albernes und Abgründiges" nebeneinander steht, die Beschäftigung mit dem Zustand der Welt und dem vor dem Kollaps stehenden kapitalistischen System ist in mehreren Songs spürbar.

"Das Deprimierende ist, dass die Linke auch keinen Gegenentwurf hat. Bewegungen wie Occupy waren ein tolles Signal, aber eben auch nur das. Das liegt an der höchst verständlichen Scheu der Linken vor Parteien, Hierarchien und Organisationen. Aber die führt dazu, dass es nur Widerspruchs-Impulse gibt – und den Leuten, denen es schlecht geht, geht es immer noch schlecht."

Doch die Angst, die Friebe in den Album-Titel gehoben hat, bezieht sich nicht nur auf den Zustand der Welt. In Songs wie "Schlaflied" greift der ehemalige Philosophie-Student die Angst vor dem Tod auf. "Das liegt daran, dass ich in den letzten Jahren in Familie und Freundeskreis einige Menschen verloren habe", erklärt er. "Ich bin Atheist und halte schon die Idee, dass man in seinen Kindern oder seiner Kunst weiterlebt, für Illusion. Aber es ist eine Notwendigkeit, sich vorzustellen, wie es weitergehen könnte, weil das Ich-Bewusstsein totale Panik vor dem Aus hat. Das Paradoxe daran ist, dass es müßig ist, weil man es nicht wissen kann. Denn die, die es wissen, können nicht mehr davon berichten!"

Weltuntergang

So hat Friebe, der in seiner Jugend Fan von John Lennon und später The Clash war, mit "What Will Death Be Like" ein Lied des britischen Liedermachers Momus ins Deutsche übersetzt. Und in "Warum Zählen Die Rückwärts Mammi" bezieht er sich auf den im Maya-Kalender für Ende 2012 prognostizierten Weltuntergang.

Den Titelsong "Nackte Angst Zieh Dich An Wir Gehen Aus" sieht er als tröstenden Gegenpol dazu. "Das transportiert eine gewisse Akzeptanz der Angst: Man geht aus, nimmt sie mit, trifft sich mit anderen, die auch ihre Angst mithaben. So geht man anders mit ihr um – auf eine, wie ich finde, bessere und schönere Art."

Info: Jens Friebe live (mit dem Florian Horwath Ensemble): 13. 10. Wien/Stadtsaal