Kultur
02.04.2012

Jelinek-Stück: Eine Welt in Schieflage

Am Donnerstag hat Elfriede Jelineks "Winterreise" Wien- Premiere. Regisseur Stefan Bachmann im KURIER-Gespräch.

Es gab dafür den Mülheimer Dramatikerpreis, vom Branchenmagazin Theater heute die Auszeichnung als "Stück des Jahres 2011". Die Münchner Uraufführung von Johan Simons wurde mit Bravo-, Andreas Kriegenburgs Berliner Interpretation mit Buhrufen bedacht. Man spielte es in Köln, Mainz, Oberhausen ...

Am Donnerstag nun versucht sich Regisseur Stefan Bachmann am Akademietheater an der österreichischen Erstaufführung von Elfriede Jelineks "Winterreise". Der Zürcher ist ein Stücke-Schatzsucher, buddelte für die Burg schon mit viel Erfolg Alfred de Mussets "Lorenzaccio" und – mit nicht ganz so viel Erfolg – Shakespeares selten gespielten "Perikles" aus.

 

Tod und Einsamkeit

Die "Winterreise" muss man nicht entdecken, die Frage ist, was man in ihr entdeckt. "Den Tod", sagt Bachmann. "Und die Einsamkeit." Aus 77 eng beschriebenen A4-Seiten besteht Jelineks Text, acht Kapitel, eine gleichnamige Paraphrase auf den Liederzyklus über einen "Wanderer" von Franz Schubert und Wilhelm Müller, wie üblich ohne Rollenaufteilung.

"Das gibt dem Regisseur einerseits alle Freiheiten, nimmt ihn aber gleichzeitig in die Pflicht, einen eigenen Weg durchs Material zu finden. Das Theaterstück, das auf der Bühne zu sehen sein soll, muss man eigentlich selber erfinden", so Bachmann über seine "abenteuerliche Reise" durchs Jelinek-Land. Die er nicht "langweilig-autokratisch", sondern "als Experiment" mit seinen sechs Schauspielern angetreten ist.

Wenn sich Jelinek auf die Spuren von Schuberts und Müllers Wanderer begibt, führt sie ihr Weg durch die eigene Biografie. Ihr in der Psychiatrie verstorbener Vater, die schwierige Beziehung zur Mutter, ihre Existenz als Autorin – das achte Kapitel nennt Bachmann "eine ironische Selbstzerfleischung" – all das wird zur monumentalen Meditation auf Wilhelm Müllers Verse.
Eine freie Assoziation auf "Gefror’ne Thränen", die "Wasserfluth" oder "Auf einen Todtenacker ".
Am Ende erscheint die alte Leier"frau". Die hat’s natürlich mit dem Zeitpolitischen. Von Hypo-Alpe-Adria bis Natascha Kampusch ...

Sturheit und Penetranz

Bachmann hat am Akademietheater Kathrin Rögglas Kampusch-Stück "Die Beteiligten" inszeniert. Hatte er nicht das Gefühl, Jelinek serviere more of the same? "Es ist halt Teil ihrer nicht enden wollenden Beschäftigung mit diesen Vorkommnissen. Da finde ich die Sturheit, die Penetranz, mit der sie an diesen Themen klebt, schon wieder positiv," sagt Bachmann. Vor allem die Vorstellung einer "Winterreise" durch die Kälte der Finanzwelt hat’s ihm angetan.
"Sind denn in diesem Hause die Kammern all’ besetzt?"

So ginge es doch ständig: Spekulationsblasen, Fusionsvorhaben – und man selber? Draußen vor dem Tore.

Zu all dem hat Olaf Altmann eine Bühne gebaut, die, so Bachmann, "eigentlich fast nicht mehr zu bespielen ist". Eine steil geneigte Fläche, an der die Darsteller an Drahtseilen abhängen. Weil, "da eine Welt in absolute Schieflage geraten ist." Der eingeschränkte Aktionsradius erhöht, hofft Bachmann, die Konzentration auf den Text.

"Genau zuhören" soll das Publikum. Jan Plewka, Sänger der Hamburger Rockband Selig, wird dazu Schubert interpretieren. Klassisch mit Klavierbegleitung. Und Rockerstimme. Bachmann: "Nach Fischer-Dieskau wird’s nicht klingen."

Wanderschaft: Schubert wird Jelinek

Zum Stoff
Franz Schuberts " Winterreise" ist ein Liederzyklus aus 24 Liedern für Singstimme und Klavier, den der Komponist im Herbst 1827, ein Jahr vor seinem Tod, vollendete. Die Texte stammen vom Dessauer Dichter Wilhelm Müller. Literaturnobelpreisträger Elfriede Jelinek verwendet für ihr Stück auch seine Verse. Sie begibt sich auf die Spur seines "Wanderers" und zieht persönlich und zeitpolitisch Bilanz.

Zur Inszenierung
In der Regie von Stefan Bachmann spielen Dorothee Hartinger, Gerrit Jansen, Simon Kirsch, Melanie Kretschmann, Rudolf Melichar und Barbara Petritsch. Jan Plewka singt. Premiere: 5. 4.