Kultur
22.07.2017

"Jedermann" im Spitalsbett

Stehend gespendete Ovationen für Tobias Moretti und einen unfertig wirkenden "Jedermann" bei den Salzburger Festspielen.

Wenn der Domplatz für eine noch größere Show gebraucht wird, muss der „Jedermann“ eben ins überdachte Terrain ausweichen: Heftige Gewitter mit einer sehr beeindruckenden Licht-Ton-Dramaturgie erzwangen die Verlegung des mit Spannung erwarteten neu inszenierten „Jedermann“ ins ungeliebte Festspielhaus.

Ungeliebt deshalb, weil das große Festspielhaus ebenfalls riesige Distanzen zwischen das Geschehen und das Publikum legt – ohne das Flair der echten Altstadt mitzuliefern (der Domplatz ist ja in Wahrheit immer schon der Hauptdarsteller des „Jedermann“ gewesen). Was leider sofort auffällt: die problematische Akustik. Die Texte sind trotz Mikrofon-Unterstützung nur sehr schwer zu verstehen.

JÄ! DÄRRR! MAAAAAAAN!

Dass heuer alles neu ist, wird sofort demonstriert: Die berühmten „JÄ! DÄRRR! MAAAAAAN!“-Rufe, die bisher während der Tischgesellschaft dem Jedermann sein nahendes Ende ankündigten, sind jetzt an den Beginn gesetzt. Sie dienen als eine Art Ouvertüre und sollen wohl einmal mehr verdeutlichen: Ihr seid gemeint! Das Stück heißt nicht ohne Grund „JEDERmann“! Die „Spielansage“ („Jetzt habet allesamt Achtung Leut…“) macht jetzt der „Tod“ (Peter Lohmeyer), was ein logischer Gedanke ist.

Tobias Moretti darf gleich am Anfang durchaus kompetent Trompete spielen, aber das Stück kommt dennoch nicht recht in Gang. Es hat den Anschein, als müssten sich die Darsteller erst ans Festspielhaus gewöhnen.

Michael Sturminger, der nach dem konfliktbedingten Ausstieg der bisherigen Regisseure Julian Crouch und Brian Mertes in wenigen Wochen eine Neuinszenierung stemmen musste, und Hauptdarsteller Tobias Moretti, der, wie man hört, sehr genaue Vorstellungen in die Inszenierung einbrachte, verlegen das Stück von einem diffusen, märchenhaften, allegorischen „Irgendwanneinmal“ in die Gegenwart und ins Konkrete. Die Figuren tragen Kleidung von heute, Moretti trägt etwa anfangs einen ausgesucht scheußlichen Morgenmantel. Der „Schuldknecht“ und seine Familie müssen diesmal keine Lumpen anhaben, sondern teures, neureiches Edelprolo-Tuch – der „Schuldknecht“ ist jetzt kein Opfer, sondern Geldmensch wie Jedermann, er hat sich halt an der Börse verspekuliert.

Lotterbettchen

Neu gestaltet wurde auch die Beziehung zwischen Jedermann und seiner „Buhlschaft“ (Stefanie Reinsperger). Anstatt wie früher kreuz und quer über die Bühne zu hopsen (und dabei vor allem ihr Kleid wehen zu lassen), kuscheln die beiden ausgiebig im Lotterbettchen – sie stehen einander merkbar viel näher als früher. Die Buhlschaft ist jetzt kein dekorativer Gegenstand mehr, der Jedermanns Leben behübscht – sondern offenbar seine Herzensgefährtin. Das ist eine kluge Idee: Die Fallhöhe wird größer, wenn die Buhlschaft angesichts des Todes bedauernd, aber ohne zu zögern die Flucht antritt.

Sturminger und Moretti haben aber auch in Hugo von Hofmannsthals Text eingegriffen, viele der berüchtigt holprigen Verse geglättet und auch inhaltlich andere Bezüge hergestellt. So will der geizige Jedermann in dieser Fassung nicht einfach nur einen „Lustgarten“ anlegen und seiner Freundin schenken – er hat den Domplatz erworben und will aus der Kirche einen Lustgarten machen, sein Frevel ist also ungleich schlimmer.

Vieles in dieser Inszenierung ist interessant und klug gedacht. Der „Glaube“ wird diesmal von einem Mann (Johannes Silberschneider) gespielt und könnte auch Gott selbst sein. Die famose Mavie Hörbiger legt die „Guten Werke“ ziemlich beeindruckend als Drogensüchtige im Endstadium an. Und Jedermanns Mutter (Edith Clever) ist endlich keine händeringende Nervensäge, sondern eine selbstbewusste Frau, die sehr sachlich Sorge um ihren Sohn hat.

Schön gruselig ist auch, dass der Tod am Ende Jedermann nicht per Hieb auf die Brust fällt, sondern mit einem zärtlichen Todeskuss.

Confetti-TiVi

Anderes wirkt nicht zu Ende gedacht. Der „Mammon“ (Christoph Franken) sieht aus wie die Wuschelfigur Confetti aus dem alten ORF-Kinderfernsehen und ist eher niedlich als bedrohlich. Und Hanno Koffler (Guter Gesell/Teufel) spielt Satan wie einen nervösen Popstar, der dringend mal wieder Drogen nachtanken sollte. Die Szenen des Teufels – früher stets Garantie für große Lacher (vor allem in der Darstellung eines gewissen Tobias Moretti) – amüsieren niemanden.

Vielleicht ist das das größte Manko dieser zerfahrenen, nervösen, unfertig und unrhythmisch wirkenden Aufführung: Sie ist erstaunlich humorlos, überernsthaft und ein wenig bieder. So bekommt Jedermann, als es ans Sterben geht, tatsächlich ein Spitalsbett hingestellt.

Der Versuch, das Geschehen intimer und gleichzeitig heutiger zu machen, führt merkwürdigerweise nicht dazu, dass uns das Stück näher kommt – es wird nur kleiner. Es ist ja interessant: Seit Jahrzehnten klagen Theaterleute darüber, dass der „Jedermann“ genau genommen eine aus der Zeit gefallene Zumutung ist. Trotzdem wird er vom Publikum gestürmt. Und das liegt nicht nur daran, dass er eine touristische Sehenswürdigkeit ist. Sondern auch daran, dass er sogar im selbstzufriedensten Münchner Industriellen, der Gattin und Kinder mit dem SUV nach Salzburg fährt, um vor einem Haubenmenü ein wenig Kultur zu konsumieren, ein Jucken auf der Seele erzeugt: Du. Musst. Sterben. Heute stirbt der Jedermann, an einem anderen Tag stirbst du.

Wer weiß?

Vielleicht gibt es angesichts dieses Stücks nur zwei Möglichkeiten. Entweder, man lässt es ganz radikal von einem heutigen Autor neu schreiben, vielleicht als Fieberfantasie eines Sterbenden auf der Intensivstation. Oder man spielt es annährend so, wie sich Hugo von Hofmannsthal und Max Reinhardt das vor 100 Jahren ausgedacht haben.

Vielleicht wird ja aber auch aus der neuen, merkbar noch nicht fertigen Inszenierung bis zum nächsten Jahr etwas wirklich Großes. Wer weiß.

Am Ende gibt es vom Premierenpublikum stehend gespendeten Jubel für Tobias Moretti und den mit 95 Minuten kürzesten „Jedermann“ aller Zeiten, wobei der Jubel deutlich abebbt, als das „Leading Team“ auf die Bühne kommt. Es gibt aber auch nicht wenige Zuschauer, die kopfschüttelnd den Saal verlassen.

Die ersten Bilder vom neuen "Jedermann"

1/6

Die neue Buhlschaft (Stefanie Reinsperger)

Der neue Jedermann (Tobias Moretti)

Wir werden vom Mammon besessen (Christoph Franken auf Moretti)

Der Teufel (Hanno Koffler) darf nicht fehlen

Bleiben die Werke (Mavie Hörbiger)?

Nein, es bleibt der Tod (Peter Lohmeyer)

"Jedermann"-Fest: Partystimmung nach der Wetterenttäuschung

(Von Susanne Zobl)

„So ein Schmarrn“, sagte ein Festspielbesucher. Gemeint hat er damit nicht die Aufführung, sondern die tsunamiartigen Regengüsse, die unbarmherzig die Salzburger Hofstallgasse überfluteten. Man hatte auf den professionellen Wetterdienst vertraut. Der prognostizierte um 21 Uhr zu Vorstellungsbeginn des „Jedermann“ einen trockenen Domplatz. Mitnichten. Sunnyi Melles ließ sich die reude aber nicht verderben. Sie kam extra von Dreharbeiten aus Prag angereist, um mit Tochter Leonie Tobias Morettis „Spiel vom Leben und Sterben des reichen Mannes“ zu sehen. „Ich habe mich so auf den Tobias gefreut. Aber ich komme wieder, um ihn auf dem Domplatz zu sehen“.

Sichtlich enttäuscht, aber ebenso erleichtert, kommentierte "Mammon" Christoph Franken die meteorologischen Vorkommnisse: „Wir waren schon im Bus. Dann haben wir auf dem Domplatz wieder kehrt gemacht.“ Schock, Enttäuschung. „Aber ich habe mich im Festspielhaus schnell wieder erholt.“ Präsidentin Helga Rabl-Stadler hatte abseits der Adabeis Schauspieler und Regisseur Michael Sturminger ihre Zuwendung zuteil werden lassen: „Ich bin sehr glücklich“, lässt sie wissen. Denn die Standing Ovations nach der Premiere machten das Ungemach vom Himmel wieder wett. Zur Feier ging’s dann trockenen Fußes zum Stiegl Keller.

Jedermann-Autogramm für Polizisten

Stilecht auf dem Ralley-Motorrad fuhr Jedermann, Tobias Moretti vor dem Festspielhaus vor: „So kommst du am besten durch den Salzburger Verkehr“, erklärt er sein Gefährt, das er freilich durch die Hofstallgasse schiebt und den Polizisten Autogramme schreibt. Erst die steile Gasse zum Stiegl Keller düst er mit Gattin Julia auf dem Sozius hinauf. Das Spiel vom Sterben nimmt ihn schon mit, „aber erst nach dem Spiel. Das ist wie in der Musik.“ Das Trompetenspiel hatte er dafür selbst von der Tochter erlernt. „Bis vor einer Woche habe ich nur gekiekst.“ Jetzt kann er sogar im Liegen seinem Instrument Wohlklänge abringen. Chapeau!

Und den Hammer für den Bieranstich schlug er nicht weniger virtuos, assistiert von Stefanie Reinsperger, die ihr zuckerlrosa Buhlschaftskleid gegen ein maßgeschneidertes Dirndl ausgetauscht hat.

Bruder Gregor Bloeb kam mit seiner Tochter Josephine. Seine Premiere von Gerhart HauptmannsRose Bernd“ ist am 29. Juli auf der Perner Insel „Dort sind wir wenigsten nicht vom Wetter abhängig“.

Ungerührt von Wind und Wetter zeigte sich Regisseur Ulrich Seidl: „ Das ist mein erster ‚Jedermann’. Für mich war es ein toller Abend, einfach nur zu sehen, was meine Leute da geleistet haben“, lobt er die Ausstatter Renate Martin und Andreas Donhauser, die auch für seine cineastischen Werke zugange sind.

"Jedermann"-Regisseur Michael Sturminger kam mit der sichtlich stolzen Mutter Marietta. "Tod" Peter Lohmeyer ließ es sich in charmanter Begleitung gutgehen. "Teufel" Hanno Koffler kam mit Freundin, die besten Aussichten entgegenblickt, denn bald ist man zu dritt. Mavie Hörbiger posierte tapfer für die Fotografen.

Intendant Markus Hinterhäuser und Partnerin Maria Wiesmüller feierten mit dem Team. "Glaube" Johannes Silberschneider und Jedermann-Mutter Edith Clever delektierten sich am Buffet. Und Michael Ostrowski, der für Servus-TV eine „Jedermann-Doku“ dreht, resümiert: „Endlich hat man kapiert, worum es geht. Das ist ein reicher Typ, der nichts hergibt und dann sterben muss.“
Mag auch auf der Bühne alles neu beim „Jedermann“ gewesen sein, beim Feiern wurde die Tradition gewahrt.