Saalfelden

© Werner Rosenberger

Jazzfestival Saalfelden
08/25/2013

Edelkitsch und Liebe aufs erste Hören

Saalfelden.Eine wilde Mischung aus Free Jazz, Noise-Effekte, String Trio und Afro-Jewish-Beat.

von Werner Rosenberger

Ein Fest für neugierige Ohren ohne ein Gramm Plüsch-Jazz war’s am Samstag mit Kaiserwetter am Steinernen Meer:

Selten hat man so viele Streicher in Jazz-Ensembles auf einmal erlebt. Sogar eine Harfe beim auszugsweise von Golden Quartet & Pacifica Red Coral präsentierten Projekt „The Ten Freedom Summers“ von Wadada Leo Smith über Amerikas dunkle Tage des Rassismus und der Diskriminierung.

Seit 1977 arbeitet der Trompeter an seinem Opus magnum, das sogar für den Pulitzerpreis nominiert war. Es erinnert mit konsequent radikalen Klängen wie aus einem Paralleluniversum vor allem an die einst politische Botschaft des Jazz, an die Kämpfe und Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung. Free Jazz oder freie Improvisation mache er nicht, sagt Wadada Leo Smith backstage. Er nennt es lieber kreative Musik: „Ich mache Kunstobjekte, die die Menschen nach Hause nehmen und hoffentlich in ihrem Herzen bewahren werden.“

Bombastisch

Thematisch ähnlich gelagert ist die klanglich abenteuerliche „Race Riot Suite“ der Jacob Fred Jazz Odyssey, der fulminante Einstieg am Nachmittag mit einem Mix aus Rock und Funk, Hip-Hop, Country-Einsprengseln und gelegentlichen Avantgarde-Einflüssen in eines langen Tages Musikreise in die Nacht.

Dann ein Sound zur Entschleunigung, ein scharfer Kontrast jedenfalls: Der Pianist John Medeski solo spielt Standards und Eigenes. Das wirkt mitunter ungewöhnlich meditativ und fast introvertiert, um dann – dekonstruiert – unvermittelt ins Expressive zu kippen, nachzuhören auf dem Album „A Different Time“.

Perfektes Timing beim nach einem Beinbruch im Rollstuhl musizierenden Trompeter Franz Hautzinger: „Big Rain“ passt zur meteorologischen Situation am Abend. Künstlerisch erscheint’s allzu sehr auf Effekthascherei angelegt zu sein.

Energiesprühend

Berührende, spannende Kammermusik – ein Zuhörer sagt „Edelkitsch“ dazu – macht das finnisch-kroatisch-polnische Trio des Pianisten Liro Rantala u. a. mit der Cellistin Asja Valcic vom radio.string.quartet.vienna.

Es ist sensibel und lyrisch in Balladen und einem melancholischen Gebet oder energiesprühend in einer umwerfenden Version des Klassikers „Caravan“.

Lange nach Mitternacht entert noch einmal eine der beim Festival heuer zahlreich vertretenen Großformationen die Bühne: Alles beginnt wie ein bombastisches Klagelied und groovt sich allmählich rhythmisch ein, bis plötzlich die Gitarre abhebt und die Bläser loslegen.

Ehrlich gesagt: Bei John Madoff und „Zion80 – Jewish Afro Beat“ aus der New Yorker Downtown-Szene ist’s Liebe aufs erste Hören. Der Gitarrist, der schon mit John Zorn und Marc Ribot zu hören war, mischt den pulsierenden Afrobeat des Nigerianers Fela Kuti mit Rock, Funk und sephardischer Musik zu einem Aufputschmittel erster Güte.
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