Kultur
20.07.2017

Jan Fabre bei Impulstanz: Katzen nicht von Türmen werfen!

Jan Fabres "Belgian Rules /Belgium Rules" bei ImPulsTanz im Volkstheater – ein wahrer Marathon.

Jan Fabre ist bekanntlich ein Fordernder, ein auch bewusst Überfordernder, der in all seinen Arbeiten an Grenzen geht. An zeitliche wie etwa bei seinem 24-Stunden-Projekt "Mount Olympus", an körperliche – seine Performerinnen und Performer sind bis zur Erschöpfung im Einsatz – und auch an visuelle. Denn die gigantischen Bilderwelten, die wunderschönen, oft den Meisterwerken der Kunstgeschichte verpflichteten Tableaux Vivants, die der belgische Universalkünstler kreiert, sind auch für den Betrachter in ihrer Üppigkeit oft schwere Kost.

All dies ist auch bei Fabres neuer Arbeit "Belgian Rules / Belgium Rules" im Wiener Volkstheater zu erleben. Das Festival ImPulsTanz hat sich die Uraufführung dieser vierstündigen – Merke: Pausen sind nur etwas für Feiglinge! – Performance gesichert und damit wieder ein Gesamtkunstwerk nach Wien geholt.

Vorkenntnisse gefragt

Eines aber, das auch Vorkenntnisse verlangt. Immerhin thematisiert Fabre nichts weniger als die Geschichte seiner Heimat Belgien, in all ihren Widersprüchen, Traditionen und Skurrilitäten. So ist es kein Fehler, das (übrigens sehr informative) Programmheft vorab zu studieren, um all die regionalen Besonderheiten, Riten, Sitten und Gebräuche der Belgier und damit Fabres Assoziationen besser zu verstehen. Und Grundkenntnisse der (belgischen) Kunstgeschichte sind sicher auch kein Nachteil.

Denn Fabre spielt virtuos mit bekannten Bildern von Peter Paul Rubens, Jan van Eyck, James Ensor oder René Magritte, die er höchst poetisch neu interpretiert. Dazu gibt es aber auch Bier und Pommes, Schokolade und sich über Katzen beschwerende Tauben. Wilde Karnevalstänze zu Techno-Musik wechseln sich mit Work-outs an Bierkisten ab, eine Art Josephine Baker tanzt zu den Klängen eines Saxofons, und Igel halten Monologe über das Theater der Grausamkeit und den doch lustigen Tod.

Gegensätze als Einheit

Natürlich spielt Fabre mit seiner Truppe Troubleyn auch mit den Geschlechterrollen, mit Nacktheit, Sex und mit Brüchen. In einem gnadenlosen verbalen und körperlichen Stakkato etwa formulieren die Performer (auch mit Skeletten am Rücken) absurde Regeln und Verbote. Ja, du sollst Katzen nicht von Türmen werfen! Aber Tauben – sie stehen hier für das Fremdartige – werden lustvoll malträtiert. Auch eine Geburtstagsparty für Tote darf nicht fehlen. Und sogar der erstmalige Einsatz von Giftgas im Ersten Weltkrieg in der Stadt Yperiet wird gespenstisch thematisiert. Wie auch die Brutalität der belgischen Kolonialherrscher im Kongo oder Belgiens Rolle als internationaler, profitgieriger Waffenexporteur. Politisch ist Fabre immer.

Das alles macht Fabre in stringenten Tableaux von oft grausamer Schönheit, jedoch auch immer wieder in herrlich kindisch-humorvollen Aktionen. Ganz Belgien als ein einziges, großes Welttheater, und jeder Mensch ein Spieler – das Universum des Jan Fabre wird wie auch Belgien durch das Theater zusammengehalten. Und natürlich durch Bilder, die noch lange, lange nachwirken.