© Alexi Pelekanos

Schauspielhaus
02/16/2013

Ja, was soll er denn jetzt: Sie küssen oder abwatschen?

Kritik: Lukas Lindners "Ich war nie da" im Schauspielhaus.

von Barbara Mader

Immer wieder proben sie die entscheidende Szene. Fandra Fatale (Veronika Glatzer), neu am Theater, und Mads (Gideon Moaz), der das Schauspielen nie gelernt hat und lieber eine rauchen gehen würde. Was kommt nach Wein, Liebeserklärung und Gedanken über die Liebe? Kuss oder Ohrfeige? Die hysterischen Regieanweisungen von Jorgos Brontosaurus (genial grotesk: Gabriel von Berlepsch) sind wenig hilfreich. Sein Alter Ego „Arzt Arzt“ rät Fandra zu Zementpatschen. Mads wird am Ende nur mehr mit seinem Telefon sprechen. Bühnen-Lebenspartnerin Fandra die Hand halten? „Würg!“ (Er hat in letzter Zeit ein bisschen die Krise.)

„Ich war nie da“ ist schrilles, meist vergnügliches Aktionstheater mit 80er-Performance-Touch. Singen, tanzen (zu „Rocky I“-Klängen), Björn-Borg-Schweißbänder tragen. Und Psychologisieren. Stichwort Ich-Suche. Der 28-jährige Schweizer Lukas Lindner hat den 90-Minüter geschrieben, er wurde im Rahmen eines Autorenförderungsprogramms am Schauspielhaus entwickelt und mit dem Hans-Gratzer-Stipendium ausgezeichnet. Donnerstag feierte er unter der rasanten Regie von Lilja Rupprecht Premiere.

Beschrieben werden darin die von Familienhölle und Lebensmüdigkeit überschatteten Proben zu einem Theaterstück. Fandra will eigentlich nicht mittun, der überdrehte Brontosaurus, gestylt wie den „Royal Tenenbaums“ entsprungen, drängt sie dazu. Sie wird die Rolle rührend ernst nehmen – obwohl von ihrer Mutter (herrlich mies: Susi Stach) eher entmutigt: Man möge ihr bei der Premiere einen Platz geben, von wo aus Flucht aus Schamesgründen möglich wäre.

Literatur von Robert Walser und Gogol, Filme von Fassbinder und Polanski nennt Autor Lindner als Vorbilder. Offensichtlich sind die Anleihen, die Hauptdarsteller Brontosaurus an Jerry Lewis als „Verrückter Professor“ nimmt. Auch keine schlechte Referenz.

KURIER-Wertung: **** von *****