Kultur
12.02.2018

J.R.R. Tolkien: Sein erster Held

John Ronald Reuel Tolkien (1892 –1973) © Bild: Klett-Cotta Verlag

Die Geschichte von Kullervo war der Beginn seiner Mythologie.

Er war zwei Monate alt, als er seine Stoffwindeln zerriss. Die hölzerne Wiege hat er danach mit Füßen zertreten.

Sympathisch war dieser Kullervo nicht. Sondern jähzornig, grantig, gar nicht hübsch.

Immerhin hat er seine Mutter gefragt (denn er konnte schon früh reden), warum sie denn traurig sei.

Da hat sie ihm von ihrem Mann, Kullervos Vater, erzählt, der von seinem Bruder, Kullervos Onkel Untamo, umgebracht wurde, um sich sein Land einzuverleiben und die Familie zu versklaven.

Die Rache – unter Mithilfe des schwarzen Hundes Musti, der sich bei Gefahr in einen Bären verwandeln kann – wird gelingen. Zunächst aber rodet Kullervo noch rasch einen Wald. Jetzt ist er ja schon zwei Jahre alt.

Glücklich endet dieses gewaltige Drama um Mord, Inzest und Selbstmord, das nur märchenhaft begonnen hat, für ihn allerdings nicht.

Ouvertüre

"Die Geschichte von Kullervo" war J.R.R. Tolkiens allererste Erzählung. Während seiner Studienzeit in Oxford hatte er sie mit Bleistift aufgeschrieben, immer wieder ein paar Zeilen – und 1916 die Lust daran verloren. Sie blieb folglich, wie vieles bei ihm, unvollendet.

Aber es war der Beginn seiner eigenen Mythologie, die Tolkien England widmete: Silmarillion, Hobbit, Herr der Ringe ...

Bzw. "die Ouvertüre zum gesamten Kanon seiner Fiktionen", wie es Verlyn Flieger ausdrückt – Literaturprofessorin, Mythenspezialistin und Herausgeberin der "Kullervo"-Kurzgeschichte.

Finnisch

Der nun erstmals veröffentlichte Text ist Tolkiens Version eines Gedichts aus der finnischen Balladensammlung Kalevala. Der damals um die 20 Jahre alte Student fühlte sich angesichts seiner Entdeckung dieser Volksdichtungen wie Kolumbus in Amerika.

Enka lähe inkerelle

Penkerelle pänkerelle ...

J.R.R. Tolkien war vom Finnischen begeistert, die erste Elfensprache, die er erfand, klang ganz ähnlich.

Kullervo mag einen ja nicht unbedingt umhauen beim Lesen. Aber diese großzügigen, liebevollen Anhängsel – das englische Original, viele Erklärungen, Kommentare, auch zwei Essays Tolkiens–, das macht dieses Buch so"fett", so schön.

Mit Sutse ist übrigens Finnland gemeint, Russland heißt bei Tolkien Kemenūme, und gezaubert wird, indem der böse Onkel "in den Fingern" seine Magie "webt".

J.R.R. Tolkien: „Die Geschichte von Kullervo“
Herausgegeben und bearbeitet von Verlyn
Flieger.
Klett-Cotta.
240 Seiten.
22,70 Euro.