Kultur
02.07.2017

Interview mit Sofia Coppola: Allein unter Frauen

Die "Lost in Translation"–Regisseurin Sofia Coppola über ihren Südstaaten-Thriller "Die Verführten".

Sofia Coppola ist die zweite Frau in der Geschichte, die auf dem Filmfestival in Cannes mit dem Preis für beste Regie ausgezeichnet wurde. Mit ihrem sinnlichen Südstaaten-Thriller "Die Verführten" (im Kino) griff sie auf einen alten Filmstoff von Don Siegel zurück. Erzählt wird die Geschichte eines verwundeten Soldaten aus den Nordstaaten, der während des US-Bürgerkrieges Zuflucht in einem Mädchenpensionat in den Südstaaten findet. Durch seine Anwesenheit mischt er die erotischen Gefühle der Frauen auf, die ihn – von der Leiterin bis zur Schülerin – sehr begehrenswert finden.

Ein Gespräch mit Sofia Coppola über Nicole Kidman, weibliche Blicke und weiche Filmbilder.

KURIER:Sie haben mit "Die Verführten" ein Remake von Don Siegels "Betrogen" von 1971 gemacht. Was hat Sie an dessen schwarz-humorigem Sex-Drama interessiert?

Sofia Coppola: Ich habe den Film erst vor ein paar Jahren gesehen, und er hat mir gefallen. Gleichzeitig fand ich es herb, mit welcher Macho-Perspektive die Hauptfigur (Clint Eastwood, Anm.) auf die Frauen blickt. Ich wollte kein direktes Remake machen, sondern dachte, es wäre interessant, den Film aus dem Blickwinkel der Frauen zu erzählen.

Dieser weibliche Blickwinkel wird eindeutig erotisch, wenn etwa Nicole Kidman als Leiterin der Mädchenschule den verletzten Soldaten wäscht...

Ja, diese Szene habe ich erfunden. Ich wollte damit zeigen, wie fremd dieser Frau der Körper des Soldaten ist und wie er Konflikte in ihr auslöst – zwischen ihrem Begehren und ihrer katholischen Religion. Nicole Kidman hat diese Szene natürlich auch noch auf ihre eigene Weise interpretiert. Sie ist eine großartige Schauspielerin, und ich konnte sie mir in dieser Rolle gut vorstellen, weil sie so einen abgefahrenen Sinn für Humor hat. Ich wusste, sie kann diese Person sehr real machen, ohne sie zu karikieren.

Wie schwierig war es, den einzigen Mann, das Objekt der Begierde, zu casten? Sie haben gesagt, sie wollten jemanden, der sowohl Frauen als auch schwulen Männern gefällt?

Bei den weiblichen Rollen wusste ich gleich, wen ich haben will. Die Suche nach der männlichen Hauptrolle war das Schwierigste. Es sollte jemand sein, der auch für Frauen unterschiedlicher Altersgruppen attraktiv, sexy und intelligent genug ist, um sie alle glaubhaft zu verwirren. Colin Farrell ist charmant und charismatisch, aber ich weiß, dass er auch eine dunkle Seite hat. Und die braucht er, wenn er im Film eine radikale Kehrtwendung vollziehen muss. Gleichzeitig wollte ich, dass sich die Geschichte immer real anfühlt, auch wenn sie eigentlich komplett überdreht ist.

Apropos überdreht: Tatsächlich schlummert sublimer Humor unter der Oberfläche Ihres Films. Sehen Sie das auch so?

Ich fand vieles darin ausgesprochen witzig, aber ich habe mich sehr darum bemüht, die Geschichte nicht ins Lachhafte zu ziehen. Ich wollte eine gute Balance zwischen der Komik der Situation und der Intensität des Melodrams halten.

Der Mann bringt die Ordnung der Mädchenschule völlig durcheinander. Beim Abendessen putzen sich alle heraus, um ihm zu gefallen. Inwiefern verändern Männer das Verhalten von Frauen?

Ich glaube, dass Frauen sich anders verhalten, wenn sie unter sich sind, als wenn Männer anwesend sind. Aber in den meisten Fällen ist es nicht so extrem wie in meinem Film, wo die Frauen schon seit drei Jahren keinen Mann mehr gesehen haben. Ich persönlich war noch nie so lange von der Männerwelt abgetrennt, insofern war es für mich nie so eine große Sache... (lacht).

Ihre Filme fühlen sich immer sehr persönlich an. Wie haben Sie diesmal Zugang zu Ihren Figuren gefunden?

Was diese unterschiedlichen Frauen betrifft, so habe ich jedes Alter, in dem sie sich befinden, selbst erlebt. Dadurch kann ich ihre jeweilige Gefühlslage sehr gut nachvollziehen.

Sie haben nicht digital, sondern auf analogem Film gedreht?

Ich liebe 35-mm-Film, es macht einfach so wunderschöne Bilder, die eine eigene Qualität haben: Sie haben einen weicheren Look und fühlen sich mehr nach Vergangenheit an. Es erschien mir genau richtig für "Die Verführten", der mich ein wenig an meinen Film "Die Selbstmord-Schwestern" erinnert. Der hatte eine ähnliche Ästhetik, doch "Die Verführten" nimmt eine andere Wendung und ist reifer.

Ihr Film spielt in den Südstaaten. Stimmt es, dass Sie von Scarlett O’Hara aus "Vom Winde verweht" inspiriert waren?

Ja, ich habe "Vom Winde verweht" als Kind gesehen, und wenn ich an eine Frau aus den Südstaaten denke, denke ich automatisch an Scarlett O’Hara. Ich glaube, in jeder Südstaaten-Lady steckt ein Stück Scarlett O’Hara.

Ihre Filme handeln meist von jungen Frauen, die nach ihrer Identität suchen. Was interessiert Sie so daran?

Das ist ein Thema, mit dem ich mich sehr identifiziere und das ich, als ich aufgewachsen bin, nicht sehr oft im Kino wiedergefunden habe. Ich finde ganz generell, dass man aus vielen verschiedenen Perspektiven erzählen soll, denn ich will nicht immer nur Geschichten von weißen, heterosexuellen Männern vorgesetzt bekommen. Ich persönlich fühle mich der weiblichen Perspektive am nächsten, aber ich möchte unterschiedliche Erfahrungen im Kino machen. Denn dadurch können wir uns alle untereinander besser verstehen.