Kultur
23.08.2017

Indie-Ikone EMA: Nicht prophetisch, nur besorgt

Die Indie-Musikerin widmet "Exile In The Outer Ring" denen, die keine Stimme haben.

Am Ende des KURIER-Interviews klingt Erika Michelle Anderson, die unter dem Künstlernamen EMA höchst effektiv Singer-Songwriter-Sounds mit Noise-Rock verbindet, doch noch fröhlich. Angesprochen auf ihr Konzert am 12. Oktober in der Arena in Wien erzählt sie, wie sehr sie diese Stadt liebt.

"Als ich bei euch das erste Mal die Schiele-Gemälde sah – mein Gott, das war so bewegend. Und ich gehe in Wien immer in den Prater, lass mich dort mit diesem Ding in die Luft schießen. Das ist das Erschreckendste, was ich je gemacht habe. Ich glaube dabei, ich muss sterben. Und trotzdem habe ich es schon zwei Mal gemacht. Ist das nicht verrückt?"

Aussichtslos

Irgendwie schon. Aber lange nicht so verrückt, wie die deprimierenden Dinge, die vorher das Gespräch dominiert haben. EMAs kommenden Freitag erscheinendes viertes Album "Exile In The Outer Ring" hat nämlich die Leben jener Menschen zum Thema, die durch die politischen und sozialen Zeiterscheinungen an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.

"Ich wollte in den Texten all jenen eine Stimme geben, über die nie etwas in den Medien auftaucht. Leute, die in kleinen Städten im Mittleren Westen der USA fernab der liberalen Metropolen an den Küsten leben. In Orten, wo es wirtschaftlich keine Chancen und Jobs gibt, die deshalb in immer billigere Wohnungen ziehen müssen und so in Viertel, wo Armut und Aussichtslosigkeit regieren."

Auf die Idee kam Anderson 2014, als sie las, dass in Amerika in gewissen Gegenden die Lebenserwartung sinkt – zu ersten Mal seit Jahren.

"Sie nennen es ,Tod der Verzweiflung’", sagt sie. "Damit meinen sie Alkohol, Selbstmord und Drogen. Ich bin selbst in so einer Umgebung aufgewachsen. Ich lebe jetzt zwar in Portland, aber ich habe immer noch viel Kontakt zu Leuten von dort. Ihre Storys wollte ich festhalten, weil ich fand, dass eine Anerkennung ihrer Realität wichtig ist."

Schock

Lange vor der Wahl von Präsident Trump, sagt sie, sei sie damit nicht prophetisch, nur besorgt gewesen: "Ich dachte, ihnen den Rücken zuzukehren, kreiert ein Vakuum, in das Politiker mit nationalistischem Gedankengut eindringen und ihre Gefühle ausnützen könnten. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass das so weit geht, dass Trump gewählt wird. Das war ein echter Schock!"

Der Albumtitel "Exile In The Outer Ring" bezieht sich darauf, dass in den USA früher die Reichen in den äußeren Bezirken einer Stadt lebten, sich das aber jetzt umkehrt und die äußeren Bezirke zu Armen-Vierteln werden. Aber nicht nur lyrisch sind die Songs ein berührendes, aufwühlendes Abbild dieser Entwicklungen. Der tief unter die Haut gehende Sound mit unterschwellig dröhnenden, verzerrten Gitarren macht die Verzweiflung und die Wut von Andersons Protagonisten spürbar.

Erleichterung

Allerdings, sagt die 35-Jährige, stecke darin auch Erleichterung: "Ich glaube, dass Leute es als aufbauend empfinden, wenn sie ihre Gefühle in der Musik wiederfinden. Mir jedenfalls geht es gleich viel besser, wenn ich solche Musik höre, wenn ich verzweifelt bin. Das wirkt auf mich – anders als fröhliche Songs – total befreiend. So, als würde mir die Last genommen werden."

INFO

EMA tritt am 12. Oktober in der Wiener Arena auf. Karten für das Konzert gibt es unter Tel.: 01/96 0 96 oder www.oeticket.com