Kultur
27.07.2017

"In Zeiten des abnehmenden Lichts": Eingelegte Gurken zum Geburtstag

Matti Geschonneck erzählt vom Ende der DDR im Spiegel einer Familienfeier.

Vor sechs Jahren veröffentlichte Eugen Ruge seine Familiengeschichte "In Zeiten des abnehmenden Lichts", erhielt dafür den Deutschen Buchpreis und erklärte den Roman für unverfilmbar. Regisseur Matti Geschonneck und der renommierte Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase – beide selbst in der Ex-DDR geboren – schlugen diese Warnung in den Wind. Sie dampften die ein Jahrhundert umspannende Familiensaga, in deren Geschichte sich das Schicksal der DDR widerspiegelt, auf exakt einen Tag ein. Und zwar auf den 90. Geburtstag des Familienoberhauptes Wilhelm Powileit, einem ehemaligen Nazi-Widerstandskämpfer, verdienten DDR-Funktionär und überzeugten Stalinisten.

Am 1. Oktober 1989 treten die Gratulanten an und tun so, als wäre die DDR nicht am Zerfallen: Genossen, Nachbarn und Familienmitglieder überreichen dem Geburtstagsgreis Blumen, singen Revolutionslieder und stürmen das Buffet.

Einnicken

Bruno Ganz als mürrischer Patriarch Powileit lässt die Ehrungen über sich ergehen, spricht weise Sätze ("Das Problem ist, dass das Problem das Problem ist") und nickt dazwischen ein. Was ihm keiner sagen will: Sein Enkel hat sich in den Westen abgesetzt.

Matti Geschonnecks Verdienst liegt darin, die DDR nicht ins Nostalgielicht zu tauchen oder zu kriminalisieren, sondern unaufgeregt den Niedergang zu registrieren. Herausragend in seinem tragikomischen Kammerspiel ist jedoch die Sorgfalt im Detail: Von der Brotmaschine bis zur eingelegten Gurke und der blauen Marx-Engels-Gesamtausgabe besticht die Innenausstattung mit treffsicherer Genauigkeit jenseits der Plattenbauten-Klischees.

Auch die Komik entwickelt sich in Beziehung zu Gegenständen: Powileit residiert in einer Villa, die einem Nazi-Bonzen gehörte, und treibt wütend Nägel in den "Nazi-Tisch": Der biegt sich unter dem Buffet und stürzt dann sinnfällig in sich zusammen.

Die Vergangenheit bricht in dichten Dialogen über die Figuren herein. Eine Neigung ins Theaterhafte lässt sich nicht vermeiden: Der knarrende Boden unter den Füßen der Besucher klingt zuweilen wie Bühnenbretter. Doch das Ensemble – allen voran der knorrige Ganz – halten die Intensität aufrecht. Besonders die gratulierenden Genossen, die ungemütlich in der Wohnung herumstehen , als hätten sie einen kratzenden Pullover an, verraten viel über einen Staat, der an seiner eigenen Gegenwart scheitert.

INFO: D 2017. 100 Min. Von Matti Geschonneck. Mit Bruno Ganz, Sylvester Groth.

KURIER-Wertung: