Kultur
03.02.2018

In einer fremden Familie

J. Courtney Sullivan: "All die Jahre"

Das ist ja nichts Besonderes (denkt man anfangs).

Eine Frau um die 70 verliert ihren ältesten Sohn Patrick durch einen Autounfall, und dann erinnert sie sich an "All die Jahre": als Nora mit 21 ihr Heimatdorf in Irland gemeinsam mit der 17-jährigen Schwester Theresa verlassen hat, verlassen musste – zu viele Esser – und nach Amerika fuhr;

als dort ihr Landsmann Charlie schon auf sie wartete. Er war früher ausgewandert und hat alles für Nora – für die Heirat – "hergerichtet";

als Noras Schwester schwanger wurde, was sie nicht wusste: von einem verheirateten Mann. Nora und Charlie zogen das Kind wie ihre eigenen drei Kinder auf – während Theresa ins Kloster ging ...

So schnell kannst gar nicht schauen/lesen: Das geht so nahe – das sind plötzlich alles die eigenen Verwandten, fast die eigenen Probleme, fast die eigene Trauer.

Kunststück

Das geht so weit, dass man in den Keller mitgeht, wenn eine Bluse zu bügeln ist. Das Bügelbrett in Noras Haus steht neben der Waschmaschine. Rechts hinten ist noch eine Falte!

Dass Lob von Hausfrauenzeitschriften UND der New York Times kommt, schaffte zuletzt nur die Norwegerin Maja Lunde mit "Die Geschichte der Bienen".

Die Amerikanerin Courtney Sullivan gelang das Kunststück zuerst mit "Ein Sommer in Maine" – auch eine Familiengeschichte, damals mit vier Frauen in den Hauptrollen. In "All die Jahre" begnügt sich die heute 35-Jährige mit den Schwestern Nora und Theresa.

Beim Begräbnis von Patrick kommen sie nach langer Trennung zusammen; und Noras drei erwachsene Kinder, die nicht einmal gewusst haben, dass ihre Mutter eine Schwester hat. Geschweige denn, dass Patrick nicht ihr "richtiger" Bruder war .

Courtney Sullivan hält Distanz. Nicht kühl, sondern liebevoll-distanziert. Leser aber dürfen umarmen, trösten, mitleiden. Bitte auch mit Noras wunderbarem Ehemann Charlie, der von seiner Frau leider nie geliebt wurde. WIESO NICHT?

J. Courtney Sullivan:

„All die Jahre“
Übersetzt von Henriette Heise.
Deuticke Verlag.
461 Seiten.
22,70 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern