Platz 3: Imre Kertész

Der ungarische Nobelpreisträger von 2002 lud heuer ein, sich ins Vorzimmer des Todes zu setzen, in dem gerade das Licht abgedreht wird. Leiden war immer „Rohmaterial“ der Literatur. Imre Kertész hat Auschwitz überlebt, Buchenwald und das kommunistische System. 84 ist er. Sehr krank. Die Tagebücher „Letzte Einkehr“ sind berührend, beängstigend. Depressiv machen sie erstaunlicherweise nicht.

© APA/LASZLO BELICZAY

Zuschauen, wenn der Weg ins Nichts führt
09/21/2013

Zuschauen, wenn der Weg ins Nichts führt

"Letzte Einkehr": Tagebücher 2001 bis 2009.

von Peter Pisa

Paul Auster verfällt „nur“ ein bisschen – Imre Kertész aber vergeht. Er schaut zu, wie sich sein Leben kometenhaft von ihm entfernt und kaum noch wahrnehmbar ist. 84 ist er.

Parkinson hat er. Und ein „Katastrophengefühl“. Eine Maschine kontrolliert die Medikamentenzufuhr.

Seinen Traum, einen letzten Roman zu schreiben – über den Weg ins Nichts (ohne zu philosophieren, bloß beschreibend) –, kann er sich nicht mehr erfüllen. Ein paar Seiten Fragment liegen vor. „Letzte Einkehr“ sollte der Roman heißen. Stattdessen heißt jetzt sein letztes Tagebuch von 2001 bis 2009 „Letzte Einkehr“.

Klagelied

Man sitzt (mit Kertész) im Vorzimmer des Todes, in dem gerade das Licht abgedreht wird.

Seine Notizen sind berührend, beängstigend, klagend. Depressiv machen sie erstaunlicherweise nicht. Vormittage sind erdrückend, Nächte sind schwarz, erstrebenswert ist allein die Einsamkeit.

Dabei beginnen die Eintragungen schon knapp vor dem Nobelpreis, der Kertész 2002 verliehen wurde.

Ihn nennt er „meine Beschädigung“. Er schreibt, der Preis habe ihn vernichtet: Weil er eine Marke geworden sei, gehasst, geliebt, beneidet. Weil er zum Schauspieler geworden sei, der den Schriftsteller Kertész bloß (schlecht) spiele.

Und (1. Mai 2004): „Ich bin es maßlos leid, eine Institution geworden zu sein. Fast täglich bekomme ich Bücher über Auschwitz. Was für eine Perversität! Man sollte mir lieber Witzesammlungen schicken.“

Imre Kertész hat Auschwitz und Buchenwald und das kommunistische System überlebt. Die ungarischen Rechten attackierten ihn. Jahrelang lebte er in Berlin. Ende 2012 ist er trotzdem in seine Geburtsstadt Budapest zurückgekehrt.

Sein Leiden sah er immer als „Rohmaterial“ für die Literatur, die so lange hinter dem Eisernen Vorhang versteckt blieb. Sein Hauptwerk „Roman eines Schicksallosen“ erzählt ohne Empörung aus der Sicht eines 15-Jährigen von Deportation und Lagerleben.

Zur Wochenzeitung Die Zeit hat Imre Kertész kürzlich gesagt: „Die nationalistische großdeutsche Idee entstand in der Habsburgermonarchie.“ – Frage: „Für Sie ist Österreich-Ungarn mehr für das ,Dritte Reich‘ verantwortlich als Deutschland?“ – Kertész: „Daran sehen Sie, wie geschickt die Österreicher waren.“ Und kurz sind im Vorzimmer wieder Lichter angegangen.

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