Spielen - und Hören: Musik für Games ist ein wesentlicher Kulturfaktor

© EPA/OLIVER BERG

Musik
02/14/2016

Grammys ohne Game-Musik

Die Preise vernachlässigen ein Genre, das vielen Jungen viel bedeutet. Komponist Tommy Tallarico: "Soundtrack des eigenen Lebens"

von Georg Leyrer

Die Grammys sind die wichtigste Musikauszeichnung der Welt. Was nicht heißt, dass man nicht die Anzahl – 78 – und einige allzu nischenhafte Kategorien hinterfragen darf. So gibt es einen Grammy für das beste tropisch-lateinamerikanische Album, das beste improvisierte Jazz-Solo und das beste New-Age-Album.

Für eine Art von Musik, die im Leben von immer mehr Menschen eine überragende Rolle spielt, gibt es hingegen keinen eigenen Grammy: Für die Musik von Computerspielen. Die läuft zwar in der allgemeinen Wahrnehmung unter dem Radar. Die Zahlen sprechen jedoch eine andere Sprache: Im Medienkonsum vieler junger Männer sind Games längst wichtiger als Kinofilme. Wichtige Spieletitel werden mit Budgets in Millionenhöhe produziert, die Hollywood-Filmen um nichts nachstehen. Auch die Konsumationsdauer – anspruchsvolle Games bieten mehrere Dutzend Stunden bis hin zu unbegrenzter Spielzeit – ist höher als bei anderen Kulturprodukten. In den USA verbringt der durchschnittliche Haushalt bereits mehr Zeit mit Games als mit Filmen.

Und Games sind auch ein Passiv-Sport: Längst gibt es Veranstaltungen mit Tausenden Besuchern, die anderen beim Spielen zusehen, und auch eigene Webdienste, die dies ermöglichen.

Bei all dem spielt die Musik eine immens wichtige Rolle. "Der durchschnittliche Video-Game-Soundtrack verkauft sich drei Mal besser als der durchschnittliche Film-Soundtrack", sagt Tommy Tallarico zum KURIER.

Teil der Kultur

Tallarico komponiert seit 25 Jahren Musik für Games, hält mehrere Rekorde und bringt mit der Konzertserie "Video Games Live" die Musik auch in die Konzertsäle der Welt (siehe unten). "Jeder unter 50-Jährige ist mit Games aufgewachsen. Games sind, wie die Filme in den 1940er- und 1950er-Jahren, langsam Teil unserer Kultur geworden. Und die Musik dazu ist von Blips und Blops zu echter Musik geworden."

Diese Musik wird schon seit Jahren bei den wichtigen Produktionen – Halo, Final Fantasy, Warcraft– für Orchester komponiert. Das bedeutet neue Jobs für Musiker – und auch eine vielleicht unerwartete Chance dafür, ein junges Publikum an Orchestermusik heranzuführen.

Zu seinen Konzerten kämen vorwiegend 15- bis 40-Jährige, sagt Tallarico, "die meisten davon waren noch nie bei einem Orchesterkonzert. Es mag eigenartig für Menschen in Wien klingen, aber die Orchester weltweit finden es schwierig, neues Publikum, vor allem junge Menschen zu gewinnen."

Tallarico will daher Menschen an den Konzertbesuch heranführen – in unverkrampfter Atmosphäre: Während der Konzerte können ausgewählte Zuhörer auf der großen Leinwand ein Game spielen, während die Musik dazu aufgeführt wird.

Aber zugleich will der Komponist – übrigens Cousin von Aerosmith-Frontmann Steven Tyler – auch zeigen, wie gehaltvoll Game-Musik längst geworden ist. "Die Musiker wissen oft zuerst nicht, was sie erwarten sollen. Aber wenn sie einmal die Musik gehört haben und die vielen jungen Menschen jubeln, verstehen sie schnell, wie magisch das ist. Es ist eine sehr spezielle Verbindung, die die Gamer mit der Musik haben. Schließlich schaut man nicht nur zu, man wird die Spielfigur – und die Musik wird zum Soundtrack des eigenen Lebens."

Untergrund

So recht gewürdigt wird das alles noch nicht. Zumindest "nicht von den Menschen, die keine Games spielen. Game-Musik ist immer noch Underground. Aber dann ist jetzt jeder Underground!"

Tallarico ist Lobbyist für Game-Musik. Ein Erfolg war, dass das Genre bei den Grammys nicht ganz außer Acht gelassen wird: In der Kategorie "Musik für visuelle Medien" können Game-Soundtracks nominiert werden. Sie rittern dann gegen Film- und TV-Musik. Oft ein aussichtsloser Kampf – ein Mal aber nicht: "Baba Yetu" (aus "Civilization IV") konnte 2011 gewinnen.

Heuer ist kein Game-Soundtrack nominiert.

Tommy Tallarico

Der Komponist (Jahrgang 1968) hat seit 1991 an mehr als 250 Game-Soundtracks mitgearbeitet. Darunter: Pac-Man World, Prince of Persia, Tony Hawk's Pro Skater. Er ist in diversen Vereinigungen aktiv, die die Wahrnehmung und das Image von Video-Game-Musik verbessern wollen und berät u.a. die Grammy-Akademie. Seine Musik erschien auf mehreren CDs.

Video Games Live

Am 24. März im Wiener Konzerthaus. Zu hören u.a. Melodien aus Final Fantasy, Warcraft, Skyrim, Metal Gear Solid, mit Leinwand und Orchester.

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