Kultur
25.11.2017

Im Vergnügungspark für Kunst-Hipster

Die Schau "Remastered - Die Kunst der Aneignung" in Krems zeigt, wie Künstler heute Vorbilder verarbeiten.

Man kann sich das Feld zeitgenössischer Kunst wie ein Computerspiel vorstellen, nur dass es statt ums Meistern diverser Schwierigkeits-Levels darum geht, möglichst viele Meta-Ebenen zu erklimmen. Als der US-Künstler Robert Rauschenberg 1953 etwa eine Bleistiftzeichnung von Willem DeKooning in seinen Besitz brachte, um sie einem Akt künstlerischen Vatermords auszuradieren, erklomm er erst die erste Stufe.

Pierre Bismuth versuchte 2006 dann herauszufinden, wie die ausradierte Zeichnung ausgesehen haben könnte – und als Rauschenberg verstarb, ohne diese Frage zu beantworten, zeichnete ein chinesischer Kopist das Blatt noch mal. Das ist mindestens Meta-Level 4, quasi Großmeister-Status.

Meterweise Meta-Ware

Solcher "Kunst der Aneignung" ist die Ausstellung "Remastered" in der Kunsthalle Krems (bis 18.2.2018) gewidmet, wobei man nicht dem Denkfehler aufsitzen darf, dass es eine Kunst ohne Aneignung je gegeben hätte: Die Rubens-Schau des KHM etwa erzählt für die Barockzeit davon, und die Bezugnahme auf Vorgänger ist – man denke an Antikenstudien und Meister-Schüler-Beziehungen – noch viel älter.

Besonders in den 1980er-Jahren wurde das bewusste Nachmachen jedoch gegen den modernen Geniekult in Stellung gebracht. Auch wenn Kunsthallen-Kuratorin Verena Gamper Protagonisten dieser so genannten "Appropriation Art" wie Louise Lawler oder Sherrie Levine zeigt, möchte sie ihre Zusammenstellung nicht als Rückblick verstanden wissen: Ist doch jene Epoche selbst schon Teil eines kunsthistorischen Kanons und als solcher für Kritik und Persiflage freigegeben.

Heutige Akteure wie Ciprian Mureşan, Misha Stroj oder die Gruppe G.R.A.M. pflegen einen lustvolleren Umgang mit Zitat und Imitation, und wenn Klaus Mosettig ein riesiges Tropfbild des archetypischen Moderne-Machos Jackson Pollock mit dem Bleistift nachzeichnet, gehört wohl auch eine Portion Liebe zum Vorbild dazu.

Die Frage, wie viel Bildwissen nötig ist, um alle Referenzen der Schau zu würdigen, trifft einen blinden Fleck: Einschlägig bewanderte Kunst-Hipster werden sich vor Aha-Erlebnissen kaum einkriegen – allen anderen hofft die Kunsthalle eine "Kunstgeschichte aus zweiter Hand" zu erzählen.

Doch auch wer die Referenzwerke kennt, wundert sich über deren Rolle: Als Reibebäume für junge Künstler haben die Werke von klassischer Moderne bis zu Pop und Minimal Art ausgedient, sie erscheinen mittlerweile mehr wie klassische Partituren. Und die Kunst bewegt sich auf einen Repertoirebetrieb zu.