Kultur
02.01.2018

Im Takt des Teufels: Der Soundtrack der Revolution

Als die Rockmusik dem Establishment den Kampf ansagte.

Fast peinlich berührt schlägt Mutter die Beine übereinander, Nylon knistert, Tom Jones singt "Delilah", die ihr erlaubte Vorstellung von Love & Peace stößt an Grenzen. Opas Blick auf die heile Welt verschwimmt, findet dennoch den für die Lautstärke zuständigen Knopf am holzvertäfelten Radiomöbel, weil Heintje seiner Oma gerade plärrend verspricht: "Ich bau dir ein Schloss." Opa weint.

Nein, sie haben keine Ahnung, verbarrikadierten sich stets hinter einer Mauer aus Desinteresse und Verbotenem, lassen draußen, was ihrer in Watte verpackten Gutbürgerlichkeit des Jahres 1968 gefährlich werden könnte. Aus Versehen gehörter "Lärm", der zum Soundtrack einer längst tobenden Revolution geworden ist, die aber zu spät kam, um Inhalt der eigenen Jugend zu sein, sammelt Vater unter dem für ihn einzig gültigen Begriff: "Negermusik".

Er weiß nichts vom anderen Ende der Realität. Dort, beim Festival im Central Park von New York, fordert der laut gegen den Vietnamkrieg auftretende Joe McDonald das Buchstabieren des Namens seiner Band als bewährtes Intro zum Protest-Song "Fixin’ to Die". Mit leichter Abweichung allerdings – aus F-I-S-H wird F-U-C-K. Begeistert brüllt das Publikum, verärgert hingegen TV-Moderarator Ed Sullivan und befördert Country Joe and the Fish tags darauf aus seiner Show.

Elektro-Schock

So wehrt sich das Establishment gegen derartige Provokationen. Doch der Schlachtruf verhallt nicht, in diesem Jahr zwischen dem Summer of Love von 1967 und dem 1969 in Woodstock zelebrierten Höhepunkt eines weltweiten Jugendaufstands. Protestieren macht Sinn, Schockieren im Sinne des Erzeugers erst recht. Die Band MC 5 aus der MotorCity Detroit, die beispielsweise Led Zeppelin ins Vorprogramm ihrer Konzerte lädt, erachtet das Anheizen der Szene als ihre Aufgabe, wird vom Zeitgeist irrtümlich eingeordnet in die Reihe der Anarchisten mit politischer Korrektheit und als Speerspitze der breiten Rebellion. Das Credo ihrer Begierde ist jedoch klassisch reduziert auf Drugs, Rock’n’Roll und vor allem Sex – wenn irgendwie möglich zu praktizieren auf offener Straße. Hämmernder Beat untermalt die Forderung "Kick Out The Jams, Motherfuckers" im Lincoln Park von Chicago beim Festival of Life am 25. August 1968 bevor die Unruhen losbrechen. Wayne Kramer und seine MC 5-Kollegen werden einmal die Urvaterschaft des Punk übernehmen und sich daran erinnern, "ein Haufen sexistischer Bastarde" gewesen zu sein.

Längst ist das Streben der Hippies nach individueller Selbstverwirklichung dem Gruppengefühl gewichen, einer kollektiven Bewegung, die sich ihre ständig verändernde und vielschichtige Musik zum gemeinsamen Kultur- und Erkennungsmerkmal macht. Ob Studenten in Paris, die Freaks von Haight-Ashbury in San Francisco, oder in Londons Carnaby Street. Rockmusik ist wichtig, so wichtig wie nie zuvor, erhebt sich zur Kunstform, bis in den 80ern adrett gefönte Bubis beginnen werden, sie Stück für Stück zu zertrampeln.

Psychedelic Rock dient als Steighilfe aus der konservativen Takt- und Melodiengebung, die grenzenlose Experimentierfreudigkeit überkommt seine Protagonisten, die wie ihre Zuhörer gerne an die bewusstseinserweiternde Wirkung des LSD glauben. Timothy Leary propagiert den Konsum der Droge, ist Leitfigur, er, der Psychologe, kann schließlich nicht irren. Für Syd Barrett wird Acid zum Exit, der Kopf und entscheidende Ideengeber des Pink Floyd-Debüts The Piper At The Gates of Dawn muss aus Gründen zunehmender Verwirrtheit die Band verlassen. Er verleiht ihr auf Jahre hinaus das Klischee, sämtlichen Junkies dieser Welt unübertroffen stimmungsgerechte Hymnen zu liefern.

Ausgedient hat die Lieblichkeit des Flower-Power-Singsangs. Das raue wie reife Organ der erst 25-jährigen Janis Joplin erinnert so gar nicht an ein Blumenkind, begehrt einen "Man to love" auf dem legendären Album Cheap Thrills, Jim Morrison orgelt sich mit den Doors von Skandal zu Skandal. Und verabschiedet wird das stur ausgelegte Schema des Rock’n’Roll. 1968 dokumentiert dies Alvin Lee, Leadgitarrist von Ten Years After, indem er auf dem Live-Album Undead einem in sein eigenes Hochgeschwindigkeitssolo eingekleidetes Medley von Rock’n’Roll-Klassikern eine der letzten Ehren erweist. "I’m Going Home" heißt das Stück. Gut zu gebrauchen als Geburtshilfe für den Rock der gitarrenlastigen, härteren Gangart – Deep Purple eröffnen 1968 mit "Hush" die erfolgreiche Karriere.

Immer länger werden die Tracks, einfach eine neue Platte auf den Markt zu schmeißen, genügt nicht mehr, das Konzeptalbum unterstreicht den künstlerischen Anspruch. Jimi Hendrix ist wütend, weil seine Plattenfirma die Nummer "Crosstown Traffic" zum Single-Dasein verdammt. Er beschwert sich, der Song habe auf dem Album Electric Ladyland nicht zufällig seinen Platz gefunden und stehe unverrückbar genau dort, wo er hingehört.

Endlos scheint der Drang der Solisten, sich zu verwirklichen. Auf Vinyl und auf der Bühne sowieso. Hendrix braucht 15 Minuten für Voodoo Chile, 17 Minuten benötigt Iron Butterfly für"In-A-Gadda-Da-Vida" (das Drum-Solo bleibt später 17 Jahre lang Signation der ORF-Sendung "Sport am Montag"), Jerry Garcia von den Grateful Dead improvisiert "Dark Star" zur rekordverdächtigen 43-minütigen Liveversion.

Straßen-Musik

Den Rolling Stones ist man indes dankbar, vom psychedelischen Weg abgebogen zu sein. Beggars Banquet kehrt zum Blues zurück. Die Stones feiern dies mit anderen Verrückten im TV-Special Rock’n’Roll Circus. "Sympathy for the Devil" wird ein zorniger Haupttitel des Jahrzehnts und mit "Street Fighting Man" vermittelt Mick Jagger seine Inspiration, die er auf Londons größter Anti-Vietnamkrieg-Demo erfahren hat und suggeriert, was er eigentlich nie war: Einer von den Aufmüpfigen, die auf Barrikaden steigen.

Fast zeitgleich erscheint The BEATLES,das "Weiße Album". Die eben vom Meditationstrip aus Indien heimgekehrten McCartney und Lennon mischen Rock’n’Roll, Pop und Psychedelic, eine teilweise verzweifelte Pflichterfüllung, den Veränderungsprozess ihrer riesigen Fangemeinde in die stilgerechte Begleitmusik zu gießen.

Übrigens findet Mutter einige Jahre danach – Hendrix, Joplin und Morrison sind längst tot, in Vietnam wird noch immer gekämpft – "Ob-La-Di, Ob-La-Da" tatsächlich "ganz nett" und gleichzeitig ihre Packung Smart Export im Wäscheschrank. Um mit ihrer Freundin zu rauchen.

Heimlich natürlich.