Kultur
05.12.2011

Im Kino: Ein Papst, der keiner sein will

Regisseur Nanni Moretti über seine göttliche Komödie "Habemus Papam", in der ein frisch gewählter Papst (Michel Piccoli) den Auftritt verweigert.

Das Konklave ist mit innigen Stoßgebeten erfüllt. Doch die Kardinäle, die den Papst wählen sollen, beten nicht das "Vater unser". Sie flehen:
"Bitte, Herr, nur nicht ich."
Keiner will Papst werden in Nanni Morettis neuer Komödie "Habemus Papam" (ab Freitag im Kino).

Doch der Kelch kann nicht an allen vorübergehen. Es erwischt den französischen Kardinal Melville (bezaubernd: Michel Piccoli, 86). Der murmelt zwar noch, er nehme die Wahl an. Aber dann beginnt er zu schreien und will nicht auf den Balkon. Ein Papst, der nicht will oder nicht kann, den kann es ja eigentlich gar nicht geben. Also, was nun? Ein eitler Psychoanalytiker (Starregisseur Nanni Moretti selbst) wird bestellt, um zu helfen. Doch der Papst nimmt Reißaus. In "Habemus Papam" macht der Italiener Nanni Moretti aus der göttlichen Berufung eine gar göttliche Komödie.

"Dass der Papst es nicht schafft, diese paar Meter auf den Balkon hinaus zu gehen, um sich der wartenden Menge zu zeigen: Das war der Ausgangspunkt meines Films", meinte Moretti bei seinem Wien-Besuch im Rahmen der Viennale. "Er erzählt von der Möglichkeit, ,Nein' zu sagen."

Auch er kann Nein sagen. Nein zum Sessel. Nach Stunden von PR-Interviews zu seinem Film kann er im Zimmer des Hotel Hilton kaum mehr sitzen. Unruhig geht er auf und ab, vor allem, wenn der Übersetzer seiner Meinung nach nicht präzise genug parliert. Er nimmt den Gesprächsmarathon - meisterlicher Wasserballspieler, der er war - sportlich.

Berlusconi-Kritiker

Mit seinem päpstlichen Film war der 58-Jährige heuer zum sechsten Mal bei den Filmfestspielen von Cannes, wo er 2001 für "Zimmer meines Sohnes" die Goldene Palme gewonnen hatte. Der gebürtige Südtiroler und überzeugte Linke trat in den vergangenen Jahren als Kritiker von Silvio Berlusconi auf, über den er zuletzt "Il caimano" (2006) gemacht hat.

Inzwischen ist Berlusconi weg vom Fenster, und Moretti schaut durch das eines anderen Mächtigen in Rom: des Papstes.
Weil Moretti gläubig ist?

"Nein, ich bin froh, Atheist zu sein, aber in meiner Jugend war ich gläubig, etwa bis ich 16 Jahre alt wurde. Dann habe ich das Vertrauen verloren." Ein Atheist, der einen Film über den Papst macht; ein Regisseur, der froh ist, nicht am Originalschauplatz des Vatikan drehen zu müssen und stattdessen lieber Kulissen verschieben lässt, ist an sich schon ein Widerspruch. Kein Wunder, dass dabei eine Komödie herauskam.

Im Kino und Fernsehen hat Moretti schon viele "banale Konklaven" gesehen. "Da geht es immer um Intrigen und Seilschaften, um Selbstbewerbungen - das interessiert mich nicht". Ihn interessierte vielmehr, wie Priester Volleyball spielen oder Cremekringel essen und wie sein Papst, ein verhinderter Schauspieler, sich einer Theatergruppe anschließt, die Tschechows "Möwe" aufführt. Unübersehbar zieht der Film Parallelen zwischen Theater und Kirche. Gibt es denn auch welche zwischen Papst und Filmregisseur?

Moretti: "Der Papst wird ja von Kardinälen gewählt, aber es ist natürlich eine Berufung - vielleicht ähnlich wie man sich dazu berufen fühlt, Regisseur zu werden. Gleichzeitig geht es darum, sich fehl am Platz zu fühlen: Auch mich hat schon öfter das Gefühl beschlichen, den Anforderungen nicht gewachsen zu sein."

Was Piccoli beim Drehen zur Weißglut brachte

In den meisten seiner Filme spielte Moretti auch eine der Hauptrollen. In "Habemus Papam" hat er sich den (erfolglosen) Psychoanalytiker ausgesucht. Die Frage ist daher, was er kritischer sieht: Kirche oder Psychotherapie? Moretti: "Beim Film gefiel mir jedenfalls die Idee, dass die Rollen zwischen Analytiker und Papst getauscht werden: Der Papst entkommt dem Vatikan, während dann der Analytiker beim Konklave gefangen ist. Und der Heilige Vater, der doch unfehlbar sein soll, ist im Endeffekt nur von Zweifeln und Fragen erfüllt - der Analytiker hingegen, der offen und forschend sein soll, verhält sich zusehends dogmatisch."

Weltstar-Casting

Den fragenden Papst spielt Michel Piccoli mit Hingabe zwischen Verzweiflung und Senilität. Von Anfang an war er Morettis Wunschkandidat. Dann castete er ihn. Moretti fuhr nach Paris, mit Papstroben im Gepäck und machte Probeaufnahmen. Ob er das immer so mache? Weltstars casten?

"Natürlich war mir klar, dass Piccoli ein großartiger Schauspieler ist. Ich war mir nur nicht sicher, ob er imstande ist, einen ganzen Film in der Fremdsprache Italienisch zu spielen. Ich wollte die Hauptfigur keinesfalls synchronisieren: Es wäre doch Schwachsinn, jemanden wie Piccoli zu holen und dann seine Stimme zu synchronisieren!" Je länger das Interview dauert, desto mehr taut Moretti auf. Am Anfang gab es auf Fragen nur einen Satz als Antwort. Am Ende, bei der letzten Frage: - "Und wie war dann die Arbeit mit Piccoli?" - holt Moretti groß aus:

"Der Dreh war sehr anspruchsvoll und anstrengend. Wir hatten eine Woche lang ununterbrochen Nachtdrehs an Orten wie Kaufhäusern, wo wir zur Arbeitszeit tagsüber nicht drehen konnten. Also arbeiteten wir alle bis sieben Uhr Früh. Dann ging ich nach Hause und schlief - nicht aber Piccoli! Ich erholte mich, indem ich bis zwei Uhr nachmittags ruhte, aber Piccoli machte weiter und weiter und wurde jeden Tag müder und müder und lästiger. Am Ende der Woche ging ich durch eines der Großkaufhäuser, wo wir von acht Uhr abends bis sechs Uhr morgens drehten, und wollte noch ein paar Szenen machen. Ich weiß gar nicht mehr warum? Wir hatten ohnehin alles schon im Kasten, aber ich wollte einfach weitermachen. Da plötzlich reichte es Piccoli, er ist förmlich explodiert und begann herumzuschreien, auf Italienisch: ,Basta, ich kann nicht mehr! Ich will in die wirkliche Welt zurück. Diese Kinowelt ist doch zum Scheißen!' Am nächsten Tag telefonierte ich mit meinem 14-jährigen Sohn, um ihm die Geschichte zu erzählen und in der Hoffnung, er würde mich wieder aufrichten. Er hörte brav zu, und was sagte er, als ich ans Ende kam?: ,Grande Piccoli!'"