Kultur 06.02.2017

Zum Weinen (schön)

     © Bild: /Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Verdis "Il trovatore" mit der atemberaubenden Anna Netrebko als Leonora, einem fabelhaften Ludovic Tézier als Graf Luna und in einer Nicht-Inszenierung von Daniele Abbado.

Schätzen Sie sich glücklich, wenn Sie eine Karte für eine der Folgevorstellungen haben. Falls nicht: Lassen Sie sich auf Wartelisten setzen, bestechen Sie Mitarbeiter von Kartenbüros mit ihrem charmantesten Lächeln, schenken Sie Menschen, die ein Ticket haben, Fernreisen für diese Zeit – allein eine einzige Arie würde den Besuch und den damit verbundenen Aufwand lohnen.

Die Diva: Anna Netrebko

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honorarfrei © Bild: /Wiener Staatsoper/Michael Pöhn (3)

Wie Anna Netrebko "D’amor sull’ali rosee" singt, wie elegant, wie sensibel, wie ausdrucksstark, wie sie mit jeder Note spielt, diese als Ton in die Luft wirft, balanciert, moduliert, wie sie Pianissimi ins Auditorium zaubert, aber stets so, dass selbst der zarteste Hauch den ganzen Raum erfüllt – all das ist meisterhaft. Vielleicht kniet sie sich auch beim nächsten Mal danach nieder, so wie bei der Premiere, genießt den minutenlangen Applaus und klopft sich währenddessen nur zweimal aufs Herz.

Dieser magische Moment im ersten Bild des vierten Aktes ist so intensiv, dass nicht wenige im Publikum Tränen in den Augen hatten. Zum Weinen schön. Er erinnerte an Netrebkos erste Donna-Anna-Arie bei den Salzburger Festspielen. Oder an das "E lucevan le stelle" von Jonas Kaufmann zuletzt an der Staatsoper. Oder an Neil Shicoffs "Rachel, quand du Seigneur". Soll heißen: Das macht ihr/ihnen niemand nach, das geht zur Zeit nicht besser.

In Salzburg hatte Netrebko die Partie der Leonora in Giuseppe Verdis "Trovatore" bereits gesungen, auch in Berlin und anderswo. Selbst wenn man denkt, man hätte das also bereits erlebt: Netrebko erstaunt immer wieder aufs Neue, indem sie sich nochmals steigert.

Dabei waren die Rahmenbedingungen für sie nicht unbedingt ideal. Die Kostüme, die sie tragen muss, sind alles andere als vorteilhaft. Mit der Perücke musste sie mehrfach kämpfen. Bei ihrer ersten Kavatine, "Tacea la notte placida", versagte ihr ein Spitzenton. Und auch die Koloraturen waren nicht von größter Präzision. Aber Netrebko ist Netrebko ist Netrebko – also jene Sängerin, die ihr Publikum zu berührend vermag wie keine andere.

KURIER-Wertung:

Die Besetzung: Tézier, Alagna, D’Intino und Park

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honorarfrei © Bild: /Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Die restliche Besetzung ist dem Anlass einer wichtigen Verdi-Premiere ebenfalls angemessen. Ludovic Tézier ist ein fabelhafter Graf Luna, singt wunderschöne Kantilenen, verfügt über klare Höhen, besticht mit einem noblen, an große Vorbilder erinnernden, fast altmodischen Timbre – fein, wenn ein exquisiter Bariton diese Rolle singt und kein ehemaliger Tenor. Roberto Alagna als Manrico agiert vom ersten Moment an ohne Rücksicht auf Verluste (das muss er nach vielen kräfteraubenden Partien wohl auch), ist zumeist sicher in der Intonation und der Netrebko ein würdiger Partner. Bei der Stretta "Di quella pira" riss Alagna der (von Verdi nie notierte) Spitzenton leider ab, obwohl er davor mehrfach mittels Flachmann Flüssigkeit zu sich genommen hatte – an seiner sehr guten Darstellung ändert das nichts. Luciana D’Intino ist eine Azucena mit famoser Tiefe und großer Präsenz, Jongmin Park ein guter Ferrando. Dass der mächtige Chor nicht immer synchron mit dem Orchester wirkte, lag wohl in erster Linie am Dirigat.

KURIER-Wertung:

Der Dirigent: Marco Armiliato

Marco Armiliato steht am Pult des farbenprächtig und präzise spielenden Staatsopernorchesters – er ist einer der Lieblingsdirigenten von Netrebko. Das ist verständlich, weil er ihr jeden Wunsch von den Lippen abliest, weil er alles in den Dienst der Sänger stellt (mit Ausnahme der Stretta, bei der er Alagna quälte). Wenn Netrebko singt, bestimmt sie auch die Tempi und ist die eigentliche Dirigentin. Insgesamt bleiben Dramatik, dramaturgische Gestaltung allzu oft auf der Strecke. Manche Passagen, etwa der Zigeunerchor, sind äußerst schleppend. Einer Netrebko-Gala ist dieses Dirigat dienlich, einer intensiven Verdi-Interpretation abträglich. Schöne Lyrismen hin oder her – das geht besser.

KURIER-Wertung:

Die Inszenierung: Fragwürdig

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Netrebko ist nach einigen Aufführungen leider wieder weg, die Inszenierung bleibt. Aber welche Inszenierung? Nach der letzten Produktion von István Szabó, die im zerbombten Wien spielte, nimmt der nunmehrige Regisseur Daniele Abbado, Sohn des großen Dirigenten, offenkundig Abstand von jeder erkennbaren Deutung.

Eine solche Stehpartie sieht man selten. Und Netrebko, die im kleinen Finger mehr szenische Kraft hätte als diese ganze Produktion, diese einzigartige Darstellerin so sehr nicht zu führen, ist fast eine Kunst. Optisch spielt die Geschichte der zwei Brüder, die von ihrer Verwandtschaft nichts wissen und einander im Krieg und in der Liebe bekämpfen, zur Zeit des spanischen Bürgerkriegs. Warum, das wird nicht erklärt. Und die Idee in keiner Weise weiterentwickelt.

Die Kostüme sind besonders unschick, im Einheitsbühnenbild von Graziano Gregori könnte genauso gut "Carmen" oder "Elisir d’amore" spielen. Dass man am Ende nicht weiß, ob Manrico nun erschossen wird, weil es nicht knallt, ist auch schon egal.

Der Salzburger "Trovatore" in der Regie von Alvis Hermanis spielte im Museum – Netrebko träumte sich ins 15. Jahrhundert, hinein in die Bilder. Jetzt heißt es nur: Nachts im Museum. Nach dem Weinen ist vor dem Weinen.

KURIER-Wertung:

( kurier.at ) Erstellt am 06.02.2017