Ideen für ein Kulturviertel am Bahnhof

Wiener Hauptbahnhof
Foto: AP Hans Punz

Spiel, Musik und eine Prise Guggenheim: Auch abseits des Wien Museums gibt es große Pläne für Kulturinstitutionen am neuen Bahnhof.

Die Stationsdurchsage in der S-Bahn lautet seit Kurzem nicht mehr „Südbahnhof“, sondern „Quartier Belvedere“. Was dieses Quartier sein soll, wissen die wenigsten – klafft an seiner Stelle doch eine riesige Baugrube.

… Foto: Zoom VP / KURIER-Grafik Auch abseits des Wien Museums gibt es große Pläne für Kulturinstitutionen am neuen Bahnhof. Das Investorenkonsortium, das die Grundstücke rund um den Wiener Zentralbahnhof entwickelt, hat freilich genauere Vorstellungen. Kulturinstitutionen spielen dabei eine zentrale Rolle – unabhängig davon, ob das geplante neue Wien Museum nun in dem Quartier erbaut wird oder nicht. Neben Beteiligungen heimischer Institutionen wie dem Linzer Ars Electronica Center (AEC), oder dem Österreichischen Filmmuseum ist dabei auch ein neuartiges „Kunstkaufhaus“ im Gespräch.

„Es soll nicht nur ein Büroviertel sein, das ist der erklärte Wunsch“, sagt Günter Hofmann, Leiter der Projektsteuerung bei der Erste Group Immorent. Von Projektbeginn an sei ein großer Kulturbau zwischen Bahnhof und Gürtel vorgesehen gewesen. Im siegreichen Wettbewerbsentwurf der Architekten Jabornegg & Pálffy steht dieser Bau als „Kultur-Kubus“ an einer Art Hauptplatz.

Der Kultur-Würfel

Wie Architekt András Pálffy gegenüber dem KURIER erläutert, werde der Kultur-Würfel aber noch seine Form ändern: Derzeit prüfe sein Büro, wie das geplante Gebäude einerseits prominenter erscheinen und andererseits die vielen geplanten Nutzungen unter ein Dach bringen könnte.

Im Vorjahr führte eine Expertengruppe „Sondierungsgespräche“ zu einer kulturellen Bespielung des Kubus. Es gehe dort um „offene Kulturvermittlung“, nicht darum, „eine Burg hinzubauen, wo nur innen Kultur ist und man Eintrittskarten lösen muss, um hineinzudürfen“, sagt AEC-Chef Gerfried Stocker zum KURIER.

Auch der „Verein für digitale Spielkultur“ Subotron, die Viennale, die Erste Stiftung und die Uni für Musik und Darstellende Kunst zählen zu den potenziellen „Key Playern“ des neuen Kultur-Bahnhofsviertels. Das RSO, das auf der Liste der Experten aufscheint, dementierte gegenüber dem KURIER seine Beteiligung; das Filmmuseum bestätigte, dass es darüber nachdenke, sein bisher nicht öffentliches Archiv in ein zugängliches Studienzentrum mit Bibliothek in den Kulturbau zu verlegen.

Mister Guggenheim

Zuletzt wurde noch Thomas Krens mit einer Nutzungsstudie beauftragt: Als jener Mann, der die Guggenheim-Museen zur globalen Marke machte, ist er der Experte für große Visionen an der Grenze von Kunst und Wirtschaft. „Er entwickelt in verschiedenen Städten etwas, das er ,Cultural Department Stores‘ nennt“, erzählt Markus Spiegelfeld, Architekt und verantwortlich für die Steuerung der Kultur-Projekte. „Das sind mehr oder minder neutrale Ebenen, mit lokalen, internationalen Kulturinstitutionen, gemischt mit Gastronomie, Verkaufs-und anderen Flächen.“ Mitte Februar soll Krens sein Konzept den Entwicklern präsentieren.

Bis dahin könnte auch schon feststehen, wo das neue Wien Museum gebaut wird: Nach wie vor wird der Standort am Schweizergarten geprüft. Die Erste Immorent hält das Grundstück, auf dem eigentlich ein Wohnbau vorgesehen ist, derzeit frei. Da den Planern der Stadt Wien für das Museum ein markanter Einzelbau vorschwebt, müssten auch die derzeit hinter dem Standort geplanten Türme niedriger gebaut werden. „Wir hätten einen Flächenverlust, würden das aber in Kauf nehmen“, sagt Hofmann.

Lernen von Linz

Bis tatsächlich gebaut wird, sollen – beginnend im heurigen Sommer – brachliegende Flächen mit Kultur bespielt werden. Geplant ist unter anderem ein Projekt nach Vorbild des „Gelben Hauses“: Während des Kulturhauptstadtjahres 2009 wurde in Linz auf einer Autobahn-Unterführung ein temporäres Kulturzentrum mit Mitmach-Angeboten für Anrainer eingerichtet. Für Architekt Spiegelfeld ist es ein erster Schritt: „Wir müssen beginnen, das Ganze mit Emotionen zu besetzen.“

Der neue Hauptbanhnhof: Das Prestigeprojekt der ÖBB

Rund 100 Kilometer Gleise wurden bis zur Eröffnung der zentralen Station im Dezember 2014 verarbeitet. Reisenden steht das Prestigebauprojekt der ÖBB erstmals ab 9. Dezember 2012 zur Verfügung. "Nach Ägypten wär es ja nicht so weit, aber bis zum Südbahnhof müsse man erst kommen." - ÖBB-Chef Christian Kern zitiert gern den Schriftsteller Karl Kraus, wenn es um das Großprojekt geht. Was nun am Hauptbahnhof passieren würde, sei die absolute Anti-These dazu: "Die Bahn rückt ins Herz der Stadt", betonte Kern. Mit dem Bau der zentralen Station würden nachhaltige Impulse für den Fern- und Nahverkehr gesetzt werden: "Wien wird zum Verkehrsknoten eines größeren Europas und nicht bloß zum Endpunkt einer mittelbedeutenden europäischen Stadt." Künftig werden Züge aus allen Himmelsrichtungen am Hauptbahnhof einfahren: "Wien ist zwar bautechnisch einfacher als Berlin, aber eisenbahntechnisch schwieriger", hob Gesamtprojektleiter Hartig hervor. Denn in Berlin würden die Züge auf zwei Ebenen kreuzen, ober-und unterirdisch. In der Bundeshauptstadt werde es nur eine Ebene geben. Dafür musste die Ostbahn auf die Gleise des Hauptbahnhofs umgelegt werden: "Der Höhenunterschied zwischen Ost-und Südbahn wird in den kommenden Monaten mit ungefähr einer Million Kubikmeter Erdmaterial ausgeglichen." Der provisorische Ostbahnhof wird abgerissen. Reisende der Ostbahn kommen dann ab Dezember als erste in den Genuss der neuen zentralen Wiener Bahnstation. Rund 500 Mitarbeiter arbeiten derzeit am Bahnhof, bis 2014 werde sich deren Anzahl auf rund 2.000 Personen erhöhen: "Das liegt daran, weil dann auch die Shops im Einkaufszentrum am Bahnhof eingerichtet werden, wir die Stockwerke unterhalb des Bahnhofs fertigstellen und noch extra Personal für das Verlegen der Oberleitungen und die Sicherheitstechnik benötigen", erklärte Hartig. Die gesamte "Bahnhof-City" inklusive EKZ wird laut derzeitigem Plan erst nach der Eröffnung der Verkehrsstation, also im Lauf des Jahres 2015, in Betrieb gehen. Rund um die Baustelle, die eine der größten in Europa ist, entsteht zudem ein neues Stadtviertel mit Büro- und Wohnkomplexen. Für den südlichen Teil des Areals - im Bereich der Sonnwendgasse, Gudrunstraße und dem Bahnkörper - fiel im Februar der Startschuss für den Bau. Hier sollen bis Ende 2014 rund 5.000 Wohnungen samt Kindergarten und einem Bildungscampus gebaut werden. Im Bahnhofs-Einkaufszentrum werden rund 100 Geschäfte errichtet. Die Gesamtkosten des Projekts - also Bahnhof und Stadtentwicklungsgebiet - belaufen sich auf rund vier Mrd. Euro. Dabei fallen für den Bahnbau ungefähr 987 Mio. Euro an. Der Rest teilt sich größtenteils auf private Investitionen für Wohnungen und Büros auf. Die Stadt Wien investiert rund 500 Mio. Euro.

(kurier) Erstellt am
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