Nazar live in concert in der Arena Wien am 13.02.2015

© KURIER/Franz Gruber

Interview
05/13/2016

"Ich habe es schon so satt"

Rapper Nazar über die Wut der Jugend und folgenschwere Emotionen.

von Brigitte Schokarth

"Irreversibel" hat Nazar sein heute, Freitag, erscheinendes neues Album genannt. Und obwohl der Rapper, ein deklarierter FPÖ-Gegner, damit nicht andeuten will, dass die Lage in Österreich hoffnungslos ist, klingt es schon sehr düster. Im KURIER-Interview erklärt er, warum.

KURIER: Warum behandeln Sie bei "Irreversibel" im Gegensatz zum persönlichen vorigen Album hauptsächlich gesellschaftspolitische Themen?

Nazar: "Irreversibel" ist ein sehr wütendes Album, weil in der Zwischenzeit sehr viele Dinge passiert sind, die mich wütend gemacht haben. Und ich habe gelernt, dass es immer Konsequenzen hat, wenn ich meine persönliche Wut mit der Musik verbinde. Deswegen hab’ ich Persönliches rausgehalten.

Meinen Sie damit den Vorfall bei Ihrem Konzert in der Wiener Arena, bei dem Sie FPÖ-Parteiobmann Strache mit einem Kraftausdruck tituliert haben?

Unter anderem. Aber ich bin auch wegen Volksverhetzung zum Bundesverfassungsschutz vorgeladen worden. Es gab anonyme Klagen wegen Ansprachen bei Konzerten. Mittwochfrüh war auf Straches Facebook-Seite ein Foto von mir mit einem Zusatz, der implizieren soll, dass ich alle Österreicher beleidigt habe. Das nimmt einfach kein Ende. Ich bin davon müde, habe es schon so satt. Deshalb wollte ich kein persönliches und auch kein politisches Album machen.

Aber wenn Sie in Songs wie "La Haine Kidz" oder "Generation Darth Vader" die Wut der Jugend in gewissen Vierteln thematisieren, ist das ja auch politisch.

Ja, natürlich. Aber das ist nicht aus meiner Perspektive erzählt, sondern aus der einer Generation, die gerade da ist. Die Songs sollen aufzeigen, wohin das geht, dass man etwas unternehmen muss, um diese Generation vor sich selbst zu schützen.

Wie kann man das machen?

Indem man Hoffnung gibt. Denn das einzige, was ich in diesen Vierteln sehe, ist rechtspopulistische Propaganda. Auf der anderen Seite steht ein Dagegendrücken, aber ohne Politik, nur mit dem Argument, dass wir gegen Rechts sein müssen. Für die Jugend wird nichts getan. So hat man auf der einen Seite die österreichischen Kinder, die durch die Medien verängstigt wurden und sich von Ausländern oder Österreichern mit Migrationshintergrund abgeschottet haben. Auf der anderen Seite das Gegenüber, auf das permanent mit dem Finger gezeigt wird, wo täglich zu lesen ist, dass nur Menschen aus diesem Volk, aus dieser Religion für alles verantwortlich sind, was in unserem Land falsch läuft. Die entwickeln dann natürlich Hass und ihre eigene Gruppierung. Und das tut uns allen nicht gut.

Aber die Aggressivität, die Sie in diese Texte gepackt haben, könnte man auch als Aufruf zu mehr Wut und Aggressivität interpretieren.

Alles kann falsch aufgefasst werden. Ich merke das ja auch als ein Musiker, der permanent von der FPÖ angegriffen und verwendet wird, um ein Hass-Bild zu schaffen. Ich mache keine Musik für Kinder. Wer sie sich anhören darf, sollten für jüngere Leute die Eltern entscheiden, sonst jeder für sich.

In der Arena haben Sie vor der Strache-Beschimpfung viel Positives über Österreich gesagt, das dadurch aber überschattet wurde. Warum haben Sie so ein starkes Schimpfwort gewählt?

Aus Emotion. Es ist nicht einfach für jemanden wie mich, der in einem anderen Land geboren ist und seit 30 Jahren in Österreich versucht, sein Bestes zu geben. Der immer wieder sagt, dass er stolz ist, Österreicher zu sein. Ich werde extrem oft von Leuten mit Migrationshintergrund angefeindet, die meinen, dass ich deshalb ein Landesverräter gegenüber meinem Geburtsland wäre. Dann auf den Straßen immer wieder Plakate zu sehen, wo kommuniziert wird, dass wir hier nicht erwünscht sind ... diese Hass-Mache ist schwierig. Wie sehr ich auch versuche, mich dagegen zu wehren, das verursacht auch Hass in mir. Und wenn ich dann vor einem Publikum stehe, das bunt gemischt ist, was mich extrem gefreut hat, kochen die Emotionen einfach hoch.

Bedauern Sie es, dass die politische Diskussion mittlerweile Ihre Musik überschattet?

Das ist nur in der österreichischen Medienlandschaft so, weil ich permanent darauf angesprochen werde. In der Hip-Hop-Landschaft spielt das zum Glück keine Rolle.

Sie sprechen aber gerne über Politik. Könnten sie sich vorstellen, in die Politik zu gehen?

Nein. Und ich rede auch nicht gerne über Politik. Ich hasse Politik. Meine Familie ist wegen Politik geflüchtet. Jeder Krieg entsteht wegen Politik, Menschen sterben wegen Politik. Der einzige Grund, warum ich mich zu politischen Fragen äußere, ist, dass wir in Österreich eine schwierige Situation haben: Dass Leute, die von der FPÖ angegriffen werden, nicht wahrgenommen werden. Ich aber habe die Reichweite, ihnen eine Stimme zu geben.

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