Kultur
27.12.2012

"Ich fühle mich wie ein Vogel"

Als Musiker und Mensch außergewöhnlich: Michel Petrucciani, Jazzpianist, Charmeur und Frauenheld, wäre heute 50 Jahre alt geworden.

In heiteren Stunden nannte er sich selbst E.T. Ein Wesen von einem anderen Stern. Wer den kleinen Mann in seinem fragilen und entstellten Körper je live im Konzert erlebt hat, etwa 1990 in Wiesen, dem ging das Herz auf.

Michel Petrucciani, 1999 in New York gestorben und auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise neben Frédéric Chopin begraben, litt an der „Glasknochenkrankheit“, wobei die Knochen im Körper so schwach sind, dass sie immer und überall brechen können.

Seine Eltern – ein sizilianischer Gitarrist und eine Französin – glaubten lange nicht an die Weltkarriere des schwerbehinderten Sohnes, der, kaum einen Meter groß, meist auf die Bühne getragen werden musste. Er liebte Rachmaninow und Debussy, aber seine Welt war der Jazz, die für ihn „wichtigste Musik des 20. Jahrhunderts“.

Und sein Mentor, der Saxofonist Charles Lloyd, staunte: „Diese Sensibilität, diese Technik!“ Der Franzose spielte modernen Jazz mit atemraubender Virtuosität, vibrierendem Swing und seelischem Tiefgang.

"Groove or move!"

Sein Motto war: Swinge oder verschwinde! Petruccianis Handikap und seine musikalische Brillanz erzeugten eine Aura, der sich kaum jemand entziehen konnte. Er selbst lebte ein Leben auf der Überholspur, wie in Benjamin Halays berührender Biografie „Michel Petrucciani: Leben gegen die Zeit“ nachzulesen oder in der Doku des Oscar-Preisträgers Michael Radford („Der Postmann“) auf DVD zu sehen ist. „Wenn ich allein Klavier spiele, fühle ich mich wie ein Vogel“, sagte er. „Ich kann fliegen, wohin ich will. Dieses Gefühl haben alle Solo-Jazzpianisten. Bei Keith Jarrett ist das ähnlich – diese Freiheit, diese grenzenlose Möglichkeit, mit Melodien herumzuspinnen.“

In New York trat Petrucciani u. a. mit Dizzy Gillespie, Joe Lovano und Wayne Shorter auf. Das Label „Blue Note“ nahm den Franzosen als ersten Europäer unter Vertrag. Der Pianist mit dem kraftvollen Anschlag konnte vor Energie schier explodieren. Als Freunde ihn drängten, sich zu schonen, antwortete der Rastlose, der rund 30 Plattenalben hinterließ: „Ich habe Charlie Parker überlebt. Das ist doch gar nicht so schlecht.“ Parker wurde nur 34 Jahre alt. Petrucciani 36.

KURIER-Wertung: **** von *****

Weiterführende Informationen
www.michel-petrucciani.de
Klaus Wienerroither gestaltet am Freitag in „Apropos Musik“ (15.05 Uhr, Ö1) eine Hommage an die Jazz-Legende Michel Petrucciani.