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Interview mit Daniel Craig
10/31/2012

"Ich esse, trinke und schlafe als James Bond"

Daniel Craig hat James Bond endgültig revolutioniert: "Skyfall" ist zum 50. Jubiläum einer der besten 007-Filme. Der KURIER traf den Star in Berlin.

Die Interviewzeit, die vom Filmverleiher mitgeteilt wird, liest sich nicht gerade unskurril: 15.54 Uhr bis 16.11 Uhr. Die Zeit von Daniel Craig – offenbar eine Frage von Minuten. Doch schon in Bond inkarniert?

Tatsächlich betritt Craig um 3.55 Uhr seiner Omega-Uhrzeit federnden Schrittes, aber ohne viel Federlesen, den Raum im Berliner Hotel Adlon. Der Mann, der aus dem chauvinistischen Superhelden einen verletzlichen Mann gemacht hat, wirkt klein, fast schmächtig. Seine Ohren stehen ab. Man sieht ihn als Kind vor sich. Der Rest jedoch ist weit entfernt von Infantilem: Enger, dunkelblauer Pullover über dem hellblauen Hemd, blaue Manschettenknöpfe, doppelter Windsor-Krawattenknoten. Nur die Tasse Tee fehlt, um das Klischee eines typischen Briten zu perfektionieren. Stattdessen: Mineralwasser. Craig (44) schüttelt der Journalistenrunde die Hand, seine blauen Augen wandern währenddessen woanders hin. Nach draußen, wo der Regen an den Fenstern klebt. "Trinken Sie lieber Wodka/Martini oder Bier?", prescht einer der Journalisten mit der ihm offenbar wichtigsten Frage des Tages vor.

"Ich weiß zwar nicht, warum Sie das wissen wollen", blökt Craig zurück, "aber ja: beides".

KURIER: In "Skyfall" ist Bond ein Alternder, Ausgelaugter, ein Trinker, der die Zielscheibe nicht trifft. Wird er bald statt Martini warme Milch trinken?
Daniel Craig: Eher eine Tasse Tee (lacht). Aber mit einem guten Schuss Brandy darin.

Was spielen Sie denn lieber? Die exzessiven Trink- oder die Liebesszenen?
Sie sind beide schwierig. Am schwierigsten ist eine betrunkene Liebesszene und am allerschwierigsten: eine betrunkene Liebesszene mit Explosionen im Hintergrund.

Michael Caine sagte bei seinem Wienbesuch vor wenigen Tage, er habe als Schauspieler mehr in der U-Bahn gelernt als in der Schauspiel-Schule. Würden Sie dem zustimmen?
Ja, ich stimme zu. Man muss sich tatsächlich von der Schauspielerei so weit wie möglich entfernen, um Inspiration zu sammeln. Wenn man nur von Film zu Film zu Film schreitet und nur mit Schauspielern rumhängt, dann ist das nicht erfüllend. Man muss im richtigen Leben leben. (Pause) Wann war Caine das letzte Mal in der richtigen U-Bahn?

Dauert es lange, bis Sie Bond wieder loswerden?
Also während ich ihn spiele, dann bin ich tatsächlich Bond. Ich esse, trinke, schlafe, trainiere als Bond. Es ist großartig und gibt mir einen echten Kick. Aber sobald die letzte Klappe gefallen ist, ist es vorbei – und ich gehe auf Urlaub. Bond sein ist nicht die Art, wie ich mein Leben verbringen möchte. Ich lebe lieber zurückgezogen.

Es gibt einen Bösewicht (Javier Bardem) , der Bond in einer Szene sexuell anmacht. Und Bond sagt, dass er auf dem Gebiet Erfahrung hätte ...
Ja, man sagt viel. Also mein James Bond wird nie schwul sein. Im Übrigen finde ich auch nicht, dass Javier Bardems Figur schwul ist. Er schläft einfach mit jedem, weil er andere dominieren will. Das hat weniger mit Sexualität zu tun als mit Macht. Es ist wie ein Kartenspiel. Ich fand die Szene übrigens ziemlich lustig. Das wahre Problem war, mich und Javier vom Kichern abzuhalten.

" Skyfall" ist ein Film übers Älterwerden. Betrifft Sie dieses Thema auch persönlich?
Ich mag die Idee des Älterwerden nicht wirklich. Aber was soll man machen? Es zwickt und zwackt mehr als vor 20 Jahren. Dann spreche ich mit meiner Mutter und sie sagt: "Willkommen in meiner Welt" (lacht) Ich mag den Zusammenprall von Altem und Jungem im Film: der alte Agent Bond, der seinem Feind in die Augen schauen will , und die Internet-Generation in Person des neuen Q, der die Computerwelt und Cyberverbrechen repräsentiert.

Man erfährt viel über Bonds Vergangenheit ...
Ja, und das ist gut so. Sehr oft gibt es in Actionfilmen eine Geschichte, dann kommen 30 Minuten lang explodierende Autos, und dann geht die Geschichte weiter. Regisseur Sam Mendes hat das anders gemacht. Es ist ein Film über Mütter und Söhne, über Rache, über Beziehungen. Die Kindheitsgeschichte Bonds geht übrigens auf Ian Fleming zurück, der offenbar selbst ein vernachlässigtes Kind war.

Der Film und Bond sind sehr zeitgemäß, das Bondgirl könnte eine stärkere Frau sein ...
Als Sean Connery 1962 begann, war sein Verhalten Frauen gegenüber doch anders.

Aber Sie greifen der Dame auch einmal ins Lenkrad.
Denken Sie, das war chauvinistisch von mir? Was hätte ich denn sagen sollen? Schatz, ich fahre!? Ich denken eher, dass Bond ein Kontrollfreak ist, er muss alles unter Kontrolle haben. Er ist ein Gentleman und weniger chauvinistisch als früher. Ich finde, dass starke Frauenfiguren den Film interessanter machen. Nicht in dem Sinn, dass sie jetzt genau so schnell ins Bett hü pfen wollen wie Bond. Ich glaube, es geht vielmehr um die Erotik von Gefahr. Und warum sollten das Frauen nicht auch genießen wollen?

Sie haben einmal gesagt, Sie würden Bond ewig spielen. Ist das immer noch so?
Keine Ahnung. Habe ich das gesagt? Ich lüge in diesen Dingen manchmal. Glauben Sie wirklich, ich komme hierher und sage die Wahrheit (lacht) . Aber im Ernst: Ich würde gerne weitermachen.

Melancholie im Maßanzug

Die Entscheidung für den Regisseur war erst ungewöhnlich, doch am Ende überwältigend: Sam Mendes, für Filme wie "American Beauty" eher als Kunsthandwerker berühmt, inszenierte "Skyfall 007" und beschritt mit seinem Bond prompt neues Terrain: Zwischen eleganten Autos, Exotik und Erotik, herrscht Depression und Alkoholismus. Der Agent ist angeschlagen, schlecht rasiert, schießt mit zitternden Händen daneben und ist endlich, endlich kein smarter Überheld mehr, sondern ein Mensch mit Schwächen. Sam Mendes lässt den Agenten im düsteren Schattenreich des Cyberterrorismus angekommen. "Die Zeiten der explodierenden Stifte sind vorbei", sagt prompt der blutjunge Q (Ben Wishaw) nicht unzynisch: der legendäre Erfinder ist in den neuen Zeiten ein Computer-Experte.

"Skyfall" erzählt (etwas überlang vielleicht) von einem Wechsel der Generationen und der Welt und katapultiert Bond – sehr passend zum 50er-Jubiläum – clever in die Vergangenheit zurück. Denn hinter dem schicken Maßanzug steckt viel Melancholie.

KURIER-Wertung: **** von *****

INFO: SPIONAGE, GB 2012. 143 Min. Von Sam Mendes; mit D. Craig, Javier Bardem.

Eine Straße mit Coca-Cola

Das Haus, das "Skyfall" heißt und Ort des großen Showdowns ist, ist das ehemalige Zuhause des legendären Bond-Komponisten John Barry, der 2011 starb. Eine nette Verneigung.

Coca-Cola wurde auf den Asphalt der Straßen von Istanbul gespritzt, damit die Motorräder nicht wegrutschen würden. Und bei manchen Szenen mussten bestehende Fliesen entfernt und durch Fliesen aus Gummi ersetzt werden – für den Fall, dass die Stunts schiefgehen würden. Nach dem Dreh wurden die Originalfliesen wieder eingesetzt.

Bonds Krawatte musste bei einer spektakulären Motorradverfolgungsjagd mit einem Gewicht beschwert werden, damit sie beim Dreh Craig nicht ins Gesicht wehte.

Es ist der sechste Bondfilm, in dem der Aston Martin DB 5 zum Einsatz kommt. Erstmals fand das in "Goldfinger" (1964) statt. Daniel Craig schwärmte im Interview vor allem von den alten Geräuschen und dem Geruch des Autos.

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