Kultur
26.11.2017

"Ich bin traurig als politischer Mensch"

Comedy-Star Michael Mittermeier über Politik, Humor und sein neues Solo mit "Todes-Wuchtln".

KURIER: Wie geht’s den Humoristen bei so viel Realsatire in der Politik und bei der gar nicht lustigen #metoo-Debatte über Missbrauch? Michael Mittermeier: Wir müssen aufpassen, dass wir klar werden. Es ist schlimm, was da passiert ist. Das sind Straftaten, die muss man ächten, angehen, verfolgen. Man muss das gesellschaftlich aufarbeiten. Aber bitte nicht mit Pauschalisierungen. Denn das ist das Dümmste, was passieren kann. Und bitte lasst uns jetzt auch nicht unseren Humor verlieren. Humor muss immer gehen. Der Impetus darf halt kein böser sein. Aber wenn eine geile Pointe etwas auf den Punkt bringt, und es ist einfach nur mehr lustig, dann ist es gut, weil es befreit.

Harvey Weinstein und Kevin Spacey sind tief gefallen, aber Donald Trumps Vulgär-Töne über Frauen wie "Grab her by the pussy" blieben folgenlos.

Nehmen wir einen anderen Fall. Der Republikaner und Senator-Kandidat für Alabama Roy Moore: Fünf Frauen sagen, er hätte sie belästigt, als sie minderjährig waren. Der Typ kandidiert, und wenn er nicht zurücktritt, wird er gewinnen. Die Umfragen stehen bei 55 Prozent für ihn mit all dem Wissen über die Vorwürfe. Jetzt ist es spannend, was Trump dazu sagt: Entweder er unterstützt den Typ, oder er sagt nein, wie er es mit den Chinesen macht: "Sie haben nichts Böses getan, aber sie sind meine Feinde."

Was er zum Präsidenten der Philippinen Rodrigo Duterte, der sich einiger eigenhändiger Morde rühmt, nicht gesagt hat.

Nein, der hat ihm ein Liebeslied gesungen.

In 30 Jahren auf der Bühne: Was war am schlimmsten?

Ein Abend in Schottland. Eine Stunde lang Totenstille. Kein Lacher. Da haben sich ein paar Menschen entschieden, mich zu hassen. Es war eine Super-Vorstellung, aber innerlich stirbt man. Einmal stand ich vor rund 400 Leuten auf der Bühne, die waren mehr als besoffen, die waren nah am Koma besoffen-besoffen. Da spielt man dann auf Konfrontation. Mit Ziel zwischen die Augen.

Und das nächste Solo "Lucky Punch – Die Todeswuchtl"?

Das muss auch genau zwischen die Augen platziert werden.

Die deutsche Politik liefert auch viel Stoff zum Lachen. Welcher deutsche Politiker ist besonders humorbegabt?

Keiner. Politiker sind generell nicht humorbegabt. Bewusst eine Wuchtl kreieren, das können die nicht. Nur eine unbewusste Komik. Sonst hätte ich ja keinen Beruf mehr.

Beim Satiremagazin "Titanic" sieht man Angela Merkel durchaus nicht als humorfreie Zone.

Also würden Angela Wuchtl und ihre Rocker-Gang, die Hell’s Angies, einen lustigen Kabarettabend geben, ich weiß nicht, ob ich mir ein Ticket kaufen würde. Und die Merkel, über die ich auch schon viel in meinem Kabarettleben gelästert habe, war beim Trump so was von klar, dass ich in dem Moment Respekt hatte. Die stand vor dem Trump und sah ihm in die Augen, und damit kann der ja nicht umgehen. Der muss ganz tief drinnen auch wissen, dass sie intelligenter und besser ist. Grab her by the Raute möchte er nicht machen, denn das ist nicht sein Beuteschema. Die hat das schon gut gemacht.

Wladimir Putin hatte beim Treffen mit Merkel gleich seinen Hund Koney dabei.

Ja. Und sieht man Putin und Trump nebeneinander, dann ist das ungefähr so, wie wenn an der Uni der Professor für Astrophysik den Typ trifft, der gerade den Flur wischt. Die zwei unterhalten sich und geben sich die Hand. In dem Moment kommt ein Fotograf, und sie lächeln beide in die Kamera. Das wäre für mich die Allegorie des Zusammentreffens von Putin und Trump. Putin hat den Trump total am Wickel. Zweimal am Tag lacht sich der im großen Zarenraum in Moskau deppert. Der ist vom KGB, der liest Menschen, wie wir ein Buch, einen einfachen Krimi.

Kann man aus einem politischen Dead Man Walking wie Bayerns Ministerpräsidenten Seehofer noch eine Pointe destillieren?

Da halte ich mich an den bayerischen Ehrenkodex: Auf einer toten Sau haut man net rum.

Das ist ja eher tragisch.

Genau. Das hat für mich eine Shakespearesche Dimension. Da hat ein einsamer Herrscher jahrelang keinen anderen hochkommen lassen und alle im Keim vernichtet, von dem er dachte, der könnte – jung und intelligent – ihm eines Tages gefährlich werden. Zu der Tragödie fällt einem nichts Lustiges mehr ein.

Wie sehen Sie Sebastian Kurz?

Der ist für mich der Adabei-Kanzler, und das ist er schon seit Langem. Das ist schräg, aber wir werden abwarten müssen, was passiert.

Deutschland hat 12,6 Prozent AfD-Wähler?

Da sind sie bei uns nach der Wahl alle durchgedreht. Während der Österreicher sagt: Oida, 12,6 Prozent, das ist bei uns ein Linksruck. Regt euch nicht auf! Ich finde es bedenklich, mit welcher simplen Botschaft Kurz gewonnen hat. Denn der Einzige, der mit einer Idee, mit einem Programm kam, war Christian Kern. Aber Kurz hat den genialsten Wahlkampf der Geschichte gemacht.

Wieso?

Zwei, drei Wochen vor der Wahl war ganz Wien voll mit Plakaten, darauf das Gesicht von Kurz und "Es ist Zeit". Genial. Weil es immer irgendwann Zeit ist. Aber es hat auch eine Traurigkeit, die mich als politischer Mensch erfasst, dass man mit nichts und keinem Programm in dieser Stärke gewinnen kann, und zwar ÖVP und FPÖ. Wir werden erst sehen, ob die Wasser in Wein oder wenigstens in Sturm verwandeln können. Auch eine schöne Allegorie.

Jamaika ist gescheitert.

Keine Ahnung, wie es in Deutschland weitergeht. Das Mantra der österreichischen Gesellschaft wäre in dem Fall: Es geht sich schon aus. Für mich ist das so eine Mischung aus Lethargie und depressivem Optimismus.

Info:"Lucky Punch – Die Todes-Wuchtl schlägt zurück", 12.–15.3. Wien, MuseumsQuartier, 23.3. Salzburg, 24.3. Linz, 25.3. Graz. 01/ 960 96