Kultur
07.12.2011

Hundert Jahre Einsamkeit - von Gabriel Garcia Márquez

Es scheint als würden die italienischen Leserinnen und Leser Tabucchis Buch auch als Allegorie auf ihr eigenes Land verstehen.

Als "Cien años de soledad" 1967 im spanischen Original und wenige Jahre später bereits in mehr als 30 Sprachen übersetzt erschien, ging ein Aufschrei der Begeisterung durch die Literaturwelt. Da war sie endlich wieder, die überbordende Fabulierkraft der Worte, eine Geschichte ohne Ufer, ein Roman im alten, immer wieder neuen Sinne, den man im nach innen gewandten "Ich" der Sechziger Jahre vermisst oder gar völlig für tot erklärt hatte. Da war endlich wieder eine Jahrzehnte umspannende Geschichte, eine sechs Generationen umfassende Chronik, prall gefüllt mit verrückten Figuren und sich verstickenden Leidenschaften, eine geballte Sprachkraft und Erzählkunst, die 1982 mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt wurde. "Hundert Jahre Einsamkeit" bereitete auch den Boden für das Interesse an lateinamerikanischer Literatur überhaupt, lenkte den europäischen Blick beispielsweise auf Isabel Allendes fulminantes "Geisterhaus".

Gabriel Garcia Márquez - 1927 in Kolumbien geboren - erzählt in seinem Epos die Geschichte der Familie Buendía und des von ihr gegründeten Dorfes Macondo. In anekdotischer, scheinbar ohne Ordnung aneinandergefügter Reihung durchleiden die Nachkommen von José Arcadio und seiner Frau Ursula Ehebruch und Inzucht, Bürgerkrieg und den Aufbau einer Bananenplantage, den Bau der Eisenbahn und einer neuen Weltordnung. In der neutral bis humorvoll gehaltenen Chronik mischen sich immer wieder phantastische Elemente: Geistererscheinungen, kolumbianische Mythen, die Erfüllung uralter Prophezeiungen. Diese faszinierende Mischung wurde nicht unklug als "Magischer Realismus" etikettiert, eine Stilrichtung, die für viele Autorinnen und Autoren Lateinamerikas kennzeichnend ist. "Hundert Jahre Einsamkeit" ist ein spannender Schmöker, aber doch nicht immer leicht zu genießen: Allzu unübersichtlich bewegt sich die Handlung vor und zurück, allzu ähnlich klingen die sich stets wiederholenden Namen der Figuren. Aber vielleicht macht gerade dieses Verwirrspiel, ein in lustvolle Sätze hinein gezaubertes Chaos, den besonderen Reiz des Romans aus. Etwas, was Garcia Márquez auch bei einem der großen österreichischen Autoren des 20. Jahrhunderts geschätzt und bewundert hat: Die Romane des 1951 in New Haven im Exil verstorbenen Hermann Broch - insbesondere nachzulesen in "Die unbekannte Größe" oder seinem Hauptwerk "Die Schlafwandler".

Eine vernünftige Inhaltsangabe jedenfalls gestaltet sich mühsam und soll hier auch gar nicht versucht werden. Höchstens der zitierende Hinweis auf einen der zentralen Protagonisten: "Der Herr Oberst Aureliano Buendía zettelte zweiunddreißig bewaffnete Aufstände an und verlor sie allesamt. Er hatte von siebzehn verschiedenen Frauen siebzehn verschiedene Söhne, die einer nach dem anderen in einer einzigen Nacht ausgerottet wurden ..." Dies ist das Holz, aus denen Gabriel Garcia Márquez seine Heldinnen und Helden schnitzt.
Auch der Autor selbst führte ein (nicht ganz so) abenteuerliches Leben: Nach einem abgebrochenen Studium arbeitete er als Journalist, reiste nach Rom und Paris, Ungarn, New York oder - auf direkte Einladung Fidel Castros - nach Kuba. Seit den Fünfziger Jahren veröffentlichte er die ersten Romane, erreichte den Durchbruch mit "Hundert Jahren Einsamkeit", investierte die Dotierung des Nobelpreises in eine neue kolumbianische Tageszeitung. 2004 legte der damals 83-Jährige schließlich den zweiten Teil seiner Autobiografie vor. Erreicht er den 6. März 2027, wird man bei ihm kaum von hundert Jahren Einsamkeit sprechen können.