Kultur
29.04.2017

Hosen-Sänger Campino: "Der Tod gehört zum Leben"

Der 54-Jährige erzählt, warum das neue Album "Laune der Natur" genauso humorvoll wie nachdenklich ist.

Sich "nicht von dem süßen Geschmack" verführen lassen wollte Sänger Campino, als seine Band Die Toten Hosen 2012 mit dem Superhit "Tage wie diese" den größten Erfolg der schon 30 Jahre dauernden Karriere feierten. Denn die Aufnahmen zum damaligen Album "Ballast der Republik" waren langwierig und mühsam gewesen. Doch vor zwei Jahren begann das aus der Düsseldorfer Punk-Szene hervorgegangene Quintett doch, an einem neuen Album zu arbeiten. "Laune der Natur" erscheint am 5. Mai. Im KURIER-Interview erzählt Campino, wie er zu dem umstrittenen Hit steht, was er in Klöstern macht und wo er begraben werden will.

KURIER: Gleich der erste Song des neuen Albums, der Track "Urknall", klingt wie eine Abrechnung mit der Zeit von "Tage wie diese". . .

Campino: Der Song bezieht sich nicht direkt auf "Tage wie diese". Die Leute streiten sich, ob eine Band wie wir mit einer Single so einen Erfolg haben darf. Ich hatte diese Bedenken nie. Ich empfinde den Hit als Riesengeschenk. Aber bei "Urknall" geht es schon um die übergeordnete Frage: "Was ist wesentlich?" Und wesentlich sind bestimmt nicht die Champagnerempfänge, die Preisverleihungen und die Oberflächlichkeit, die mit so einem Erfolg einhergehen. Das Wesentliche sind Abende wie bei der "Magical Mystery Tour", als wir zum Beispiel in Wien in der WG einiger Fans aufgetreten sind – der Rock- ’n’-Roll, die Bierpfützen, die Ursuppe, der wir entstammen.

Was meinen Sie mit Oberflächlichkeit?

Dass man wegen des Erfolges plötzlich von Leuten beachtet und hofiert wird, die inhaltlich nichts mit einem anfangen können. Ja, wir haben einen Song und ein Album gemacht, das sich sehr viele Leute angehört haben. "Tage wie diese" wurde bei Hochzeiten, bei Beerdigungen und von Sportlern zu ihren persönlichen Triumphen gespielt. Es beeindruckt mich noch heute, dass wir es geschafft haben, solche Emotionen aus den Leuten zu kitzeln. Darum geht es, und das meine ich auch nicht mit Oberflächlichkeit. Es ist eine andere Welt, die ich immer kritisiere – die Gefahr, der Versuchung erlegen zu sein, in dieser komischen Society herumzugurken.

Wann sind Sie denn dieser Versuchung erlegen?

Etwa beim Echo laufen auch wir Gefahr, in diese Szene hineingezogen zu werden. Heutzutage weniger, weil wir besser erkennen, was wesentlich ist. Aber in den 90er-Jahren, als der ganz große Erfolg losging, waren wir schon gebauchpinselt, als wir zu TV-Shows eingeladen wurden. Als Politiker uns ansprachen, kannten und sagten: "Meine Kinder hören Ihre Musik!" Die Sender wollten uns damals als Paradiesvögel haben, und wir wollten unsere Botschaft rüberbringen. Und wir dachten in unserer Naivität, wir hätten die Oberhand bei den Fragen: "Wer ist Werkzeug von wem? Wer ist Mainstream, wenn er in dieser Sendung auftaucht, und wer kann den Mainstream ändern?" Rückblickend gesehen hätten wir uns da öfter mal dünne machen können.

Während der Aufnahmen zu "Laune der Natur" sind sowohl Ihr Manager Jochen Hülder, der Sie von Beginn an begleitet hat, als auch Ihr ehemaliger Drummer Wolfgang "Wölli" Rohde verstorben. Beschäftigen Sie sich deshalb in den Texten so viel mit dem Tod?

Im Song "Kein Grund zur Traurigkeit" ist Wöllis Gesang zu hören. Wie das bei Krebskranken oft der Fall ist, hatte er depressive und euphorische Tage, je nachdem, wie seine Blutwerte gerade aussahen. In Hochstimmung sagte er: "Ich habe noch so viel vor, ich würde noch gerne ein paar Lieder mit euch schreiben!" Da habe ich ihm einen Block und Stifte ins Krankenhaus gebracht und gesagt: "Was immer dir einfällt, schreib es auf, und wir machen etwas daraus". Dieser Block ist aber in der Hektik der Ereignisse weggekommen, was mich sehr bedrückt hat. Aber dann hatten wir die Idee, von alten Aufnahmen seine Gesangspuren herauszufiltern und die Musik neu einzuspielen.

Und der Song "Eine Handvoll Erde" bezieht sich auf wessen Begräbnis?

Das ist die Beschreibung der Beerdigung von Jochen. Auch er hatte Krebs, auch sein Tod war ein schwerer Schlag. Wir haben ihm beigestanden, ihn bis zuletzt begleitet. Er hat sich auch von allen verabschieden können, insofern war es ein friedlicher Abschied. Aber natürlich fragt man sich trotzdem: "Hätte es nicht anders sein können? Warum gerade jetzt diese Krankheit?"

In " ICE nach Düsseldorf" beschäftigen Sie sich – sehr humorvoll – mit dem eigenen Tod. Denken Sie tatsächlich schon darüber nach?

Der Tod gehört zum Leben und ich komme überhaupt nicht damit klar, dass er in unserer Gesellschaft immer tabuisiert wird. Dabei ist er immer irgendwo im Raum. Hoffentlich lässt er uns möglichst lange in Ruhe, aber wenn es soweit ist, sollte man vorbereitet sein.Wir haben eine gemeinsame Grabstätte am Düsseldorfer Südfriedhof, wo jetzt schon drei von uns liegen – außer Wölli und Jochen auch noch einer unserer Roadies, der vor einigen Jahren gestorben ist. Meine Endstation ist also klar, und das fühlt sich gut an. Man sollte bei aller Trauerverarbeitung auch über sich selbst lachen können.

Sie waren vor vielen Jahren für einige Zeit im Kloster. Jetzt haben Sie einige christliche Begriffe wie zum Beispiel " Jakobsweg" in den Texten von "Laune der Natur". Haben diese Erfahrungen im Kloster bei der Trauerverarbeitung geholfen?

Ich denke schon. Ich habe zwar meinen Freund, den Alt-Abt, der einst das Kloster geführt hat und jetzt immer noch dort lebt, sehr lange nicht besucht. Aber wenn ich dort war, tauchte ich auch in den Tagesablauf der Mönche ein, um ihnen meinen Respekt auszudrücken. Dieses intensive, andere Leben in einem Kloster finde ich interessant. In einem solchen war ich auch in Indien bei einer Gruppe von Exil-Tibetern.

Wie ist es Ihnen dort ergangen?

Es ist spannend, zu sehen, wie sich die Atmosphäre in den verschiedenen Klöstern gleicht. All diese Religionen und Philosophien setzen sich mit der Frage auseinander, was der Sinn des Lebens ist, und wie es danach weiter geht. Jeder muss daraus seine eigenen Schlüsse ziehen. Aber die Beschäftigung damit hat bei Verlusten sicher etwas Trostspendendes.