Kultur 05.03.2012

Holocaust im Kino: "Noch lange nicht aufgearbeitet"

In "Sarahs Schlüssel" schildert Regisseur Gilles Paquet-Brenner die Gräuel im Paris der Nazizeit. Auch seine Familie war betroffen.

Es waren Franzosen, die am 16. Juli 1942 an die Wohnungstüren von Pariser Juden klopften, keine Gestapo-Leute. Die alle – Männer, Frauen und Kinder – mitnahmen. Sie unter dem Applaus der Nachbarn auf Lastwägen pferchten und ins Radstadion mitten in Paris, das Vélodrome d’Hiver, brachten. Dort ließen sie die 13.000 Gefangenen unter unwürdigen Bedingungen ausharren, um sie schließlich in die Nazi-Vernichtungslager zu deportieren.

"Das ist ein Kapitel unserer Geschichte, das noch lange nicht aufgearbeitet ist", resümiert Gilles Paquet–Brenner, der in seinem Filmdrama "Sarahs Schlüssel" (ab Freitag in den Kinos) basierend auf dem gleichnamigen Buch von Tatiana de Rosnay das Schicksal einer dieser deportierten Familien nachzeichnet. "Die Kollaborateure waren damals, zur Besatzungszeit, mitten unter uns. Nach dem Krieg waren sie dann wundersamerweise alle verschwunden."

Paquet-Brenners Großvater, ein deutschstämmiger Musiker, der sich in Frankreich niedergelassen hatte, war auch eines der Opfer dieses Holocaust-Massakers. Er starb im polnischen Konzentrationslager Majdanek. "Ich bin aufgewachsen mit einer Mutter, die ihren Vater verlor, als sie zwei Jahre alt war und mit einer Großmutter, die sich nie mehr vom Schock ihrer verlorenen großen Liebe erholte. Ich war nicht direkt vom Nazi-Terror betroffen, aber von dessen Konsequenzen. Und die hängen meiner Familie bis heute nach."

Verdrängen

"Will erinnern": der 36-jährige Regisseur Gilles Paquet-Brenner.
© Bild: dapd

Im Film macht sich die Journalistin Julia, dargestellt von Kristin Scott-Thomas, auf die Spur der Jüdin Sarah Starzynski, die ihren kleinen Bruder vor dem Zugriff der Nazis retten wollte, indem sie ihn in einen Wandschrank sperrte. Die Zehnjährige wurde nach dem Horror im Vel d’Hiv in ein Lager verbracht, konnte aber fliehen und zurückkehren – doch für ihren

Bruder kam jede Hilfe zu spät. Julia deckt auf, dass die Wohnung, in der Sarahs Familie lebte, bevor sie "abgeholt" wurde, just jene ihres französischen Schwiegervaters ist. Der gibt sich ahnungslos, will die Vergangenheit verdrängen.

"Ich finde es extrem wichtig, auch jungen Leuten ein Gefühl für diese Zeit zu geben", so Paquet-Brenner, "und zwar nicht in Form von Geschichtsdokus, sondern mit Hilfe von Charakteren, deren Darstellung den damaligen Zeitgeist spürbar macht." Er wolle nicht belehren, sondern erinnern.

Das Vélodrome d’Hiver wurde 1959 abgerissen, nachdem Salvador Dalí zuvor noch in einer spektakulären Kunstaktion darin ein Modell des Eiffelturms explodieren ließ. Heute steht auf dem Platz des Sportstadions ein Gebäude des französischen Innenministeriums. Paquet-Brenner: "Die Geschichte kann oft wirklich zynisch sein."

( Kurier ) Erstellt am 05.03.2012