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Kultur

"Holländer": Bayreuther Bühnen-Banalitäten

Christian Thielemann begeisterte auf dem Grünen Hügel mit seinem Dirigat. Die Inszenierung des "fliegenden Holländers" ist ärgerlich.

von Gert Korentschnig

08/09/2012, 12:17 PM

So viele Regisseure wurden in den vergangenen Jahren bei den Bayreuther Festspielen vom Publikum ausgebuht und/oder von der Kritik – auch an dieser Stelle – verrissen: Christoph Schlingensief für seinen "Parsifal", Hans Neuenfels für seinen "Lohengrin", sogar Christoph Marthaler für "Tristan" oder zuletzt Sebastian Baumgarten für "Tannhäuser".

Sie alle aber wollten zumindest eine Geschichte erzählen, eine Deutung präsentieren – leider nicht immer mit tauglichen Mitteln.

Verweigerung

Eine erkennbare Bereitschaft zur Interpretation kann man Jan Philip Gloger nicht nachsagen. Was man bei der Premiere von Wagners "Fliegendem Holländer" auf der Bühne sah, war über weite Strecken ein reines Ärgernis. Eine Verweigerung. Ein Verharren an der Oberfläche, eine Ansammlung von Banalitäten, die durch schlecht gesetzte Pointen noch schlimmer werden.

Glogers Inszenierung scheint Kritik am Kapitalismus und den Gegensatz von Licht und Dunkelheit zum Thema zu haben – wie originell! Ausformuliert ist aber nichts. Der Holländer kommt aus der Finsternis, Senta könnte ihn ins Licht retten. Da das wohl nicht genug sein kann, gibt es den Kunstgriff, Daland zum Ventilatoren-Fabrikanten zu machen, Senta zur Verpackungs-Verantwortlichen und Erik zum Haus-Techniker. Am Ende, wenn Senta und der Holländer einander im Tod finden, sattelt man auf die Produktion von Kitschfiguren um. Naja.

Anstelle von Segelschiffen gibt es nur anfangs ein winziges Ruderboot. Des Holländers Reich ist ein Keller oder eine Technik-Zentrale. Und Senta bewegt sich zwischen Kartonagen. Wie sie nach ihrem Suizid auf einen Kistenberg springen muss, ist lächerlich.  Von einer Gestaltung der Figuren, einem Statement zu den Mythen, ist nichts zu sehen. Da lobt man sich die letzte psychologisierende  Bayreuther "Holländer"-Regie von Claus Guth, der Holländer als Sentas Vaterfigur gezeigt hatte.

Vollendung

Im Orchestergraben wird unter der Leitung von Christian Thielemann, der in Bayreuth neue künstlerische Maßstäbe setzt, erzählt, was auf der Bühne nicht stattfindet. Thielemanns "Holländer", von den Musikern farbenprächtig, klangvollendet und präzise umgesetzt, ist nie kraftmeierisch, sensibel statt vordergründig Effekte ausgerichtet, fein ausbalanciert und mit seinen mittlerweile berühmten Generalpausen und Rubati ausgestattet. Schon die Ouvertüre ist bei Thielemann ein interpretatorisches Meisterstück.

Manchmal wackelt es jedoch in der Koordination mit dem Chor. Einige Tempi, etwa bei Sentas Ballade, sind extrem langsam – die fabelhafte Adrianne Pieczonka wird dadurch jedoch nicht limitiert, sondern noch mehr zur Höchstleistung angestachelt. Sie singt diese Partie mit der nötigen Dramatik, nie schrill, sicher in allen Lagen.

Verzückung Samuel Youn, Einspringer für den bemalten Evgenyi Nikitin, hat als Holländer eine gute, fast tenoral tönende Höhe, eine profunde Tiefe, aber noch etwas zu wenig Strahlkraft. Er war über den Applaus so verzückt, dass er sich auf der Bühne lange niederkniete und betete.

Franz-Josef Selig ist ein profunder Daland, Michael König ein Erik mit eindimensionalem Tenor und wenig Kraft bei den Attacken, Benjamin Bruns ein geradezu idealer Steuermann und Christa Mayer eine minderpräsente Mary.

2013 folgt der "Ring", interpretiert von Frank Castorf. Das wird zumindest keine Verweigerung.

Bayreuth: Die nächsten Premieren

2013
Da wird der "Ring" neu produziert. Kirill Petrenko dirigiert, Frank Castorf inszeniert. Es singen u. a.: Wolfgang Koch (Wotan), Johan Botha (Siegmund), Lance Ryan (Siegfried), Catherine Foster (Brünnhilde).

2015
Im Post-"Ring"-Jahr gibt es keine Neuproduktion. Dann "Tristan" (Thielemann, Katharina Wagner). 2016 "Parsifal" (Nelsons, Jonathan Meese).

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