Kultur
05.12.2011

Hit aus Frankreich: "Kleine wahre Lügen"

Filmstarts: Cotillard macht französischen Gruppenurlaub + Kevin James nimmt Tipps von Tieren an + Ofczarek kuschelt mit "Sennentuntschi"

In Frankreich war "Kleine wahre Lügen" der erfolgreichste Kinofilm des Jahres: ein gruppendynamischer Freundschaftsfilm mit Marion Cotillard. Guillaume Canet findet, dass dies hier sein bisher gelungenster Film ist. Das mag stimmen.
Doch wer bloß ist Guillaume Canet?
Der 38-jährige französische Filmregisseur hatte eine Karriere als Schauspieler (etwa im Filmhit "Zusammen ist man weniger alleine") und als Ehemann von Diane Kruger (früher) und Oscarpreisträgerin Marion Cotillard (jetzt).

Dann begann er selbst zu inszenieren (zwei Filme) und bekam eine Depression.
"Ich ging deshalb in Psychonanalyse", schreibt Canet in den Produktionsnotizen zum Film und dass er dann in nur fünf Monaten das Drehbuch zu "Kleine wahre Lügen" schrieb. Er hatte " in seinem Leben aufgeräumt" und unter anderem auch herausgefunden, wer seine wahren Freunde seien. Darum geht es dann auch in diesem gruppendynamischen Film über einen Sommer voll Sonne und Selbstbetrug.

Eine Clique von Freunden 35 plus fährt rituell ein Mal im Jahr an die noble Atlantikküste auf Urlaub. Doch diesmal gibt es davor einen schrecklichen Unfall. Einer von ihnen landet auf der Intensivstation. Und die anderen? Die Freunde? Weinen ein wenig und fahren dann wie immer auf Urlaub.

Was sie dort dann miteinander machen, ist selten tiefschürfend: bootfahren, essen und trinken, einkaufen, Wasserski fahren, essen und trinken, plaudern und lieben.
"Kleine wahre Lügen" ist ein Beziehungsfilm in der Gruppe über Menschen, die sich mit ihrem Leben arrangiert haben: nicht mehr fragen, ob die Ehefrau wirklich die große Liebe ist. Der Beruf wirklich der richtige. Das Leben ein lebendiges.

Sie haben Routine im Lebensglück bekommen; kleine und große Lügen inbegriffen.
Marion Cotillard braucht nicht viel, nur ihren berückenden Augenaufschlag, um ihrer Figur einer bisexuellen Beziehungsgestörten Charakter zu geben. Ansonsten sind es hier vor allem Männergeschichten, die erzählt werden. Von Eric, dem testosterongesteuerten Frauenverführer und Betrüger (der seine Gefühle nicht äußern kann): "Ich werde auch noch mit 60 Sex mit 20-Jährigen wollen".

Von Vincent, dem Chiropraktiker und braven Jungvater, der sich plötzlich in einen Mann, noch dazu den Gastgeber Max, verliebt.
Von Antoine, dem verlassenen Ehemann, der Stunden damit verbringt, auf ein SMS seiner Ex-Frau zu warten. Oder dem Austernzüchter, (der ein echter Austernzüchter ist und ein Freund von Claude Canet).

Ja, der Film darf auch sonst autobiografisch genannt werden. Claude Canet hat darin viele seiner Freunde (großartige Schauspieler allesamt) um sich versammelt: den Chabrol-Darsteller Francois Cluzet, Ehefrau Marion Cotillard oder Benoit Magimel (der in Michael Hanekes "Klavierspielerin" Isabelle Huppert lieben durfte).

Canet quartierte das Ensemble einen August lang in einem Sommerhaus ein und drehte mit ihnen: bei Frühstück und bei Regenwetter. Es gibt Filme, die verlässt man mit Bildern im Kopf, andere mit Fragen, wieder andere mit großer Leere.

"Kleine wahre Lügen" (im Original: "Les Petits Mouchoirs") gehört zu keinem von ihnen. Ihn verlässt man mit einem Lebensgefühl. Man hat mit einer Gruppe von 35+ Franzosen Urlaub am Cape Ferret gemacht; Austern geschlürft, gelacht, geweint, Rotwein getrunken und ein bisschen über Freundschaft nachgedacht. - Veronika Franz

INFO: TRAGIKOMÖDIE, F 2010. 154 Min. Von Guillaume Canet. Mit Marion Cotillard, Francois Cluzet, Benoit Magimel.

KURIER-Wertung: **** von *****

"Der Zoowärter" - Beziehungstipps von Giraffen

Der Wolf: "Wenn du eine Frau willst, musst du das Revier markieren" (Worauf Kevin James in die Topfpflanze des Restaurants pinkelt). Der Affe: "Nein, du muss sie mit Kacka bewerfen" (Das macht Kevin James dann doch nicht). Ja, so sieht das aus, wenn Giraffen und Co. zu sprechen beginnen und dem Zoowärter allen Ernstes Beziehungstipps geben. Und dafür hat dieser Film sieben Drehbuchautoren verschlissen. Nicht, dass man sich was anderes als anspruchslose Unterhaltung erwartet hätte. Aber unterhaltsam sollte Unterhaltung schon sein. Für Kinder zu erwachsen, für Erwachsene zu kindisch. - V.F.

INFO: KOMÖDIE, USA 2011. 102 Min. Von Frank Coraci. Mit Kevin James.

KURIER-Wertung: ** von *****

"Der Dieb des Lichts" - Ein Robin Hood der Elektrizität

Der witzigste Film des Jahres über die Bedeutung von Glühbirnen.
Ja, finstere Zeiten würden den Dorfbewohnern in der kirgisischen Steppe drohen - wenn es nicht Svet-Ake (Aktan Arym Kubat) gäbe. Einen Stromschlag hat der Elektriker überlebt, trinkfest und ein bisschen naiv ist er auch, aber hilfsbereit.
Wenn jemand im Dorf kein Geld hat, dann drückt der Herr des Lichts ein Auge zu und lässt die Stromzähler einfach rückwärts laufen.
Der Filmemacher Aktan Arym Kubat zeichnet in seinen neuesten Film "Der Dieb des Lichts" das Panorama des postsowjetischen Kirgisiens. Mit einer nicht unkauzigen Mischung aus Sozialdrama und Schelmenroman, in dem ein Robin Hood der Elektrizität den Zeiger der Stromzähler zugunsten der armen Bevölkerung ausschlagen lässt. Preisgekröntes Autorenkino. - V.F.

INFO: AUTORENFILM, Kirgisistan 2010. 90 Min. Von und mit Aktan Arym Kubat.

KURIER-Wertung: **** von *****

"Sennentuntschi" - Heidi zieht den Männern die Häute ab

Also heute: das Sennentuntschi. Wer ist das? Und wieso gibt es einen Film darüber? Nun, die Grundidee ist keine uninteressante, weil ein Schweizer Alpenmythos:
Drei Senner basteln darin in ihrer testosteronen Einsamkeit auf der Alm eine Strohpuppe, die zum Leben erwacht. Die Männer vergehen sich an ihr, worauf das teuflische Teenager-Heidi ihnen die Haut abzieht und sie mit Stroh ausstopft.
Die Alpen, einsame Almen, felsige Abgründe und rohe, zur Lynchjustiz bereite Bewohner, böten an sich guten Stoff für Horrorfilme. Dieser hier verwebt den Mythos mit einem Kriminalfall. Der wackere Gendarm und offenbar letzte aufrechte Charakter des Bergdorfes (Burgtheater-Schauspieler Nicholas Ofczarek) nimmt sich darin einer schönen Frau an (Sie ahnen schon: Sennentuntschi), die wie ein wildes Tier durch die Gegend irrt. Oben auf der Alp braut sich derweil Unheil zusammen, als drei Männer, eingenebelt vom Absinth, aus einem Besen eine Strohpuppe basteln.
Nichts gegen das Drehbuch, doch Michael Steiner inszeniert mit viel Technik und Wolken, die sich in Zeitraffer zusammenballen, zwischen Heimatfilm, Horror und Vöslauer-Werbung. Und so ist das Alpenglühen nicht gruselig, sondern ständig am Rande der Karikatur. Am Ende wird auch noch erklärt, was unerklärlich ist: Die Geister, sie wurden zwar gerufen. Doch geglaubt hat man leider nicht an sie. - V.F.

INFO: HORROR, CH 2010. 110 Min. Von Michael Steiner. Mit N. Ofczarek.

KURIER-Wertung: *** von *****

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