Kultur
28.04.2017

Herbert Föttinger: "Politisch korrekt waren wir lang genug"

Interview: Herbert Föttinger, Direktor des Theaters in der Josefstadt, über seine wagemutigen Pläne für die kommende Saison.

KURIER: Sie haben am Donnerstag den Spielplan für 2017/’18 vorgestellt. Das Programmbuch ist durchsetzt mit amüsanten Fake News. Machen Sie der "Tagespresse" Konkurrenz?

Herbert Föttinger: Jetzt bin ich echt enttäuscht. Denn ich dachte mir, Sie würden mich fragen, was ich dazu sage, dass Frau Bergmann 2019 ihren Vertrag als Burgtheaterdirektorin auslaufen lässt.

Und ich dachte mir, dass Sie mir ohnedies nicht verraten würden, ob Sie sich bewerben.

Da haben Sie Recht. Zudem glaube ich nicht, dass sich ein Burgtheaterdirektor bewerben sollte. Noch dazu mit einem Konzept bis ins Jahr 2024. Das machen nur Buchhalter. Der Kulturminister hat sich einen Überblick zu verschaffen – und den Direktor zu bestimmen.

Wie ist nun mit den Fake News?

Wir arbeiten schon seit einigen Jahren mit Slogans, derzeit können Sie auf der Hausmauer lesen: "Besser ein heller Gedanke als eine düstere Prophezeiung." Aus einer Verärgerung über die Zustände weltweit habe ich vorgeschlagen, als Theater auf den Schwachsinn von Trump und anderen zu reagieren. So entstanden diese Twitter-Meldungen und Fotomontagen. Politisch korrekt waren wir lang genug.

Sie werden wagemutiger, auch in der Spielplangestaltung.

Ich war, glaube ich, nie ein vorsichtiger Mensch. Aber es stimmt: Wir können uns noch mehr trauen. Und das Publikum bestärkt uns darin. Die zweitbestbesuchte Produktion der laufenden Saison ist "Heilig Abend" von Daniel Kehlmann. Vor 15 Jahren – damals war ich hier Schauspieler – wäre das nicht vorstellbar gewesen. Ja, das macht mir schon Freude: Dass das Publikum diese inhaltliche Erneuerung, das Autorentheater mit den zahlreichen Uraufführungen, so positiv annimmt.

Ganz besonders in den Kammerspielen. Die Uraufführung von Thomas Vinterbergs "Suff" ist wohl eine ziemliche Herausforderung für die Abonnenten.

Das nenn’ ich eine Revolution! Denn die Kammerspiele waren früher einmal das Haus der "Pension Schöller".

Dort zeigen Sie auch das Gerichtsdrama " Terror". Es lief vor ein paar Monaten als Medienereignis im Fernsehen. Warum jetzt noch auf der Bühne?

Weil Regisseur Julian Pölsler in Abstimmung mit Ferdinand von Schirach eine interessante Lösung gefunden hat: Alle Rollen werden von Frauen gespielt. Es geht daher mehr um den Fall als um männliche Gebärden.

In der kommenden Saison thematisieren Sie erneut die NS-Zeit: Sie eröffnen mit der Dramatisierung "Der Engel mit der Posaune". Ihr Motiv?

Der Protagonist des Romans, der junge Hans Alt muss seine Ängste überwinden, Rückgrat entwickeln, um sich dem neuen, politischen System entgegenstellen zu können. Wenn ich mir den Rechtsruck anschaue: Zivilcourage wird der Bevölkerung Europas auch in den nächsten Jahren abverlangt werden. Auch das Burgtheater wollte den Roman auf die Bühne bringen. Aber für uns ist es ja geradezu eine Verpflichtung, denn Ernst Lothar, der Autor, war von 1935 bis 1938 Direktor der Josefstadt. Er musste Österreich nach dem "Anschluss" verlassen. In Amerika schrieb er "Engel mit der Posaune". Der Roman wurde 1948 verfilmt – mit Paula Wessely. Eben noch hatte sie im NS-Propagandafilm "Heimkehr" die deutsche Frau gespielt, nun ist sie die Jüdin, die aus Verzweiflung aus dem Fenster springt. Wie heißt es bei "Mephisto" von Klaus Mann? "Was wollt Ihr von mir? Ich bin ja nur ein Schauspieler."

Sie ergänzen den "Engel mit der Posaune" mit "In der Löwengrube". Felix Mitterer wurde zu diesem Stück vom jüdischen Schauspieler Leo Reuss inspiriert, der sich als Bauer aus Tirol ausgab, ein Naturtalent zu sein schien – und an die Josefstadt engagiert wurde.

Die Produktion ist ein Geschenk für Felix Mitterer zu dessen 70. Geburtstag. Aber nicht nur! Das Stück wurde für die Josefstadt geschrieben. Aber der damalige Direktor Otto Schenk war der Meinung, dass man es nur in einem Kellertheater spielen könne. Es war dann ein Riesenerfolg am Volkstheater. Diesen Fehler muss man wieder gutmachen.

In dieser Saison hatte "Die Verdammten" Premiere. Könnte es nicht sein, dass Ihr Publikum zu Ihnen sagt: "Herr Direktor, jetzt reicht’s aber mit der NS-Zeit!"?

Das hat es schon 2008 gesagt, als ich das politische Verhalten des Theaters in der Josefstadt während der NS-Zeit beleuchtet habe. Leider: Die Zuschauer müssen mit meinem Spielplan leben. Und sie leben nicht schlecht.Sie hatten zu Beginn die Maxime ausgegeben, keine Klassiker spielen zu wollen. Und nun setzen Sie Friedrich Schillers " Maria Stuart" an.

Klassiker haben eben an der Josefstadt nie besonderen Anklang gefunden. Und wir müssen ja nicht das Gleiche machen wie die anderen großen Bühnen. In unserem Haus "Die Räuber" zu spielen, wäre allein schon aufgrund der Bühnendimension unsinnig. Bei "Maria Stuart" ist es etwas anderes. Günter Krämer hatte eine aufregende Inszenierungsidee – und ich stimmte zu: "Gut, wenn Du eine Fassung mit fünf Schauspielern schreibst." Bei uns geht es also um den Konflikt von zwei großen Theaterdiven. Diese Setzung gefällt mir.

Sie wollen nicht das Gleiche machen wie die Burg. Und nun bringen Sie "Der Gott des Gemetzels" von Yasmina Reza und "Professor Bernhardi"…

Erstens: "Der Gott des Gemetzels" läuft nicht mehr am Burgtheater. Und zweitens: Arthur Schnitzler war immer schon programmatischer Schwerpunkt an der Josefstadt. Dass "Professor Bernhardi" auch an der Burg zu sehen ist, ist mir wurscht. Ich will und muss die Rolle spielen, um etwas für mich zu klären. Denn in allen Inszenierungen, die ich kenne, ist der fünfte Akt der Schwächste. Das kann ja nicht sein! Es geht doch immerhin um die Menschwerdung des weißen Gottes Bernhardi und um die Konfrontation, die er mit dem widerwärtigen Beamtentum durchzustehen hat.

In der Burg gibt es eine zaghafte Modernisierung: Die Rolle des Professor Cyprian wird von einer Frau, Caroline Peters, gespielt. Und bei Ihnen?

Wir versuchen, das Stück im Heute spielen zu lassen, und so wäre es natürlich richtig, dass drei Professoren von Schauspielerinnen gespielt werden. Aber wir machen es nicht. Soll ich Ihnen sagen warum? Weil Schnitzlers Frauen anders sprechen. Genia spricht anders als Hofreiter. Das funktioniert also nicht.

Bei "Terror" aber doch?

Was soll ich Ihnen jetzt antworten? (lacht) Ich wünsche dem Projekt viel Glück.

Sie inszenieren mit "Fremdenzimmer" wieder eine Peter-Turrini-Uraufführung.

Ein total aktuelles Stück! Es geht um einen Flüchtling aus Afghanistan in den Fängen eines Wiener Ehepaars.

Auch mutig. Denn Sie stehen ja wirtschaftlich doch unter einem ziemlichen Erfolgsdruck.

Ja. Die Kartenerlöse lagen in der letzten Saison bei 9,2 Millionen Euro. Das Burgtheater kam auf 9,1 Millionen – obwohl es fast doppelt so viele Karten anbietet. Unsere beiden Spielstätten sind wesentlich kleiner. Und weil unsere Subvention viel geringer ist, bin ich gezwungen, das wirtschaftlich erfolgreichste Theater im deutschsprachigen Raum zu führen. Und ich schaffe das, obwohl ich die Kammerspiele nicht mehr, wie Otto Schenk und Helmuth Lohner, als Boulevardtheater führe.

Ihr Vertrag läuft bis 2021. Da werden Sie 60. Das kann es doch noch nicht gewesen sein?

Stimmt. Manche sagen: "Du darfst nicht weggehen! Was wird denn dann mit dem Theater?" Aber 15 Jahre Direktor sind doch eine lange Zeit. Ich habe den Wunsch, meinem Leben noch eine Wendung zu geben.

Das größere Volkstheater?

Interessiert mich nicht. Ich wäre überfordert mit der Frage, was das Volkstheater heute leisten soll und muss. Und vor allem: Große Bühne, großes Theater. Aber die Subvention lässt ein solches nicht zu.

Na, dann also doch die Burg?

Große Bühne, Riesenbudget! (lächelnd) Da werden sich nicht viele wehren.

Die Premieren 2017/'18:

"Der Engel mit der Posaune" nach dem Roman von Ernst Lothar (UA), Regie: Janusz Kica (Premiere: 2.9., Josefstadt).

"Shakespeare in Love" von Marc Norman & Tom Stoppard, Regie: Fabian Alder (Premiere 7.9., Kammerspiele).

"Wie man Hasen jagt" von Georges Feydeau, Regie: Folke Braband, Dt. Fassung: Elfriede Jelinek (21.9., JS).

"Die 39 Stufen" nach Alfred Hitchcocks Film, Regie: Werner Sobotka (12.10., KS).

"Professor Bernhardi" von Arthur Schnitzler, Regie: Janusz Kica (16.11., JS).

"Terror" von Ferdinand von Schirach, Regie: Julian Pölsler (23.11., KS).

" Maria Stuart" von Friedrich Schiller, Regie: Günter Krämer (7.12., JS).

"Fremdenzimmer" von Peter Turrini (UA), Regie:

Föttinger (25.1., JS).

"Suff" von Thomas Vinterberg/Mogens Rukov (UA), Regie: Alexandra Liedtke (1.2., KS).

"All About Eve" nach dem Film von Joseph L. Mankiewicz (UA), Regie: Christopher Hampton (1.3., KS).

"In der Löwengrube" von Felix Mitterer, Regie: Stephanie Mohr (15.3., JS).

" Madame Bovary" von Gustave Flaubert, Regie: Anna Bergmann (12.4., JS).

"Der Garderober" von Ronald Harwood, Regie: Cesare Lievi (26.4., KS).

"Der Gott des Gemetzels" von Yasmina Reza, Regie: Torsten Fischer (3.5., JS).