Helga Rabl-Stadler, Präsidentin des Direktoriums der Salzburger Festspiele

© Deutsch Gerhard

Interview
07/21/2013

Helga Rabl-Stadler: "Anwältin des Publikums"

Die Salzburger Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler über Kunst und Kontroversen beim größten Klassikfestival der Welt.

von Gert Korentschnig

Seit 1995 ist sie Präsidentin der Salzburger Festspiele. So mächtig wie heute war Helga Rabl-Stadler aber noch nie. Das große KURIER-Interview zum Saisonstart.

KURIER: Nikolaus Harnoncourt, der Dirigent des ersten Festspiel-Konzertes, nannte die Vorgänge rund um die vorzeitige Ablöse von Intendant Alexander Pereira zuletzt „zum Kotzen“. Wie schlimm ist es aus Ihrer Sicht?Helga Rabl-Stadler:

Ich liebe Nikolaus Harnoncourt für seine Absolutheit. Das ist auch der Grund, warum er ewig jung bleibt: Er sagt ohne Rücksicht, was er fühlt. Aber ein Gefühl wird nicht danach beurteilt, ob es richtig oder falsch ist.

Dennoch drehte sich die öffentliche Debatte zuletzt weniger um die Kunst als um die Frage: Wann geht Pereira an die Mailänder Scala? Nun steht fest, dass er dort seine Intendanz im Oktober 2014 statt 2015 beginnt. Stellt das Salzburg vor weitere Probleme?
Für mich ändert diese Tatsache nichts. Pereira und ich haben ein fertig ausverhandeltes Programm und Budget für 2014. Ich habe keinen Grund zu zweifeln, dass er seine beiden letzten Saisonen mit voller Kraft verwirklichen wird. Es ist sicher auch sein Ehrgeiz zu zeigen, dass seine drei Jahre in Salzburg gute Jahre waren.

Für viele Beobachter wirkt es dennoch so, dass Salzburg zuletzt permanent im Wandel war, fast ein Durchhaus für manche Intendanten, während Sie der stabile Faktor waren ...
Pereira kam und sagte, in Salzburg sei er am Ziel seiner Wünsche. Im Dezember 2012 konfrontierte er das Kuratorium erstmals mit der Anfrage, ob man ihn verlängern werde. Das heißt, das Kuratorium hätte nach nur einer Saison sagen müssen, ob Pereira nicht bis 2016, sondern bis 2020 bleiben kann. Das wollte das Kuratorium aus für mich verständlichen Gründen nicht. Pereira sagte dann: Wenn mein Vertrag nicht verlängert wird und falls ich Mailand bekomme, nehme ich das an. Für mich ebenso verständlich. Dann wurde leider offen ein totaler Interessenskonflikt ausgetragen.

Woran aber auch Politiker schuld waren, die im Kuratorium sitzen. Ist das wirklich die beste Konstellation?
Ich möchte eine Lanze für das Kuratorium brechen, wobei ich weiß, dass ich mich da beim Feuilleton nicht beliebt mache. Ein Kuratorium muss Kontrolle ausüben und Strategie vorgeben. Und ich verstehe, dass man in einer Zeit, wo man von einer Woche auf die andere nicht sagen kann, wie es mit dem Euro weitergeht, finanziell zur Vorsicht mahnt. Noch dazu, wenn das Programm so exorbitant ausgeweitet wird. Laut Rechnungsabschluss gab es von 2011 auf 2012, das erste Jahr von Pereira, eine Budgeterhöhung von 52,3 auf 61,8 Millionen Euro.

Wie kann man solche öffentliche Streitigkeiten verhindern?
Ich hätte mir eine Klausur gewünscht, wo alles diskutiert wird. Die hätte vorausgesetzt, dass alle eine Lösung wollen. Pereira ist aber nicht der Mann, der einen Kompromiss sucht, sondern der kompromisslos durchficht, woran er glaubt. Ich verstehe seine Haltung, dass er, wenn er so viele Sponsoren bringt, der Meinung ist, er finanziert die Budgeterhöhung ohnehin selbst. Aber er muss auch uns verstehen, die sagen: Die Festspiele sollen nicht jedes Jahr noch größer werden.

Wie schwierig ist Ihr Arbeitsverhältnis mit Pereira wirklich?
Ich lege Wert darauf, dass all diese Meldungen, wir schreien uns ständig an, nur Gerüchte sind. Er weiß mich an seiner Seite, sobald wir uns auf ein Programm geeinigt haben.

Das Programm 2013 bringt 280 Veranstaltungen – so viele wie nie zuvor. Ist das nicht besonders riskant?
2013 ist die größte Herausforderung, die ich als Präsidentin erlebe, weil das Programm so umfangreich ist. Mit ein bissl Glück könnte es aber auch künstlerisch herausragend werden. Dafür zahlt es sich aus zu kämpfen. Was mich besonders freut: Dass wir mit einer zeitgenössischen Oper (Harrison Birtwistles „Gawain“, Anm.) beginnen. Das gab es zuletzt 1999 mit Berios „Cronaca del luogo“. Ich bin überzeugt, dass dieser Sommer eine sehr gute Stimmung bringen wird. Auch wegen „El sistema“ am Anfang.

Worauf freuen Sie sich persönlich am meisten?
Ich beziehe meine Kraft unter anderem daraus, dass ich mich von der Sogwirkung der Festspiele mitreißen lasse. Ich freue mich besonders auf „Don Carlo“. Und finde es schön, dass wir mit der „Schöpfung“ begonnen haben und mit Beethovens Neunter enden.

Bei den Salzburger Festspielen gibt es heuer mit den „Meistersingern“ wieder eine Wagner-Produktion. Das war seit der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr der Fall. Legt man sich da nicht mit Bayreuth an?
Wir werfen Bayreuth nicht den Fehdehandschuh hin, um uns als die besseren Wagner-Interpreten zu profilieren. Übrigens spielt Bayreuth heuer gar nicht „Die Meistersinger“. Es ist eine schöne Idee des Intendanten, „Die Meistersinger“ konzertant mit „Rienzi“ zu kombinieren.

Nun waren aber gerade „Rienzi“ und „Meistersinger“ Hitlers Lieblingsopern. Wie gehen die Salzburger Festspiele damit um?
Für die Musik von Wagner muss man sich nicht rechtfertigen. Über das Verhalten der Festspiele in der NS-Zeit habe ich keine Scheu zu reden. Wir haben unser Archiv geöffnet. Die Festspiele sind geradezu ein Musterbeispiel dafür, was ganz Österreich war: Opfer und Täter zugleich.

Sie sind im 19. Jahr Ihrer Präsidentschaft und werden bald Ihren sechsten Intendanten erleben. Warum wird Sven-Eric Bechtolf, der 2015 und 2016 übernimmt, künstlerischer Leiter und nicht Intendant genannt?
Laut Festspielgesetz haben die Festspiele kein Intendanten-, sondern das Direktoriumsprinzip. Das heißt, Pereira ist für das Geld genauso verantwortlich wie ich für die Kunst. Sven-Eric und ich werden das in diesem Sinne gemeinsam machen. Meine erlernten Berufe sind Juristin, Journalistin und Kauffrau. Ich wäre schlecht beraten, würde ich mich in Besetzungen einmischen. Natürlich habe ich in den Jahren viel Erfahrung erworben. Aber ich habe mich immer nur als die gesehen, die dem Intendanten hilft, Dinge zu verwirklichen und gleichzeitig als Anwältin des Publikums im Direktorium.

Sie sind auch kaufmännische Leiterin der Festspiele. Pereira musste in seinem ersten Salzburger Jahr zwei Millionen Euro an Reserven auflösen. Wird das schwieriger oder leichter, wenn er weg ist?
Im Herbst machen wir einen Kassasturz. Meine Idealvorstellung wäre, dass wir 2013 mit einer schwarzen Null abschließen. Da müssen wir uns noch sehr anstrengen. Wir steuern zwar auf einen Rekord bei Karteneinnahmen und Sponsoring zu. Aber wir werden durch die komplexen Vorstellungen auch bei den Personalkosten überziehen. Das bedeutet, dass wir 2013 keinen Überschuss produzieren. Für 2014 haben wir versprochen, dass wir zwei Millionen Reserven ansparen.

Wann wird der neue Intendant bestellt, der 2017 übernimmt?
Im September. Man ist fest entschlossen, das sofort zu machen.

Markus Hinterhäuser gilt als Favorit. Ihr Kommentar?
Ich möchte das gar nicht kommentieren. Ich habe die Gelegenheit, dem Kuratorium meine Erfahrungen, meine Meinung zu den Anforderungen zu sagen. Die werde ich ergreifen und nicht dadurch vermasseln, dass ich mich vorher öffentlich äußere. Im Lichte dessen, was in den letzten Jahren passiert ist, finde ich es jedenfalls wichtig, dass es jemand wird, der es mit Salzburg ernst meint und hier bleiben will.

Ihr Vertrag als Präsidentin wäre im September 2014 ausgelaufen. Nun wurden Sie aufgefordert, sich wieder zu bewerben. Haben Sie das schon getan?
Ja, das habe ich. Ich hoffe doch, dass ich als Qualifizierteste aus dem Prozedere hervorgehe. Dann wäre ich bis 30. 9. 2017 Präsidentin. Aber glauben Sie mir: Ich bleibe wirklich nur wegen dieser besonderen Situation. Das allerdings mit voller Energie.

Alle Infos, Kritiken und Berichte zu den Salzburger Festspielen finden Sie hier.

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