Kultur
03.03.2018

Heinrich Steinfest, das Bügeln und die Kunst

Selbst eine häusliche Tätigkeit kann im Roman zu einem fantastischen Ergebnis führen.

Das ist eine Umstellung. Auch beim Lesen. Kein Vogel mehr, der sich einbildet, Polizist zu sein. Kein Ohr mehr, das atmet.

Nichts Fantastisches von Heinrich Steinfest, dem Wiener in Stuttgart.

Sondern ... etwas noch Fantastischeres – nämlich: nur ein Mensch.

Eine Frau, knapp über 40, die bügelt. Sie verlangt nicht einmal viel dafür von ihren Arbeitgebern. Obwohl Tonia perfekt bügelt, am besten die weißen Hemden.

Tonia Schreiber ist studierte Meeresbiologin, und reich war sie. Sie hat alles verschenkt, auch die Villa in Wien. Sie bestraft sich. Büßt.

Gegen den Verstand

Es war im Kino, während eines "Mission Impossible"-Films. Tom Cruise befand sich in einem Moskauer Gefängnis. Tonia saß mit ihrer geliebten 16-jährigen Nichte Emilie im Saal, als ein Kinobesucher eine Pistole aus der Tasche holte. Tonia stürzte sich auf ihn. Ehe er sich selbst erschoss, fielen zwei Schüsse.

Eine Kugel tötete Emilie .

Ihre Tante hat mehr Opfer verhindert. Hat sie?

"Das beschäftigt mich schon lange, wie sehr das Gefühl von Schuld unser Leben bestimmt", sagt Steinfest im KURIER-Gespräch.

Er meint nicht die Schuld, um die sich das Strafgericht kümmert. "Sondern die empfundene und lang im voraus erahnte Schuld, die einen nicht loslässt und gegen jeden Verstand immun ist."

Die Angst, im einzig entscheidenden Moment zu versagen. Nicht dort zu sein, wo man sein wollte.

"... und wenn man dort ist, wo man sein sollte, das Falsche zu tun. "

Deshalb bügelt Tonia Schreiber. Der einzige Luxus: Das schwarzes Quadrat auf der Brust des Attentäters wird mehr über dessen Absichten erzählen, und zwar Jahre später, als ein solches Zeichen – ein dunkler Eingang; oder Ausgang? – auf einem Hemd auftaucht, das sie bügelt.

Kurvenreich

Geheimnisvoll? Genug verraten. Denn so gut dieser "Stoff" ist – in einer Kurzgeschichte hätte er genügend Platz gehabt. Normalerweise. Aber bei "Die Büglerin" handelt es sich um einen echten Steinfest, der wieder – wie trunken – seine Kurven zieht.

Der Punkt kann warten.

Vorträge hält der Autor zwischendurch, z.B. über Maroni. Insofern ist er ganz der gute Alte. Das Ausufernde hat allerdings in seine aus der Welt gefallenen Geschichten (zuletzt: "Das Leben und Sterben der Flugzeuge" ) besser gepasst.

Aber man hat von Heinrich Steinfest gelernt: Beim Lesen entstehen Verbindungen ... vom Tod zu Personalchefs, die zu älteren Angestellten sagen:

Wenn Sie nicht freiwillig gehen, muss ein Jüngerer weg ...

Der Tod will sich den Älteren holen, aber wenn der sich widersetzt (wie Tonia Schreiber im Kino), so nimmt er halt die Jüngere.

Solches bereitet nicht nur Romanfiguren schmerzliche Gedanken.

***

Im Buch heißt es: "Kritiker lieben keine Bücher."

Genau. Sie lieben, ganz anders als die Schriftsteller, immer nur sich selbst.

Heinrich Steinfest: „Die Büglerin“ Piper Verlag. 288 Seiten. 22,70 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern