Kultur
28.06.2017

Hans-Joachim Roedelius: Mit Tönen heilen

Der Ambient- und Elektronikmusiker spricht über sein neues Album, den Einfluss seiner Band Cluster und Töne, die ihn krank gemacht haben.

Der in Berlin geborene ehemalige Heilmasseur Hans-Joachim Roedelius war Anfang der 70er-Jahre mit seinem Partner Dieter Moebius und seinen Bands Cluster und Harmonia bahnbrechend für die experimentelle elektronische Musik. Seit vielen Jahren lebt er mit seiner Frau in Baden bei Wien und hat soeben mit dem deutschen Pianisten und Produzenten Arnold Kasar das Album "Einfluss" auf den Markt gebracht. Dabei widmet er sich wunderschönen Piano-Klängen, die sanft und atmosphärisch mit Elektronik versetzt sind. Das Ziel ist, damit zu heilen. Warum ihm dafür aber zuerst seine eigene Musik weh tun musste, erzählt er im KURIER-Interview.

KURIER: Herr Roedelius, Sie haben Arnold Kasar als herausfordernden Partner bezeichnet. Warum das?

Er ist ein ausgebildeter Musiker, kann Noten lesen und schreiben und hat auch die Tradition, die zum Komponieren gehört, intus. Ich dagegen habe immer nur aus dem Bauch heraus gearbeitet. Die Stücke auf "Einfluss" basieren auf Improvisation. Wenn er dabei etwas vorgab, war es deshalb für mich nicht einfach ihm zu folgen. Aber trotzdem ist das meiste so harmonisch geglückt, dass er sich schon bei der Bahnfahrt von mir hier in Baden zurück nach Berlin daran machen konnte, diese Aufnahmen zu mastern.

Ist die meditative und erhebende Atmosphäre Ihrer Musik ein bewusstes Statement gegen das Chaos in dieser Welt?

Ich und Arnold, wir schätzen beide alte Werte, sind Familien-Freaks und wollen möglichst wenig von dem Wahnsinn, der von draußen auf uns eindonnert, an uns ran lassen. Wir versuchen, uns rauszuhalten und über die Kunst widerzuspiegeln, wie wir uns raushalten. Ich bin ja von der Heilkunst zu Tonkunst gewechselt und da war es schon angesagt, so weiterzuarbeiten. Dafür musste es anfangs aber erst einmal wehtun.

Was meinen Sie damit?

Mein Studium war über die Praxis und das Ausprobieren und Experimentieren mit allem, was meinen Ohren taugt. Das Album "Cluster ’71" gilt als bahnbrechend und wir haben damit sicher Türen zu einer neuen Art der Komposition und zu einer neuen Art der Verwendung von Tönen aufgemacht. Aber das war keine leichte Kost. Der Moebius und ich, wir haben anfangs mit selbst gebastelten Ton-Generatoren und Orgeln Musik gemacht. Meinen ersten Synthesizer habe ich so extrem ausprobiert, dass es wehtat. Dem habe ich Frequenzen entlockt, die mich krank gemacht haben, ohne dass ich wusste, dass das davon kommt. Irgendwann bin ich zum Klavier gegangen und habe gemerkt, dass mich diese Töne heilen können, dass sie diese Bauchschmerzen und das Unwohlsein, das ich von den Synthesizer-Frequenzen hatte, vertrieben haben. Das war eine Offenbarung, mit der ich weitergemacht habe. Seither verwende ich Elektronik nur mehr als Rahmen, als Gewürz, nicht mehr so vordergründig wie anfangs.

Glauben Sie, dass die Schallwellen Sie krank gemacht haben?

Das sind psychoakustische Phänomene. Die Wissenschaft ist erst jetzt dabei herauszufinden, was man den Menschen und ihren Ohren mit elektrisch generiertem Material zumuten kann. Und das ist sicher nicht das, was wir damals gemacht haben. Wir waren erstens viel zu laut und haben zweitens mit diesen Frequenzen gearbeitet, die weder uns noch unseren Hörern gutgetan haben. Ich bin einmal fast kollabiert und wir hatten Leute bei unseren Konzerten, die von dem Lärm einfach umgefallen sind. Natürlich musste die Musik dann anders werden.

Trotzdem gelten Sie als Pionier. Wo sehen Sie Ihren Einfluss auf die elektronische Musik?

Ich habe keine Zeit, mich intensiv mit der elektronischen Musik zu beschäftigen. Und es interessiert mich auch nicht, weil ich merke, dass sehr viel Beliebiges gemacht wird. So vieles ist nicht authentisch. Denn es gibt so viele Computer-Tools, mit denen die Leute spielen können. Und dann denken sie, sie haben das Rad neu erfunden. Aber eigentlich wiederholt sich alles.

Hat es Sie nie gereizt, selbst die neuen Möglichkeiten des Computers auszuloten?

Ich bin schon Nutznießer dieser Entwicklungen. Ich kann zum Beispiel mit zwei iPads verreisen und ein ganzes Konzert damit spielen. Ich komponiere aber nicht am Computer. Aber am liebsten spiele ich ohnehin live. Nicht immer ist es dabei möglich, auf der Bühne ein Klavier zu haben. Dann komme ich auch nur mit Elektronik. Die Leute erwarten das auch von mir und ich mache das auch gerne. Es ist nicht so, dass ich mir das abquälen muss, weil ich einmal mein Gehör mit blöden Frequenzen geschädigt habe.

Als Dieter Moebius 2015 starb, lobten Sie seine Kompromisslosigkeit. War es das, was Sie zusammengeschweißt hat?

Diese Kompromisslosigkeit und auch die Herkunft. Wir sind jahrelang zusammen in einem gelben Opel-Postbus durch Europa getourt und haben unsere Kunst als Straßenmusiker im Auto angeboten und Erfahrungen gesammelt. Wir sind zusammen aufs Land gezogen, mussten dort Hand anlegen, weil wir nicht genug Geld hatten. Wir haben unsere Wohnungen selbst gebaut und Wasserleitungen gelegt. Wir haben alles Mögliche zusammen gemacht. Irgendwie sind wir von einer höheren Macht zusammengeführt worden, die es uns ermöglicht hat, bis 2010 zusammen Musik zu machen.

Ihre Kompromisslosigkeit hat aber auch bedeutet, dass Sie immer Geldprobleme hatten. Wann hat sich das geändert?

Meine Frau und ich können seit drei Jahren in Ruhe die Miete bezahlen und werden nicht immer wieder gemahnt. Es hat über 40 Jahre gedauert, bis wir endlich mal aufatmen konnten. Wir haben ja auch drei Kinder in die Welt gesetzt und mussten so zusätzlich noch viel drumherum finanzieren. Aber um diese Einkommenssituation halten zu können, muss ich schon ran. Ich war im März drei Wochen auf US-Tour und bin bald wieder für sechs Wochen dort. Es ist nicht so, dass der Alte zu Hause sitzen und den Ruhestand genießen kann.

Ärgert es Sie, für Ihre Leistungen in der Musik höchst anerkannt zu sein und trotzdem diese Probleme zu haben?

Nein, nein, das ist doch immer so, das gehört dazu. Leute, die etwas bewegen wollen, wissen, dass damit eine gewisse Marginalität verbunden ist. Wir machen das ja, weil wir es lieben, weil wir müssen. Das ist eine Aufgabe, die man bei der Geburt mitbekommt, da fragt man nicht, warum und wieso, sondern macht es einfach.