Kultur
15.03.2018

"Gwendolyn": Wenn es weh tut, lenke dich mit neuem Schmerz ab

Ruth Kaaserers inniges Porträt einer Gewichtheberin.

Auf den ersten Blick wirkt Gwendolyn Leick wie eine Frau, die ein Windhauch umblasen könnte. Zart, grauhaarig, mit leicht verzerrtem Gesicht, als hätte sie einen Schlaganfall hinter sich.

Tatsächlich ist 65-jährige Dame knapp 53 kg schwer und Gewichtheberin. Als hätte sie es mit Mikado-Stäbhcen zu tun, schwingt sie den Barren in die Luft, macht einen eleganten Ausfallschritt und hält schließlich triumphierend das Eisen in die Höhe. Dieses Hobby, in dem sie es zu Weltmeisterschaftstiteln gebracht hat, zählt nur zu einer von vielen Ungewöhnlichkeiten im Leben von Gwendolyn Leick.

Nach und nach legt Ruth Kaaserer in ihrem feinfühligen, unaufgeregten Frauenporträt weitere Schattierungen einer Persönlichkeit frei, deren äußere Contenance mit einer schier unbändigen, inneren Abenteuerbereitschaft korrespondiert. Wo ihr Akzent her kommt, will ein Fotograf wissen. Sie sei Österreicherin, informiert ihn Gwendolyn, lebe aber in London, seit sie 1975 ihre Dissertation über babylonische Flüche geschrieben habe.

Als wäre sie mit ihrer Protagonistin heimlich per Sie, hält Kaaserer zarten Abstand, ohne dabei an Innigkeit einzubüßen. Die leichte Verschiebung von Gwendolyns Gesichts ist das Resultat eines Gehirntumors, dessen drohende Gefahr trotzdem keinen Schatten auf das Leben der Betroffenen wirft.

Gelassenheit

Unbeirrt spaziert Gwendolyn Leick durch ihr selbstbestimmtes Leben, trifft sich mit ihrem ivorischen Ehemann auf ein afrikanisches Mittagessen oder übt Gewichte heben. Ihr Trainer ist sichtlich beeindruckt von der unbeirrbaren Frau und ihre Gelassenheit dem Leben (und dem Tod) gegenüber. Wenn es zu arg wird, müsse man sich frisches Leiden erfinden, so sein Rat, frei nach dem Motto: "Wenn es weh tut, erfinde einen neuen Schmerz. Der lenkt ab."

INFO: Ö 2017. 87 Min. Von Ruth Kaaserer. Mit Gwendolyn Leick, Joseph Leick, Patrick Atteridge.

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