Kultur
11.07.2017

Guns N' Roses in Wien: Rock-Marathon mit Spätzündung

Die Show mit der langersehnten Reunion von Gitarrist Slash und Sänger Axl Rose wurde erst gegen Schluss gut.

Zwei Konzerte in einem bekamen 55.000 Besucher beim Auftritt von Guns N’ Roses Montagabend im Ernst-Happel-Stadion in Wien. Denn die Truppe, die auf dieser Tour in der legendären Besetzung mit Sänger Axl Rose, Gitarrist Slash und Bassist Duff McKagan unterwegs ist, spielte volle drei Stunden - doppelt so lang wie üblicherweise Acts, die halb so alt sind.

Allerdings begann das Set mit 28 Songs, allen Hits, vielen Solis und Coverversionen (etwa „The Seeker“ von The Who und „Wish You Were Here“ von Pink Floyd) chaotisch. Der Sound war katastrophal schlecht, der Gesang von Rose war nicht zu hören und aus einem dahin stampfenden, wummernden Soundbrei hoben sich nur manchmal ein paar Töne von Slashs Gitarre oder das Gekreische von Rose, wenn der seine höchsten Tönen strapazierte. Erstmal eine herbe Enttäuschung.

Fotos der Show

Guns N' Roses in Wien: Die Fotos

1/11

Speziell, weil viele der Fans fast 25 Jahre drauf gewartet haben, Rose und Slash wieder gemeinsam auf der Bühne zu sehen. Diese beiden Frontleute hatten die Band Ende der 80er-Jahre gemeinsam zu Weltruhm geführt, haben sich aber Anfang der 90er so zerstritten, dass Rose Slash einmal sogar als „Krebsgeschwür“ bezeichnet hatte.

Wie aussichtslos die Reunion deshalb noch vor wenigen Jahren schien, deuten Guns N’ Roses mit dem Tour-Titel „Not In this Lifetime“ an. Was Slash und Rose voriges Jahr bewogen hat, diese tiefen Risse in ihrer Beziehung zu kitten, verraten sie nicht. „Es war Zeit, die Negativität gehen zu lassen“, sagt Slash. „Wir bekamen ein Angebot vom Coachella-Festival, haben uns zusammengesetzt und den Rest unsere Managements ausmachen lassen“, sagt Rose. Die Höhe des finanziellen Angebotes, sagen beide, sei definitv nicht der Grund gewesen.

So ganz mag man Letzteres beim ersten Teil des Auftritts im Ernst-Happel-Stadion nicht glauben. Abgesehen von dem schludrigen Sound ist auch das Zusammenspiel holprig. „Welcome To The Jungle“ und „You Could Be Mine“ klingen uninspiriert runter gespielt. Hin und wieder flackert - vor allem bei den Soli von Slash - so etwas wie Feeling auf. Aber Rose wirkt hier wie jemand, der seinen Job macht, um damit fertig zu werden. Von der Leidenschaft und dem Feuer, das Guns N’ Roses-Konzerte in den 80er-Jahren ausstrahlten, ist hier wenig zu spüren.

Das ändert sich erst nach eineinhalb Stunden. Der Sound ist besser geworden. Wirklich gut ist er immer noch nicht, aber zumindest hört man Rose jetzt singen. Man hört, dass er prächtig bei Stimme ist, dass die Probleme mit dem Kehlkopforgan, die er vor einigen Jahren beim Nova Rock hatte, komplett überwunden sind.

Zudem mischen sich unter die dröhnenden, hämmernden Rocknummern jetzt auch andere Klänge: Ein Klaviersolo von Keyboarder Dizzy Reed, die Ballade „This I Love“ vom Album „Chinese Democracy“ von 2008.

Und dann setzt Slash zum Solo an: Lange, gedehnte Töne, viele schnelle Töne, ein bisschen Boogie-Rhythmus und das Thema von „Speak Softly Love“ dazwischen – auf einmal geht jeder Ton unter die Haut. Dann fällt er in das Riff von „Sweet Child O’ Mine“ und irgendwie ist es so, als würde das Konzert jetzt erst richtig beginnen. Plötzlich erinnert die Kraft des Sounds doch noch ein bisschen an die triumphalen Konzerte von anno dazumal. Und auch Rose wirkt, als bekäme er erst jetzt so richtig Lust auf die Show.

Zum Glück haben Guns N’ Roses ein so langes Programm, bei dem sie sich auch noch viele ihrer Live-Klassiker („November Rain“ oder „Knocking On Heavens Door“) für den zweiten Teil aufgehoben haben. So gibt es danach noch genug, was Spaß macht. Aber als dann nach ihrem größten Hit „Paradise City“ mit einem Feuerwerk wirklich Schluss ist, bleibt trotzdem ein ambivalentes Gefühl. Die Enttäuschung des verpatzen Beginns konnte das gelungene Finale dann doch nicht ganz auslöschen.

KURIER-Wertung: