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Kultur
03/25/2012

Gugging-Direktor: "Kunst therapiert nicht"

Direktor Johann Feilacher über das Haus der Künstler in Maria Gugging. August Walla, einem der faszinierendsten Art Brut-Künstler, ist ab 29. März eine große Ausstellung gewidmet.

Ab 29. März ist im Art/Brut Center in Maria Gugging, 20 km nördlich von Wien, eine große Walla-Ausstellung zu sehen. August Walla (1936-2001) zählte zu den bekanntesten und faszinierendsten Art-Brut-Künstlern. Ob er nun alle Wände seines Zimmers - inklusive Plafond und Fußboden -  oder seine Umgebung mit den farbenfrohen Werken bereicherte; Walla zählte auch zu den facettenreichsten Persönlichkeiten unter den Gugginger Künstlern. Egal ob als Maler, Text- und Schriftexperimentator oder als skurriler Land-Art-Künstler; das Museum Gugging zeigt 2012 die bisher umfassendste Werkschau.

Wenn Museumsdirektor Johann Feilacher auf Walla zu sprechen kommt, gerät er ins Schwärmen. Der ausgebildete Psychiater und Bildhauer verbrachte zehn Jahre mit dem Art-Brut-Künstler. Er war es auch, der vor 25 Jahren aus dem klinisch orientierten Zentrum in Maria Gugging eine Wohngemeinschaft für Künstler gründete, mit eindeutig künstlerischem Schwerpunkt. KURIER.at sprach mit Johann Feilacher über diese Veränderungen, wie man auf die Idee kommt, seine Patienten zeichnen zu lassen und die Besonderheiten von Art Brut.

Johann Feilacher: Leidenschaft für Art Brut

Die Künstler aus Gugging zählen heute zu den wichtigsten Vertretern der Art Brut und haben in den letzten 30 Jahren internationales Renommee erlangt. Entscheidend dazu beigetragen hat der Künstler, Psychiater und heutige Museumsdirektor Johann Feilacher, der vor 25 Jahren das noch klinisch orientierte "Zentrum für Kunst und Psychotherapie" in eine Wohngemeinschaft für Künstler umgewandelt hat. Das Art/Brut Center in Gugging beherbergt neben dem heutigen Haus der Künstler auch das 2006 eröffnete Museum, eine eigene Galerie sowie ein offenes Atelier. Feilacher sprach mit KURIER.at über die Anfänge des Hauses, seine Leidenschaft für Art Brut und wie er nächtelang im Atelier von Johann Hauser verbrachte, weil dieser nur in Gesellschaft malen wollte.

KURIER.at: Im Haus der Künstler leben seit 25 Jahren Menschen, die durch ihre künstlerische Arbeit weltweit als Künstler aus Gugging bekannt geworden sind. Was hat sich in dieser Zeit verändert?
Johann Feilacher: Ursprünglich wurde das Haus vor 30 Jahren von Leo Navratil (Anm. österreichischer Psychiater, ehemaliger Leiter der Anstalt Gugging, † 2006) als Zentrum für Kunst und Psychotherapie gegründet. Die Leute, die da waren, hatten einfach ein besonderes Talent, sie waren Künstler. Deshalb habe ich es in Haus der Künstler umbenannt. Damals war das eine ganz kleine Gesellschaft, die in einem relativ kleinen Haus gewohnt hat, wo auch Werke präsentiert wurden.

Warum haben Sie das Haus umbenannt?
Als ich 1983 dazukam, hat Leo Navratil diese talentierten Leute bereits gefördert und auch schon Ausstellungen mit ihnen gemacht. Aber er hat immer nur von Patientenkünstlern gesprochen. Da war ich dagegen. Patient bin ich auch von meinem Zahnarzt, meinem Internisten etc. Das ist die Privatsache jedes Einzelnen. Entweder ich bin Künstler oder nicht. Deshalb war für mich klar, dass es das Haus der Künstler werden musste.

Wie haben die Menschen hier im Ort auf das Haus der Künstler reagiert?
Früher haben sie es gar nicht registriert, das war ja alles Klinikgelände. Da war der Pavillon 11 einer der vielen Abteilungen. Wie ich das mit dem damaligen Direktor umgewandelt habe, war das keine medizinische Abteilung mehr, sondern nur noch eine Wohngemeinschaft. Das war den Anderen ziemlich egal. Erst später, wie es möglich war, das Ganze zu privatisieren und von der Klinik abzuspalten, waren wir völlig frei. Das war im Jahr 2000. 1997 haben wir dieses Gebäude hier geleert; ein altes, desolates Klinikgebäude. Das hab ich damals mieten können und habe hier die erste Galerie eingerichtet. Natürlich kam damals schon die Idee eines Museums auf, aber die haben uns alle für wahnsinnig gehalten. Damals hatte niemand Geld.

Wie ging es dann weiter?
Ich habe ein Projekt mit dem Namen "Integratives Kulturzentrum" ins Leben gerufen. Was es damals wie heute genügend gab waren Arbeitslose. Ich habe durch ein so genanntes Arbeitsmarktprojekt versucht, Langzeitarbeitslose am Objekt des Gebäudes zu trainieren und sie dann wieder in den primären Arbeitsmarkt zu bringen. Dafür gab es damals Geld. Das haben wir fünf Jahre lang gemacht, dann war die erste Etage fertig. Daraufhin hat die niederösterreichische Landesregierung der Finanzierung einer zweiten Etage zugestimmt. So konnten wir 2006 dann ein Museum eröffnen.

Wie ist Leo Navratil auf die Idee gekommen, seine Patienten zeichnen zu lassen?
Das ist ganz zufällig passiert. In den 1950er-Jahren gab es hier circa 1000 Patienten und zwei Ärzte. Die hatten einfach keine Zeit, sich mit jedem täglich zu beschäftigen. Da hat Leo Navratil dann Zeichentests eingeführt. Wenn jemand jeden Tag einen Baum zeichnet, kann man ganz schnell Veränderungen wahrnehmen. Gleichzeitig hat er im Verlauf von Jahren gesehen, dass Einzelne unter ihnen ganz besonders gezeichnet haben und sich nicht so einordnen ließen. Das hat ihn dann interessiert.

Glauben Sie, dass Kunst im Allgemeinen einen positiven Einfluss auf therapeutische Prozesse hat?
Nein. Kunsttherapie ist zwar eine Form der Therapie, aber das Produkt spielt hier keine Rolle. Es geht um den Prozess. Das hat mit Kunst nichts zu tun, Kunst heilt nicht, Kunst therapiert nicht. Aber: Was schon positive Effekte hat ist, dass jemand die Dinge erfüllt bekommt, die jeder Mensch braucht; eine Funktion in der Gesellschaft, er braucht die Möglichkeit, andere einzuladen, das ist wichtiger als Almosen zu bekommen, er braucht die Notwendigkeit einer gewissen Freiheit mit der er sein Leben gestalten kann. Und wenn er diese Dinge nicht hat, wird er automatisch krank. Menschen, die psychische Erkrankungen haben, haben das nicht. Ich habe versucht, ihnen diese Möglichkeiten wieder zu bieten.

Wie haben Sie das gemacht?
Ich hab versucht, das auf eine ganz normale künstlerisch-organisatorische Ebene zu bringen, wo der Künstler in dem Sinn gefördert wird, dass die Teile übernommen werden, die er selber nicht kann; und er macht die Kunst. Und da ich ja selber als Künstler arbeite, kenne ich das Geschäft von beiden Seiten. Ich habe versucht, die Künstler weltweit so zu vertreten, wie man jeden anderen Künstler vertritt.

Wonach wählen Sie die einzelnen Künstler aus?
Bei der Auswahl der Werke spielt nur die Qualität eine Rolle, das hat mit sozial nichts zu tun. Wenn man international bestehen will, muss man halt bestimmte Qualitätskriterien einhalten, sonst ist man chancenlos. Der Weg hat aber funktioniert und die Künstler wurden weltweit in bisher 180 Ausstellungen gezeigt. Qualität in der Kunst ist immer bestimmten Strömungen unterworfen. Letztendlich bestimmt die gesamte Gesellschaft den Künstler oder die Künstlerin. Ich präsentiere sie dann hier, in New York, in Tokyo etc. und dann kommt die Response. Also bis jetzt hat`s immer gestimmt.

Wieviele Künstler leben derzeit im Haus?
Derzeit leben dort sechs von der Galerie vertretene Künstler. Zwei weitere vertretene Künstler leben außerhalb.

Gibt es da einen gewissen Erfolgs- oder Schaffensdruck?
Jeder macht, was er will. Ein Art Brut-Künstler ist ja auch nicht wirklich beeinflussbar. Das ist nicht so kompliziert wie bei den üblichen Kunstgesellschaften mit den üblichen funktionierenden Mechanismen von hinten herum und oben drüber; die Spielchen, die halt überall betrieben werden. Da läuft alles sehr klar und sehr direkt.

Was ist der Unterschied zwischen Art Brut und autodidaktischer Kunst?
Autodidaktisch heißt nur, ich habe keine Schule besucht. Art Brut ist eine Kunst, die von Kunst nicht beeinflusst ist. Das ist das Ausschlaggebende. Art Brut ist beeinflusst vom Leben rundherum, aber sie nimmt nicht Bezug auf irgendwelche Kunstströmungen. Das heißt: Kunst interessiert einen Art-Brut-Künstler überhaupt nicht; deshalb lassen sie sich auch nicht beeinflussen.

Was ist das Besondere an Art Brut für Sie?
Das ist eben genau dieses Unbeeinflusste. Das Schwierige an der Kunst ist ja, sich von den tausend Vorbildern zu lösen, die man im Kopf hat. Das braucht die Art Brut nicht. Man muss alle Vorbilder über Bord werfen, um zu einem eigenen Weg zu kommen. Und diese Jahre erspart sich der Art-Brut-Künstler. Es ist faszinierend, wie das alles ohne große Zitate der Kunstgeschichte entsteht.

Die erste Ausstellung 1970 in der Galerie Nächst St. Stephan war kunstgeschichtlich sehr bedeutsam…
Das war eigentlich eine Auffrischung einer Strömung, die es bereits in den 1920ern gab, die dann aber sprichwörtlich von den Nazis umgebracht wurde. 1937 gab es in Berlin und Wien die Ausstellung "Entartete Kunst" und erst nach der Beendigung des Nazi-Regimes kam das alles wieder auf. Eigentlich haben das die Avantgarde-Künstler der 1950er und -60er wieder aufgenommen, nicht die Psychiatrie. Arnulf Rainer hat als Erster ein Bild aus Gugging ausgestellt und zwar bereits 1969 in der Secession.

Wie ist die Ausstellung damals angekommen?
Das war eine große Streitfrage. Da ging es um philosophische Themen, ob etwas Kunst genannt werden darf, was ohne dem Bewusstsein Kunst zu schaffen, produziert wurde. Was ein absoluter Blödsinn ist. Jedes Werk der Tribal Art, der Gothik oder der Klassik wurde niemals im Sinne eines zeitgemäßen Kunstbetriebs geschaffen. Die Künstler der Antike waren Handwerker. Künstler waren beauftragt, etwas abzubilden.

Wie hat sich der Markt für die Künstler aus Gugging seither verändert?
Bis Ende der 1980er gab es einen unglaublichen Boom. Dann kam der Krieg im Irak. Die Amerikaner haben kein Geld mehr für Kunst ausgegeben, sondern nur noch für Waffen. Sechs, sieben Jahre später ging es wieder bergauf. Die üblichen Gesetze des Marktes eben. Viele haben natürlich versucht auf den Zug aufzuspringen. Leider wird die Bezeichnung "Art Brut" immer wieder für Sachen benutzt, die weder Art noch Brut sind.

Kennen Sie die Band Art Brut?
Ja! Die haben bei uns mal Werbefotos für ein Cover gemacht (lacht).

In Amerika wird oft der Begriff Outsider Art für Art Brut verwendet…
Es gibt den Begriff, der ist aber nicht mit Art Brut ident. Das hätten sie gern. "Outsider Art" ist ein zufällig entstandener Begriff, den Roger Cardinal 1979 bei einer Ausstellung in der Hayward Gallery in London entwickelt hat. Den Begriff hatte eigentlich ein Journalist erfunden, für Künstler die von außerhalb kommen und Cardinal hat ihn gleich aufgegriffen. Das war den Amerikanern und Engländern viel lieber als ein französischer Begriff. Jetzt wurde in diesen Topf alles hineingeschmissen, was nicht Contemporary Art war, denn klassische, alte Art Brut gab es in Amerika nicht, zumindest war sie damals nicht bekannt.

Was erwartet die Besucher im Museum Gugging?
Ich warte hier mit Raritäten auf, damit die Besucher aus Wien hierher kommen. Ich habe viele Ausstellungen gemacht, die weltweit einmalig waren. Man muss hier mit Superlativen antanzen. Der Aufwand muss sich lohnen.

August Walla gehört zu den bekanntesten Künstlern aus Gugging
Walla hat hier im Haus der Künstler gewohnt uns war sicher einer der vielseitigsten Art-Brut-Künstler des 20. Jahrhunderts. Ich möchte alle seine Facetten zeigen, vom Schreiber bis zum Philosophen und seinen klassischen Malereien, aber auch seine Aktionen in der Umgebung. Wo immer er hin gefahren ist, hat er seine Spuren, geheime Botschaften und Bilder hinterlassen. Ich habe ihn zehn Jahre lang begleitet.

Da denkt man irgendwie an Street Art…
Walla macht das ja schon seit 40 Jahren und wurde auch schon in zahlreichen Graffiti-Büchern erwähnt. Das stimmt genau. Komischerweise wurde man zuerst außerhalb von Österreich auf ihn aufmerksam.

Neben den temporären Schauen gibt es auch einen permanenten Ausstellungsbereich...
Dort werden die sogenannten "gugging classics" gezeigt; in erster Linie Bilder, die in den Medien waren und Aufmerksamkeit erregt haben. Zum Beispiel die "Mona Lisa" von Johann Hauser. Mit 26.000 Pfund hat das Bild bei einer Auktion 1987 in London einen Rekordpreis im Art-Brut-Segment erlangt. Heute ist es das Zehnfache wert.

Johann Hauser hat seine Großformate immer in Begleitung und nur in der Nacht gemalt. Alleine war ihm langweilig. Dazu hat er stark geraucht. Das hat ihm letztendlich auch das Leben gekostet.

Info: Das Art Brut Center in Gugging

Das Museum Gugging beherbergt einen permanenten Ausstellungsbereich mit den "gugging classics" und einen Bereich für wechselnde Präsentationen.

Bis 28. Oktober ist in Gugging die große Walla-Ausstellung zu sehen. August Walla zählte neben Oswald Tschirtner, Johann Hauser und Johann Fischer zu den prominentesten "Gugginger Künstlern".

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