Kultur
04.02.2018

Günter Brus: Vom Staatsfeind zum Kunst-Weltstar

Nach seiner „Uni-Aktion“ im Jahr 1968 galt der Maler und Schriftsteller Günter Brus lange Zeit als Staatsfeind. Heute zählt der gebürtige Steirer zu den weltweit wichtigsten Künstlern.

KURIER: Wann wurde Ihnen eigentlich bewusst, dass Sie Künstler werden wollen?

Brus: Ich habe schon als Kind gerne gezeichnet und geschrieben. In der Schule hat der Lehrer einmal den Direktor in die Klasse kommen lassen und einen Aufsatz von mir vorgelesen. Der hat dann nur gesagt, wir haben jetzt einen Dichter im Haus.

Sie haben in Graz an der Grafischen Hochschule studiert und sind dann nach Wien an die Akademie für angewandte Kunst gewechselt.

Ja, als ich dort zur Aufnahmeprüfung wollte, hat mich die Dame an der Anmeldung gefragt, wie ich heiße. Als ich Brus gesagt habe, meinte sie nur, dass ich keine Prüfung machen muss, meine Bewerbungsmappe hätte für die Aufnahme gereicht. Die haben mich gleich genommen.

Sie haben die Akademie aber nach zwei Jahren wieder verlassen. Warum eigentlich?

Ich habe diese miefige Atmosphäre dort nicht ausgehalten. Höhepunkt moderner Kunst war dort Picasso, von einem Jackson Pollock oder anderen hatten sie noch nie etwas gehört.

Wie haben Sie das Wien der späten Fünfzigerjahre damals erlebt?

Wien war unglaublich grau, die Häuser, alles grau. Die Atmosphäre war für mich als Künstler unerträglich. Ich will nicht sagen, dass das ein Polizeistaat war, aber es wurden viele schlechte Manieren der Nazizeit übernommen.

Hat Sie diese Atmosphäre als Künstler geprägt?

Ja, das hat meinen Widerstandsgeist geweckt.

Wann begann Ihre Metamorphose, also, wie wurden Sie vom Künstler zum Aktionskünstler, der sich in seinen Aktionen selbst schwer verletzte?

Anfänglich habe ich großformatige Bilder im informellen Stil gemalt, ich war damit aber nicht wirklich zufrieden. Dann lernte ich in kurzen Abständen hintereinander Otto Mühl, Hermann Nitsch und Rudolf Schwarzkogler kennen, da hat sich eine Gemeinschaft gebildet, die sich von der klassischen Malerei abwenden wollte.

ie galten in dieser Gruppe, die später als „Wiener Aktionisten“ bekannt wurde, als der Radikalste.

Auf diese Beschreibung lege ich keinen Wert, wir haben uns alle unterschieden. 1963 habe ich erste Überlegungen angestellt, dass ich nicht mehr die Leinwand, sondern mich selbst bemale. Ich wurde in meiner Kunst in der Folge immer nackter und habe dann anstatt zu Pinsel und Bleistift zur Rasierklinge gegriffen und damit am Körper Linien gezogen.

Sie wurden in Ihren Aktionen immer extremer, manche hatten Angst, dass das in einem Suizid enden wird. Wann war für Sie die Grenze erreicht?

Das war bei meiner letzten Performance in München 1970, die ich Zerreißprobe nannte. Das war schon sehr an der Grenze des familiär Erlaubten. Nach Gesprächen mit meiner Frau habe ich mich damals selbst davon befreit.

Gab es noch Pläne für extremere Performances?

Ja, ich wollte mir einen Nagel durch den Fuß schlagen und auf einem Holzbrett durch die Welt gehen.

1968 wurden sie dann mit Ihrer Uni-Aktion, die der Boulevard „Uni-Ferkelei“ nannte, über Nacht zum Staatsfeind. Wie kam es dazu, und war das Kunst oder im Sog von 1968 eine Protestaktion?

Die damaligen linken Studenten des SÖS sind an uns – speziell an die Wiener Gruppe um Peter Weibel und Oswald Wiener – herangetreten, weil sie die Studentenschaft aufwühlen wollten. Als Kunst betrachte ich das nicht, das war mehr eine Protestaktion, in der ich Elemente wie das Urinieren und Defäkieren eingebracht und dabei die österreichische Hymne gesungen habe. Man hat ja vorher unter den Studenten abgestimmt, ob der Brus überhaupt dabei sein darf.

Sie saßen danach in Untersuchungshaft und wurden zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt – wegen Herabwürdigung von Staatssymbolen. Der ehemalige NS-Arzt Heinrich Gross nannte Sie einen Psychopathen.

Die Aktion wurde von der Tagespresse unglaublich skandalisiert, ich hatte schon Angst, dass sie das Militär gegen mich einsetzen. Ich bekam Drohbriefe, wurde auf der Straße und beim Einkaufen angepöbelt, überall, wo ich hinkam, glotzte man mich an. Wir haben uns dann in einer Nacht- und Nebelaktion entschlossen, nach Berlin zu flüchten, nachdem über 2.000 Unterschriften gesammelt worden waren, damit man uns unsere Tochter wegnimmt.

Wie war Berlin im Vergleich zu Wien damals?

Das war im Vergleich eine offene und liberale Gesellschaft, für mich war das sehr befreiend.

Ab wann verdienten Sie mit Ihrer Kunst Geld?

Anfänglich gar nicht, in Wien verdiente ich als Kohlenschaufler am Nordbahnhof etwas Geld. In Berlin hatten wir Glück, meine Frau fand schnell Anschluss und konnte als Schneiderin arbeiten, sie hat für viele internationale Popstars Mode gemacht. Ich selbst war in Deutschland durch meine Aktionen ein wenig bekannt. Dann bekam ich aber eine Ausstellung in Köln und wurde später zur documenta eingeladen, danach ging es richtig los.

Sie hatten in Berlin zwei bemerkenswerte Begegnungen. Die eine war mit Rainer Langhans von der berühmten Kommune 1 und die andere mit Gudrun Ensslin, einer RAF-Terroristin. Wie kam es dazu?

Durch Zufall. Ich saß in einer Villa in Zehlendorf im Garten und habe gerade etwas geschrieben. Heute darf man es ja sagen, aber der mittlerweile verstorbene Hausbesitzer war offenbar ein Unterstützer der RAF. Auf einmal kam eine blonde Dame durchs Tor herein. Sie hat sich als Gudrun Ensslin vorgestellt und mir erzählt, dass sie gerade vom Kaufhaus-Brand in Frankfurt kam und auf der Flucht war. Ich habe dann meine Bedenken geäußert, dass bei dem Anschlag auch Menschen ums Leben hätten kommen können, dass die Versicherung den Schaden bezahlt, und dass es nur Unschuldige trifft. Sie hat darauf nur gemeint: „Das muss jetzt sein. Jetzt geht's in ganz Europa los.“ Sie war zu dem Zeitpunkt schon ganz verblendet. Ich habe das nie verstanden.

Und mit Langhans?

Diese Kommune war keine große Idee, Langhans hat nur von sich selbst gesprochen und mir Presseberichte über sich vorgelegt. Alles andere hat ihn nicht interessiert. Ich war dann mit ihm auf einer Veranstaltung in einem Haus, das von Studenten besetzt war, dort hielt er eine Brandrede für die Legalisierung von Haschisch. Währenddessen wurde draußen ein Bus mit einer Ladung Haschisch angezündet. Alle haben dann wie wild geschnüffelt, das war lustig. Aber das war es auch schon.

Otto Mühl hatte auch die Idee einer Kommune. Haben Sie ihn am Friedrichshof im Burgenland besucht? Und wussten Sie von den schrecklichen Dingen, die dort passierten?

Wir waren zwei-, dreimal dort. Meine Frau hatte damals auch über alternative Kindererziehung nachgedacht. Aber die haben bei unseren Besuchen alles für uns inszeniert, das war nicht echt, wie wir später erfahren mussten, und es kam dann auch zum Bruch mit Mühl.

Wie kam es dazu?

Wir haben ihn auch auf La Gomera zweimal besucht, dort wurden wir Zeuge von einer Kindesbestrafung. Meine Frau hat ihn dann vor seinen Anhängern, die ihn ja als Heiligen verehrten und die keinen Widerspruch an ihm gewohnt waren, als Faschisten mit Ceaucescu-artigen Zügen beschimpft. Er wurde damals sehr nervös, die Kritik an ihm, das war wie eine Palastrevolution. Wir haben dann den Kontakt sofort abgebrochen.

Sie werden heuer 80 Jahre alt, wie hat sich Österreich zu damals, als Sie Ende der Sechzigerjahre weggingen, verändert?

Es ist gänzlich anders, das hat unter Bruno Kreisky, begonnen, von damals an ging es, bei allen Mängeln und Fehlern, demokratisch aufwärts.

Heute haben wir eine rechte Regierung, die vielfach kritisiert wird. Vor allem gegenwärtig die FPÖ, die sich von ihrem rechtsextremen Rand offenbar nicht abgrenzen kann. Wie sehen Sie das gegenwärtig?

Die Affäre Landbauer hat mir natürlich wieder zu denken gegeben, dass da in diesen Reihen etwas schlummerte, das nicht auszubrechen wagt. Man spürt förmlich die schlechte Luft, die diese Regierung verbreitet, ich weiß nicht, wie lange das gut gehen wird.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie ein glühender Europäer sind. Was bedeutet Europa für Sie?

Ein Grund auch in meinem hohen Alter Österreich wieder zu verlassen, wäre ein Austritt aus der EU. Den Europagedanken aufzugeben, das würde ich nicht ertragen. Das isolierte und nationale Denken, das ist mir völlig fremd.

Zurück zur Kunst – wie schätzen Sie gegenwärtig den Kunstmarkt ein?

Das ist alles grauenhaft, das ist eine Vermarktung mit brutalsten Methoden, ich nehme daran nicht mehr teil, ich stelle nur mehr in Museen aus und nicht mehr in Privatgalerien aus. Aber nicht aus Hochmut, sondern aus reiner Zweckmäßigkeit, ich möchte mit diesen Gangstern nichts mehr zutun haben.

Interessieren Sie sich eigentlich noch für andere Kunst?

Nur noch ein wenig, ich habe alle Kunstzeitschriften abbestellt, mir wurde nur mehr schwindlig beim Durchblättern, lauter Imitationen und Plagiate, das ist alles schon einmal da gewesen.

Auch nicht für die neuen großen Österreicher, wie etwa Erwin Wurm?

Das ist ein plastischer Witzezeichner. Ich habe damit keine Freude mehr.

Haben Sie künstlerisch alles erreicht?

Ja und darüber hinaus, ich bin zufrieden in jeder Hinsicht.

Was soll über Sie eines Tages rückblickend gesagt werden?

Er war ein vielfältiger Künstler, der auf allen Gebieten das Beste geleistet hat.

Zur Person:

Neben Otto Mühl, Hermann Nitsch und Rudolf Schwarzkogler gilt Günter Brus, der 1938 geboren wurde, zu den radikalsten Vertretern des Wiener Aktionsmus. Seine Performances, bei der er seinen Körper in den Mittelpunkt stellte, endeten in der Regel mit brutalen Selbstverletzungen. Bekannt wurde er 1968 bei einer Protestaktion an der Uni Wien, bei der er beim Absingen der Hymne urinierte und defäkierte. Das Museum of Modern Art New York hat Brus jüngst unter die weltweit bedeutendsten lebenden Künstler gewählt. Das Belvedere 21 widmet ihm zur Zeit eine große Ausstellung.