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Kultur
12/05/2011

Guardian: Redaktionsschluss abgeschafft

Die britische Zeitung The Guardian lebt die Medienzukunft: Der Leser plant Geschichten mit, das Internet ist gleichwertig mit Print.

von Georg Leyrer

Da sage noch mal einer, Zeitungen sind nicht so aktuell wie die Nachrichten im Internet: Die Leser der britischen Zeitung The Guardian wissen schon heute, was morgen in der Zeitung steht. Das linksliberale Qualitätsblatt veröffentlicht seit Kurzem täglich online die Themenliste (Ausnahme: Exklusivgeschichten) des morgigen Blattes - inklusive der Namen jener Journalisten, die an den Artikeln arbeiten. Auch längerfristige Artikel-Ideen werden publik gemacht. Damit gibt der Guardian den Lesern die Chance, bereits während der Entstehung von Geschichten den Journalisten ihre Meinung dazu zu sagen. Um das Resultat durch divergierende Meinungen oder Leser-Ideen vielleicht besser zu machen.

Denn das langjährige Credo, dass Journalisten immer mehr wissen als ihre Leser, wurde fallen gelassen. Und auch ein wirtschaftlicher Vorteil gegenüber der Konkurrenz ist damit dahin: Eigentlich ist die Planung der kommenden Ausgabe ein gut gehütetes Geheimnis. Aber "der Himmel ist uns nicht auf den Kopf gefallen", resümiert die Zeitung süffisant nach dem Start.

Dieses Experiment der Leserbeteiligung ist aber nicht der einzige innovative Schritt der Zeitung: Der Guardian gilt derzeit weltweit als jenes Blatt, das die Zukunft der Zeitungen im Online-Zeitalter schon heute umfassend vorlebt. Da geraten auch journalistische Heiligtümer ins Wanken: So wurden der Redaktionsschluss abgeschafft und dem Internet die gleiche Bedeutung gegeben wie der Printausgabe. Artikel werden sofort nach der Fertigstellung auf der Webseite der Zeitung veröffentlicht.

Überallzeitung

Rund um die Uhr wird eine aktuelle Ausgabe des Guardian bereitgestellt. G24 heißt diese und ist als Textdatei auf der Webseite herunterzuladen. Wer will, kann sie sich auf Papier ausdrucken, am Bildschirm lesen, am Handy mit in die U-Bahn nehmen. Oder eben die Printausgabe kaufen.

Auch neue Möglichkeiten im Journalismus werden berücksichtigt: Denn immer mehr Ministerien und NGOs stellen computerlesbare Rohdaten - etwa die riesigen Textsammlungen von WikiLeaks - zur Verfügung.

Diese bis vor Kurzem in diesem Ausmaß nicht zugänglichen Daten ermöglichen vielfältigste Analysen und neuartige Grafiken. Der Guardian hat diese neue Form das "Datenjournalismus" vorangetrieben. Die Zeitung macht diese Daten auch den Lesern zugänglich. Der Leitspruch dahinter: "Fakten sind heilig".