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Kultur
12/05/2011

Grimaud: "Liszt war ein geniales PR-Genie"

Zum 200. Geburtstag von Franz Liszt spricht Pianistin Hélène Grimaud über die bedrohte Spezies Klassik-Musiker und deren Selbstvermarktung.

von Peter Jarolin

Er war der erste Popstar der Klassikwelt. Geliebt, gehasst, verehrt und ob seines Wesens mitunter auch gefürchtet: Franz Liszt. Am 22. Oktober 1811 wurde der geniale Komponist und Pianist im heutigen Raiding geboren. Und auch 200 Jahre später stellen die Klavierwerke Liszts für jeden Pianisten eine riesige Herausforderung dar.
Eine, die Hélène Grimaud erst vor wenigen Tagen im Wiener Konzerthaus mit der "h-Moll-Sonate" bravourös gemeistert hat. "Nicht nur ich mache mit dieser Sonate etwas. Diese Sonate macht auch etwas mit mir. Sie entfaltet während des Spiels ein Eigenleben, dem man sich als Interpretin fügen muss. Da ist wirklich jeder Widerstand zwecklos", lacht Grimaud im KURIER-Gespräch.
Die charismatische Starpianistin sagt auch: "Liszt war tatsächlich ein geniales PR-Genie in eigener Sache. Ich finde das aber gar nicht schlimm. Auch wir Interpreten müssen und sollen heutzutage für unsere Sache, für die klassische Musik eintreten. Immerhin sind wir eine bedrohte Spezies."

Gratwanderung

Bedroht? "Ja. Wenn wir den Menschen nicht zeigen, wie schön, wie bereichernd, wie erfüllend, vor allem wie wertvoll klassische Musik ist, wird eines Tages niemand mehr in die Konzertsäle kommen." Grimaud weiter: "Natürlich ist das immer auch eine Gratwanderung. Wie weit gehe ich? Wie sehr lasse ich mich promoten? Es gibt ja Kollegen, die behaupten, keine Interviews geben zu wollen, weil sie ganz für die Musik leben." Lachend: "Das ist absoluter Blödsinn. Man kann sehr seriös für die Musik leben und dennoch ein wenig die Werbetrommel rühren. Das gehört zum Business."
Also rühren wir auch hier die Werbetrommel: Am 28. Oktober erscheint Grimauds neue CD beim Label Deutsche Grammophon. Nicht Liszt, sondern Mozart hat Grimaud eingespielt; ihre erste Mozart-CD. "Ich bin sehr dankbar, dass es zu diesem Album gekommen ist", meint Grimaud bescheiden.
Und auch die nächste Aufnahme ist in Planung. "Es wird wohl Brahms werden, den ich sehr verehre." Lieblingskomponisten hat Grimaud keinen, denn "das wäre den anderen Genies gegenüber ja höchst unfair".

Wölfe

Zurzeit ist Grimaud auf Tour. In jeder freien Minute aber besucht sie das von ihr gegründete "Wolf Conservation Center" in den USA. "Vom Image der Wolf-Frau komme ich nicht mehr weg", lacht sie. Aber: "Wir haben schon sehr viel zum Schutz der Wölfe und der Natur bewegt." Natur ist Grimaud extrem wichtig; das Schreiben jedoch auch. "Ich arbeite an meinem dritten Buch. Das wird ein fiktives Tagebuch einer Pianistin. Aber ein bisschen was erzähle ich darin auch von mir."

Franz Liszt: Wunderkind, Weiberheld, Genie

Vom Vater zum Wunderkind gedrillt, eroberte der am 22. Oktober 1811 im heutigen Raiding (Burgenland) geborene Franz Liszt bald die Konzertpodien. In Paris, damals das Zentrum der Musik und Literatur, verdiente er sich nach dem Tod des Vaters seine Sporen. Nach rastlosen Wanderjahren als gefeierter, jedoch ebenso angefeindeter Virtuose ließ sich Liszt als Kapellmeister in Weimar nieder. Dort prägte er das musikalische Leben nachhaltig. In Rom sollte Liszt später die Weihen eines Abbé erhalten. Grund dafür war eine seiner vielen, immer gescheiterten Frauenbeziehungen.
Am 31. Juli 1886 starb Liszt in Bayreuth, wo seine Tochter Cosima als Gattin von Richard Wagner lebte. Liszt wurde in Bayreuth beerdigt. Er hinterließ u. a. zahlreiche Klavierwerke, Lieder, Orchesterstücke, Orgel-, und Chorwerke.