Kultur
19.03.2018

Gregor Sailer: "The Potemkin Village"

Gregor Sailer
© Bild: Gregor Sailer

Der Tiroler Fotograf Gregor Sailer zeigt die absurde Welt der Fakes, Kopien und Kulissen.

"Man kann sich selten frei bewegen", sagt der Fotograf Gregor Sailer, der sich mit seinem außergewöhnlichen Projekt "Closed Cities" international einen Namen machte. Sailer bereiste dafür zwischen 2009 und 2012 verschiedene Kontinente, um Aufnahmen von geografisch abgeschiedenen Siedlungen zu machen, die teilweise strengen Zugangsbeschränkungen unterliegen: Flüchtlingslager, Gated Communities, aufgegebene Orte, also "Closed Cities".

"Das war ein enorm aufwendiges Projekt, das mich viel Energie gekostet hat", erinnert sich Gregor Sailer im KURIER-Gespräch in der Albertina. Im Wiener Museum präsentierte der 1980 in Schwaz geborene Fotograf seinen neuen Bildband "The Potemkin Village".

© Bild: Gregor Sailer

Der Titel bezieht sich auf den russischen Feldmarschall Grigori Alexandrowitsch Potjomkin, der – so die Erzählung – vor dem Besuch seiner Herrscherin, Zarin Katharina II., im neu eroberten Neurussland im Jahr 1787 entlang der Wegstrecke Dörfer aus bemalten Kulissen zum Schein errichten ließ, um das wahre Gesicht der Gegend zu verbergen. Daraus wurde nun ein geflügeltes Wort, das Scheindörfer und Fake-Kulissen beschreibt: Das "Potemkinsche Dorf". Ein Ort der Blendung.

Künstliche Landschaften und Städte aufzuspüren und zu dokumentieren, stellte sich als schwierig und herausfordernd heraus. Einige waren einfacher zugänglich, für andere musste sich Sailer mit offiziellen Behörden austauschen. Das verschlingt jede Menge Zeit. "Manchmal kam Monate nichts zurück", erinnert sich Sailer. Oftmals waren es auch Sackgassen, in denen er landete oder in die er bewusst geschickt wurde.

Rund drei Jahre gingen für "The Potemkin Village" in Summe drauf. Monate davon für Recherchen. Sailer setzt sich dabei akribisch mit der Thematik auseinander, liest sich ein, verbringt Tage in Bibliotheken und Nächte im Internet. Alles wird bis ins kleinste Detail abgeklärt.

Complexe de Tir en Zone UrBaine II, French Army, France, 2015 © Bild: Gregor Sailer

Surreal

Erst danach machte sich der Fotograf auf die Reise – zu beklemmend surrealen Siedlungen; zu militärischen Übungsstädten mit leer stehenden Häusern und Moscheen, mit Supermärkten in 2D. Ganze Fake-Dörfer, errichtet für militärische Zwecke. Geschönte Stadt-Kulissen für Propagandazwecke.

Der Weg zu den "Potemkinschen Dörfern" führte aber nicht direkt über die 2013 publizierte Serie "Closed Cities", sondern über ein "Link-Projekt", wie Gregor Sailer es nennt. Für "The Box" fotografierte er die Messerschmitthalle im Stollensystem des alten Bergwerks seiner Heimatstadt Schwaz. Dabei handelt es sich um eine ehemalige Fabrikhalle unter der Erdoberfläche, in der die Nazis Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter unter mörderischen Bedingungen das erste in Serie konstruierte Jagdflugzeug mit Strahltriebwerken bauen ließen. Diese Arbeit, die durch die Ausleuchtung des Raumes zu einer Inszenierung wurde, weckte sein Interesse für Künstlichkeit, Illusion und Bühne.

© Bild: Gregor Sailer

"Ich bin dann auf den Mythos des ,Potemkinsches Dorfes' gestoßen und habe in Russland zwei aktuelle Beispiele dafür gefunden. Ufa und Suzdal. In Suzdal wurde im Rahmen eines Putin-Besuches die Stadt mit Kulissen verschönert. Und in Ufa lud Putin die aufstrebenden Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika zu einem Treffen. Da wurden ganze Straßenzüge und Fassaden verkleidet, um über diesen eigentlichen schäbigen Zustand der Häuser hinwegzutäuschen", sagt Sailer, der dann auf die Thematik der militärischen Trainingszentren gestoßen ist. "Ich habe festgestellt, dass es sich um ein globales Phänomen handelt: Armeen bauen sich Fake-Städte, um sich auf die Kriegsführung vorzubereiten." Eines der größten Trainingszentren wird zurzeit in Sachsen-Anhalt errichtet. "Schnöggersburg" soll die modernste und auch größte Anlage dieser Art in Europa werden. Bis 2020 entstehen auf sechs Quadratkilometern 500 Gebäude, darunter Hochhäuser, Wohnsiedlungen, eine U-Bahnstrecke mit drei Stationen, ein Flughafen, ein Gefängnis, eine Kirche und eine Moschee. Sogar ein Friedhof ist geplant.

Chinas Geisterstädte

Der dritte große Bereich von "The Potemkin Village" beschäftigt sich mit chinesischen Stadt-Nachbildungen. Diese nehmen eine Sonderrolle im Projekt ein, denn "diese Orte wurden vor allem zu Wohnzwecken geschaffen. Aber das Konzept, den Chinesen ein europäisches, exotisches Flair zum Wohnen anzubieten, ist nicht aufgegangen. Die meisten dieser nachgebauten Städte wurden niemals oder nur spärlich besiedelt und angenommen. Mit dem Ergebnis, dass es sich hierbei um Geisterstädte handelt, die jetzt langsam verfallen", sagt Sailer.

Die bekanntesten Nachbauten wie die Paris- und Hallstatt-Kopie wurden vom Fotografen aber bewusst übergangen, da er sich nur auf unbekanntere Beispiele konzentrieren wollte.

Dieser strukturierte, durch und durch konsequente Zugang zeichnen Sailers Arbeiten aus. Er arbeitet ausschließlich mit einer analogen, klobigen Fachkamera. Es ist ein sehr statischer, langsamer, vielleicht veralteter, aber auf jeden Fall sehr spezieller Zugang zur Fotografie.

Thames Town V, Songjiang, China, 2016 © Bild: Gregor Sailer/The Potemkin Village/Gregor Sailer

Diese Arbeitsweise ist aber auch mit Schwierigkeiten verknüpft: "Man hat nicht sehr viel Spielraum, man kann die einzelnen Bilder nicht wiederholen. Deshalb ist es auch sehr essenziell, dass man im Vorfeld so viele Details wie möglich abklärt. Denn wenn man alles nur halb genau organisiert, kann man nur verlieren", erklärt Sailer. Trotzdem bleibe ein gewisses Restrisiko. Vor allem das Wetter, die Lichtverhältnisse könne er nicht am Schreibtisch planen. Aber grundsätzlich versucht er nur in den Wintermonaten zu fotografieren, wegen des besonderen Lichts.

Apropos Reisen. In unsichere Länder macht er sich nicht alleine auf den Weg, das wäre zu riskant. "Vor allem in rechtlosen Staaten, wo eine gewisse Unberechenbarkeit dominiert, ist man zu zweit immer sicherer", sagt Sailer, der am liebsten mit seinem Bruder verreist. Beim aktuellen Projekt hielt sich das Risiko in Grenzen. Natürlich muss man in militärischen Sperrgebieten immer aufpassen, sollte nie abseits des vorgegebenen Weges geraten.

Mit seinen Fotos für "The Potemkin Village" eröffnet Sailer dem Betrachter Zugang zur Welt der Fakes, Kopien und Kulissen und stellen diese mitunter absurden Auswüchse unserer heutigen Gesellschaft in Frage. "Gerade die ,Potemkinschen Dörfer’ sind für mich ein spannendes Symbol dafür, wie absurd teilweise die Ausartungen unserer Gesellschaft sind, egal ob es jetzt wirtschaftliche oder soziopolitische Aspekte sind", sagt Sailer, der versucht, dieses Absurde durch seine Bilder auf den Punkt zu bringen. Dabei bewegt er sich ständig zwischen Illusion und Realität, zwischen Lüge und Wahrheit.

INFO: Gregor Sailer – "The Potemkin Village". Kehrer Verlag. 304 Seiten. 58 Euro. Aktuell kann man bei der Ausstellung "Space and Photography" im Museum der Moderne Salzburg Arbeiten von Gregor Sailer sehen. Noch bis 22. April.

Acht Fragen an Gregor Sailer

KURIER: Erzählen Sie in maximal fünf Sätzen etwas über sich?
Gregor Sailer: Ich bin in der glücklichen Situation, nach vielen, durchaus harten Jahren mittlerweile von meiner Leidenschaft für die Fotografie und Kunst auch leben zu können. Das Spannendste für mich ist die Möglichkeit, die Welt aus stets neuen Blickwinkeln sehen zu können und auch dem Betrachter Zugänge in meist versperrte Welten zu öffnen. Als verheirateter Vater von vier Kindern ist die Schnittstelle zwischen Familien- und Berufsleben jedoch nicht immer einfach. Ohne die großartige Unterstützung meiner Frau wäre dieser Lebensentwurf in der Form für uns nicht möglich. Bleibt etwas Freizeit für mich selbst, um auch einen gewissen Ruhepol zu schaffen, dann lebe ich meine Begeisterung für das Bergsteigen und Skitouren gehen aus.

Lieblingskamera?
Sinar.

Analog oder digital?
In der freien künstlerischen Arbeit analog, im Auftragsbereich digital.

Welche Motive fotografieren Sie gerne?
Architektur im Kontext der urbanen und natürlichen Landschaft.

Können Sie sich noch an Ihr erstes Foto erinnern?
Ein spezielles erstes Foto kann ich so nicht definieren. Im Alter von 10 Jahren erhielt ich meine erste, damals analoge, (Kompakt)kamera und begann die Welt zunehmend fotografisch zu erforschen. Meine erste inhaltlich bewusst konzipierte Serie realisierte ich mit 17.

Was macht für Sie ein gutes Foto aus?
Neben der formalästhetischen und technischen Qualität ist es in erster Linie die inhaltliche Ebene, die die Basis schafft für ein eigenständig positioniertes und starkes Bild.

Welche Fotografen haben Ihre Arbeit beeinflusst?
Während meines Studiums im Ruhrgebiet waren es u.a. die Bechers, Andreas Gursky oder Axel Hütte, später auch Lewis Baltz und Walter Niedermayr.

Welche fotografische Ausrüstung haben Sie normalerweise in Ihrer Tasche?
Bei freien Projekten: Fachkamera Sinar, 4 Objektive/Festbrennweiten, Balgen, Stativ, Planfilm- u. Rollfilmkassetten, Negativfilmmaterial, Lupe, Einstelltuch, Belichtungsmesser u.a.
Bei Aufträgen: komplette Digitalausrüstung mit mehreren Objektiven, Stativ u.a.