Kultur 29.11.2016

Gottfried Bechtold in Linz: Der Bildhauer der Möglichkeitsform

Gottfried Bechtold, Ausstellungsansicht LENTOS, honorarfrei © Bild: /Reinhard Haider

Das vielfältige und witzige Werk des Vorarlbergers wird im Lentos Museum ausgebreitet.

2013 verliehen die Organisatoren der Kunstmesse „Art Austria“ Gottfried Bechtold einen Preis in der Kategorie „Vergessen, vertrieben, verkannt“: Gut gemeint, aber ein bisschen patschert.

Gottfried Bechtold (*1947) wurde nämlich weder vergessen noch vertrieben. „Verkannt“ blieb er nur insofern, als er sich nicht wie viele heutige Erfolgskünstler auf ein Markenzeichen festnageln ließ. Ein solches wäre der „Betonporsche“ gewesen, den er 1971 erstmals in Bregenz parkte. Der Künstler variierte das Auto-Motiv öfters – aber eben nicht nur.

Status-Update

1972 nahm Bechtold an der legendären documenta 5 etwa mit dem Projekt „100 Tage Anwesenheit“ teil: In regelmäßigen Abständen ließ der Künstler in den Ausstellungsräumen durchsagen, wo er sich gerade befand, und nahm damit gewissermaßen das Verhalten heutiger Social-Media-Nutzer vorweg, die auf ihrem Mobiltelefon-Apps ständig irgendwo „einchecken“ müssen.

Die Durchsagen schallen nun auch aus einem Lautsprecher vor dem Lentos Museum in Linz, wo Bechtold bis 26.2. eine breit angelegte Werkschau gewidmet ist. Kuratorin Margareta Sandhofer wählte neben konzeptuellen Arbeiten, Filmen und Videos auch skurrile bis kitschige Gemälde sowie eine 2009 bis 2011 entstandene Serie von Zeichnungen zerborstener Flugzeuge aus.

Material zeigt Potenzial

Im Kern, sagt Kuratorin Sandhofer, sehe sie Bechtold jedoch als Bildhauer. Das Verständnis von Skulptur, das aus den Exponaten spricht, ist allerdings nie statisch, stets changieren die Werke zwischen dem, was physisch sicht- und spürbar ist, und dem, was alles sein könnte.

Gottfried Bechtold, Ausstellungsansicht LENTOS, ho…
Gottfried Bechtold, Ausstellungsansicht LENTOS, honorarfrei © Bild: /Reinhard Haider
Die 21 Meter lange, aus drei verbundenen Eisenträgern gebildete „Schiene Kofler“ (1978), die als bestimmendes Element quer im großen Lentos-Saal platziert ist, verdeutlicht aufgrund einer ausgeklügelten Konstruktion nicht nur ihr Material, sondern auch ihr Potenzial: Wäre die Schiene länger, könnte sie ihr Gewicht nicht mehr tragen und würde einknicken. Würde man sie in Schwingung versetzen, könnte sie durch Eigenresonanz aus der Halterung springen (eine versteckte Sicherungskonstruktion verhindert, dass dies in der Ausstellung passiert, Anm.).

Die Beschleunigungskraft eines Porsche 997 verkehrte Bechtold 2006 kurzerhand ins Gegenteil, indem er das Gefährt – nicht gerade zur Freude des Herstellers, der es zur Verfügung gestellt hatte – in eine Schrottpresse schickte. „Verdichtung“ heißt die Skulptur. Auch das für die Uni Konstanz entwickelte Projekt, bei dem Studierende große Spulen durch die Stadt rollen durften und damit sozusagen den Geist der Universität verbreiten sollten, lotete das Potenzial von Skulpturen aus.

Öffentlicher Raum

Gottfried Bechtold

Signatur 02, 2002, Videost…
Gottfried Bechtold Signatur 02, 2002, Videostill Ultra HD Video (2016), 20:36 Min.: David Glück, im Besitz des Künstlers © Bild: /Gottfried Bechtold/Screenshot David Glück
Wie eine Vielzahl von Modellen, Entwürfen und Fotos zeigt, ist Bechtold bis heute mit Kunst im öffentlichen Raum aktiv. Dabei schafft er es immer wieder, Betrachter aus der Routine zu reißen und zugleich niedrigschwellig und tiefgründig zu sein. In einem Gebäude eines Stromkonzerns verbinden sich Leuchtröhren an einem gewissen Punkt zum Blitz, die Silvretta-Staumauer wird durch die Signatur des Künstlers (2002) zur Skulptur: Die Welt, in der wir leben, könnte stets auch anders sein.
( kurier.at ) Erstellt am 29.11.2016