Kultur 05.12.2011

Gotscheff über Handkes "Immer noch Sturm"

Am Freitag, 12. August, hat in Salzburg Peter Handkes sehr privates Partisanenstück "Immer noch Sturm" Premiere. Dabei trifft Balkanmusik auf Kärntnerlied.

Ich entdecke immer noch Neues", meinte Regisseur Dimiter Gotscheff kürzlich bei einem Pressegespräch in Salzburg. Eineinhalb Tage hat der Entdecker Zeit, dann muss seine Inszenierung von Peter Handkes "Immer noch Sturm" stehen. Freitagabend wird der Text - vom Team liebevoll "eine Zumutung für das Theater, aber so etwas brauchen wir" genannt - auf der Perner-Insel uraufgeführt.

"Still Storm", Shakespeares Überschrift für jene Szene, in der König Lear Donner und Blitz anfleht, seine undankbaren Erbinnen zu vernichten, nahm Handke als Titel für sein bis dato persönlichstes Werk. Auf dem Jaunfeld trifft er als Erzähler-"Ich" auf Großeltern, Mutter, drei Onkeln, Tante und verquickt über sie seine Familiengeschichte mit der des Freiheitskampfs der Kärntner Slowenen gegen die Nationalsozialisten. Wie aus einem Traum tritt die Verwandtschaft auf und konfrontiert den Nachfahren mit der Vergangenheit.

Fakt und Fiktion

Theater-Familie: Bibiana Beglau als mit den Partisanen kämpfende Tante Ursula (li.) und Oda Thormeyer in der Rolle von Handkes Mutter
© Bild: Reuters

Handkes im Vorjahr verstorbener Onkel Georg "Jure" Siutz (der FPÖler im Clan) hatte im Keller alte Dokumente, Feldpostbriefe, Fotos, Urkunden aufbewahrt. Sie sind der Stoff, aus dem der Autor schöpfte und dabei Fakt durch Fiktion korrigierte. So darf etwa Handkes literarischer Lieblingsonkel Gregor, tatsächlich 1943 in Russland gefallen, zu den Partisanen überlaufen und überleben.

Der 2010 bei Suhrkamp erschienene Text ist ein Stück Prosa in Dialogen mit Regieanweisungen: Handke sagt, wie und wo's langgeht. Der ursprünglich als Uraufführer vorgesehene Claus Peymann wich wegen "unterschiedlicher Erwartungen an die Ästhetik der Inszenierung"; zum Zug kamen Gotscheff und das Hamburger Thalia Theater als Koproduzent der Salzburger Festspiele.

Gotscheff, Heiner-Müller-Intimus und nun erstmals mit Handke beschäftigt, räumt "große Schwierigkeiten" bei der Beschäftigung mit dem Text ein, schwärmt aber auch von seiner "Poesie, die ihm eine andere Dimension verleiht", von seiner Sinnlichkeit und Berührungspunkten mit der antiken Tragödie: "Dieses Werk ist ein Epos mit einer Schwerkraft, die uns hineinzieht und der Substanz Stück für Stück näherbringt."

Handkes Bühnen-"Ich" wird Jens Harzer verkörpern. Handkes mit ihm schwangere Mutter spielt Oda Thormeyer, Tilo Werner den Onkel Gregor, Bibiana Beglau Tante Ursula. Das Jaunfeld gestaltet Bühnenbildnerin Katrin Brack als ziemlich leere Ebene. Vier Stunden soll's darauf grüne Blätter regnen. Sandy Lopicic sorgt für den Sound: Balkanmusik mit Beatles-Zutaten. Und Kärntnerlied.

( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011